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LBK Hamburg: Abschied vom Bereitschaftsdienst durch Umorganisation

07.06.2001 - (idw) LBK Hamburg (Landesbetrieb Krankenhäuser)

Neue Klinikkonzepte verlangen neue Arbeitszeitmodelle "Diskussion um Bereitschaftsdienste vom Kopf auf die Füße stellen"

Die Diskussion um Bereitschaftsdienste nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes müsse vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Nach Auffassung des LBK Hamburg gehe es nicht um das Rechtssystem, sondern um die Fragen, ob Bereitschaftsdienste zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch sinnvoll und zeitgemäß sind und wie Krankenhäuser organisiert sein müssen, um ihre Patienten bei kürzeren Liegezeiten mit maximalem Ressourceneinsatz und höchster Qualität versorgen zu können. Das betonte Heinz Lohmann, Vorstandssprecher des LBK Hamburg, am Donnerstag (7. Juni) vor Journalisten.

Man müsse aus der derzeitigen Blockade in der juristischen Kontroverse herauskommen. Der LBK Hamburg wolle einen Anfang machen und innerhalb eines Jahres die Voraussetzungen schaffen, um auf die öffentlich kritisierten und für die Mitarbeiter sehr belastenden Bereitschaftsdienste verzichten zu können. "Bereitschaftsdienste sind Relikte vergangener Zeit und überholter Klinikstrukturen. Ins 21. Jahrhundert und in den LBK Hamburg gehören sie jedenfalls künftig nicht mehr", sagte Lohmann. Deshalb sehe das bundesweit neuartige Klinikkonzept 'KLINOVA', das der LBK Hamburg seit etwa 2 ½ Jahren entwickelt und derzeit umsetzt, regelhafte Bereitschaftsdienste auch nicht mehr vor. Interdisziplinär ausgerichtete Patientenversorgung in medizinischen Zentren, moderne Klinikabläufe und -prozesse in den LBK-Kliniken erfordern nach Aussagen Lohmanns die volle Arbeitskraft des ärztlichen und pflegerischen Personals nicht nur werktags bis 16.30 Uhr. Medizin und nachstationäre Versorgungssysteme machen kürzere Liegezeiten möglich und intensivieren damit gleichzeitig die Arbeit der Klinikbeschäftigten.

Gleichzeitig warnte er davor, unrealistische Forderungen nach Neueinstellungen von Ärzten zu erheben. Denn einfach mehr Geld werde die Gesellschaft den Kliniken nicht zur Verfügung stellen. Deshalb seien jetzt die Krankenhausunternehmen gefordert, moderne Konzepte zu entwickeln. Gleichzeitig müssten die Tarifpartner den Weg für zukunftsweisende Arbeitszeitmodelle und neue leistungsbezogene Gehaltsstrukturen freimachen. Für den LBK Hamburg könne er sich nach Untersuchungen von LBK-Experten vorstellen, dass etwa 70 bis 80 zusätzliche Ärztinnen und Ärzte benötigt werden. Ein detailierteres Konzept könne man in einem halben Jahr vorlegen. Der Ausstieg aus den stark belastenden Bereitschaftsdienste werde aber nur zu realisieren sein, wenn das neue Krankenhauskonzept des LBK Hamburg 'KLINOVA', das moderne Abläufe und Behandlungsprozesse vorsieht, zu großen Teilen umgesetzt sei. Unflexible Krankenhäuser ohne Zukunftskonzepte könnten schnell am Ende sein, dies würde den Konzentrationsprozess im Krankenhaussektor beschleunigen. Auch mit Blick auf die demografische Entwicklung mahnte Lohmann insgesamt einen schonenderen Umgang mit den personellen Ressourcen an.

Nach Auffassung Lohmanns sei das in der Öffentlichkeit vielfach diskutierte Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum Bereitschaftsdienst von Ärzten aus Sevilla (Spanien) in Deutschland juristisch gesehen nicht anwendbar. Diese Diskussion führe bislang zu einer Blockade. Die Erstarrung könne nur durch Änderung der entsprechenden deutschen Gesetze und Tarife herbeigeführt werden. Hier sind die Tarifpartner gefordert. Der LBK Hamburg wolle dabei seinen Einfluss und seine Möglichkeiten geltend machen, so Lohmann.

Neue Klinikkonzepte verlangen neue Arbeitszeitmodelle

1. Die durch das EuGH-Urteil ausgelöste öffentliche Debatte über zermürbende und viel zu lange Nacht- und Bereitschaftsdienste thematisiert bislang nicht, dass die kritisierte Arbeitszeitregelung selbst Ausdruck eines bestimmten Klinikmodells ist. Dieses ist nicht zukunftsfähig. Es reicht derweil nicht aus, Reparaturen an dem gegenwärtigen System der Arbeitszeitregelungen durchzuführen. Das gesamte Klinikmodell gehört auf den Prüfstand.

2. Das hergebrachte Klinikmodell beruht immer noch auf der Vorstellung von Versorgungsprozessen, bei denen die Patienten für lange Zeit - zwei, drei Wochen und mehr - hospitalisiert werden mussten. Ist die Verweildauer der Patienten sehr lange, können medizinische Tätigkeiten nachts und am Wochenende auf das notwendigste - das vital erforderliche - begrenzt werden. Alles, was verschoben werden kann, findet werktags zwischen 8.00 und 17.00 Uhr statt. Genau zu diesem Versorgungsablauf passt das heute noch praktizierte Bereitschaftsdienstmodell.

3. Weil Medizin und nachstationäre Versorgungssysteme sich stetig verbessern, sinken die Verweildauern schnell. In wenigen Jahren werden sie um sechs bis sieben Tagen liegen. In Kenntnis der heutigen Möglichkeiten konfrontieren die Patienten immer stärker mit der Erwartung, in minimal kurzer Zeit - unabhängig von Wochentag und Uhrzeit - mit maximalem Ressourceneinsatz und Qualität versorgt zu werden. Dieser Anspruch wird sich im Wettbewerb als Standard durchsetzen.

4. Zukunftsfähige Klinikkonzepte, wie sie von KLINOVA erarbeitet werden, sehen eine Ausweitung der Servicezeiten vor. Servicezeit bedeutet, dass routinemäßige medizinische Versorgung angeboten wird - also auch am Wochenende und werktags nicht nur bis 17.00 Uhr. Servicezeiten erfordern volle Arbeitskraft. Bereitschaftsdienste sind dafür nicht das richtige Arbeitszeitmodell.

5. Das Krankenhaus der Zukunft wird seine Routinearbeitszeiten ausweiten, weil die Bürger es nachfragen. Für die restlichen Zeiten - im wesentlichen die Nachtzeiten - muss weiterhin eine optimale Überwachung und Notfallversorgung der Patienten organisiert werden. Auch dafür sind Bereitschaftsdienste nicht unbedingt erforderlich. Wenn die Arbeit stärker interdisziplinär organisiert wird, sind andere Arbeitszeitmodelle ausgesprochen wünschenswert.

6. Für eine stärker interdisziplinär ausgerichtete Versorgung stellt KLINOVA eine Reihe von Instrumenten zur Verfügung. Dazu gehören das Behandlungsstufenkonzept, das Belegungsmanagement, die gemeinschaftlich organisierte Zentrale Notaufnahme oder das Konzept 'multiprofessionelles Behandlungsteam'. Im Zentrum steht immer die Herstellung einer hohen medizinischen Qualität. Dies soll durch das Zusammenspiel einer - jederzeit fachärztlich gesicherten - medizinischen Grundversorgung ('Generalisten') und einer spezialisierten medizinischen Versorgung ('Spezialisten') unterschieden werden.

7. Interdisziplinäres ärztliches Arbeiten ist heute auf den meisten Intensivstationen üblich. Medizinische Grundversorgung und fachliche Spezialversorgung gehen hier Hand in Hand. KLINOVA-Konzepte sehen vor, den Intermediate Care-Bereich für überwachungspflichtige oder schwer kranke, aber noch nicht intensivpflichtige Patienten erheblich auszuweiten und ebenfalls interdisziplinär zu führen. Das geschieht aus Qualitäts- und aus Kostengründen. Das Muster der interdisziplinären Versorgung kann ebenfalls im Bereich der Zentralen Notaufnahme oder der Patientenbetreuung außerhalb der Servicezeiten ('Nachtdienst') angewandt werden.

8. Darüber hinaus wird es aus der geänderten Arbeitsorganisation in den Krankenhäusern - hier ist besonders das im LBK Hamburg durchgeführte KLINOVA Programm zu nennen - weitere neue Kompetenzen in den Behandlungsteams der Krankenhauszentren geben. Beispielhaft sind hier die in der Entwicklung befindlichen neuen Assistenzfunktionen zu nennen (TPA - Teampartner Administration, TPV - Teampartner Versorgung), mit denen der ärztliche und pflegerische Dienst bei der Patientenversorgung von administrativen und logistischen Aufgaben entlastet werden soll. Insbesondere sollen Hotelfachleute einbezogen werden und die Behandlungsteams unterstützen.
9. Das Miteinander von intermediär gestalteter ärztlicher Grundversorgung und Bereitstellung von medizinischem Spezialwissen ist prinzipiell in einem Krankenhausunternehmen wie dem LBK Hamburg leichter zu organisieren als in einzelnen Kliniken. Innerhalb des LBK Hamburg ist es prinzipiell möglich, (hoch-) spezialisiertes Wissen in einer 'service line' anderen LBK-Kliniken zeitnah zur Verfügung zu stellen

10. Das Arbeitszeitsystem im Krankenhaus mit kurzen Service- und langen Bereitschaftsdienstzeiten führt dazu, dass manche Mitarbeiter relevante Anteile ihrer Gesamtvergütung aus der Ableistung von Bereitschaftsdiensten erhalten. Dies macht deutlich, dass der Modernisierungsbedarf noch viel weiter geht: Nicht nur Klinik- und Arbeitszeitmodelle sind einer Renovierung zu unterziehen, sondern auch die damit zusammenhängenden antiquierten Tarifverträge mit BAT-Strukturen müssen geändert werden, um viel stärker Leistung zu fördern.


Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an:
Siegmar Eligehausen, Pressesprecher des LBK Hamburg, Tel: 040 / 20 92 - 20 68 bzw. - 20 08
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