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Ingenieurnachwuchs: Schulen, Hochschulen und Wirtschaft müssen noch intensiver zusammenarbeiten

19.06.2001 - (idw) Fachhochschule Lippe und Höxter

Martin Kannegiesser, der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, und Hartmut Krebs, Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium waren sich auf der Podiumsdiskussion an der Fachhochschule Lippe einig: nicht das Kapital, sondern die Köpfe sind entscheidend für unsere Zukunft. Das Netzwerk der Kooperationen von Schulen, Hochschulen und Wirtschaft in der Ausbildung des Ingenieurnachwuchses müsse künftig noch enger gezogen werden.


Die Zukunft der Ingenieurausbildung(v.l.): Hartmut Krebs (Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium), Prof. Dr. Gernot Born (vdi), Moderator Bernhard Hänel (NW), Wolfgang Nettelstroth (IG Metall), Martin Kannegiesser (Gesamtmetall). Lemgo (fhl). "Nicht das Kapital, sondern die Köpfe sind entscheidend für unsere Zukunft". Gemeint sind die Ingenieure, ist der Ingenieurnachwuchs. Martin Kannegiesser, der Präsident vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall, stellte dies fest und er präzisierte: "Das breite Leistungsspektrum ist der große Standortvorteil für Deutschland. Andere haben aufgeholt, wir müssen flächendeckend unseren Nachwuchs rekrutieren." Weshalb gerade kleinere Fachhochschulen abseits der Ballungsgebiete von großer Bedeutung seien: als Partner der Wirtschaft vor Ort, als Kontaktstelle für die Schulen.

Kannegiesser war einer der Podiumsteilnehmer, die sich anlässlich der 30-Jahr-Feier der Fachhochschule Lippe und der Aktion "future-Ing." Mitte Juni in Lemgo über den Industriestandort Deutschland und die Ingenieurausbildung Gedanken machten. Für wahr ein ergiebiges Thema. Denn nicht nur Insider wissen, dass es trotz bester beruflicher Perspektiven und Dotierungen am technikbegeisterten Nachwuchs mangelt. So manch gut gemeinte Aktion von Wirtschaft, Verbänden und Hochschulen hat den Adressatenkreis knapp verfehlt: wo sind die jungen, aufstrebenden Geister, wie können sie am besten gefördert werden.

Hartmut Krebs, Staatssekretär im NRW-Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung, sieht zwei Ansatzpunkte, um die Hochschul-Ausbildung interessanter zu gestalten und wettbewerbsfähig zu halten. Das beginne mit dem zügigen und flächendeckenden Einrichten internationaler Studienabschlüsse (Bachelor und Master) und führe über das Aufbrechen der klassischen Ingenieurfelder (hier Maschinenbau, dort Elektrotechnik) hin zu mehr Interdisziplinarität. Krebs: "Der Arbeitsmarkt verlangt, dass wir in den Studienverlauf Module integrieren, die eine breiter angelegte Ausbildung ermöglichen." Zum reinen Technikwissen gehören etwa betriebswirtschaftliches Grundlagenwissen und Sprachkenntnisse. "Wir werden es künftig mit einem lebenslangen Lernen zu tun haben, dass vom Arbeitnehmer viel Flexibilität verlangt", meinte der Staatssekretär.

IG-Metall-Vertreter Wolfgang Nettelstroth suchte die Verantwortung für die Flexibilität und die Innovationsfähigkeit kleinerer Unternehmen bei deren Geschäftsführern. Permanente Qualifikation ihrer Arbeitnehmer sei deren zentraler Auftrag. Das rechtzeitige Erkennen von Trends im produzierenden und Dienstleistungssektor sind nach seiner Meinung das oberste Gebot für eine stabile Unternehmensentwicklung. Ansonsten gilt: "Den reinen Ingenieur, der konstruiert und produziert, den gibt es nicht mehr. Was wir heute haben, ist besser mit dem Begriff 'Innovationsmanager' umschrieben."

Prof. Dr. Gernot Born von der VDI-Landesvertretung NRW sieht ein "Vermittlungsproblem" bei der Suche nach mehr Nachwuchs: "Wir müssen für Technik begeistern und die Rolle des Ingenieurs in der Gesellschaft neu definieren." Der Umgang mit der Technik sei bei den jungen Leuten von "Pragmatismus geprägt", sie gingen mit der Technik "gänzlich unkompliziert" um. Also keine kritische Betrachtung von "Technikfolgeabschätzung", sondern ein munteres Funken von SMS-Nachrichten und dergleichen mehr. Aber wo kann man die jungen Leute abholen, um sie zur Technik zu führen. Born: "Schulen und Hochschulen müssen enger zusammenarbeiten." Was angesichts des Nachwuchsmangels allerdings nicht passieren dürfe, sei die Verleihung von Discount-Abschlüssen. "Dicke Bretter müssen auch weiterhin während des Studiums gebohrt werden, sonst ist uns nicht geholfen", so der ehemalige Rektor der Universität Duisburg.

Im Dreieck Schule, Hochschule und Wirtschaft muss es künftig heftiger pulsieren. Da waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig. Wobei es Arbeitgeberpräsident Kannegiesser war, der ausdrücklich auf die Unabhängigkeit des einen Partners hinwies: "Die Schule darf nicht zum verlängerten Wurmfortsatz der Wirtschaft werden." Jedoch sei es ein Gebot das Stunde, die allgemeinbildenden Schulen mehr und mehr mit der beruflichen Wirklichkeit vertraut zu machen. "Wir müssen die Netzwerke ausbauen, um die Heranwachsenden schon während ihrer Schulzeit mit den Anforderungen und den Möglichkeiten des Arbeitsmarktes vertraut zu machen", meinte Kannegiesser.

Das Zusammengehen von Wirtschaft und Hochschule in der sogenannten kooperativen oder dualen Ausbildung wurde von Krebs als vorbildlich und nachahmenswert charakterisiert. Zeitgleich studieren und im Betrieb Praxisluft schnuppern, dies scheint eine Ausbildungs-Formel zu sein, mit der vor allem Abiturienten die Praxis schmackhaft gemacht wird. Steigende Einschreibzahlen in diesen Studiengängen, so auch an der FH Lippe, sind ein deutliches Signal.

Krebs plädierte zudem für einen neuen, konsekutiven Wege in der Ausbildung der "Multiplikatoren für den Ingenieurberuf", nämlich der Lehrer: zunächst das theorieorientierte Fach-Studium, dann eine fachlich-berufsorientierte Grundausbildung. Die Technik-Ausbildung an nordrhein-westfälischen Schulen bewertete er - für manch einen überraschend - mit der Note "sehr gut". Die Vermittlung dessen, was den Ingenieurberuf aus- und interessant mache, sei dagegen mangelhaft: "Wir brauchen Bewegung, sollten öfter Preise für gute Ideen und praxisorientierte Schulprojekte vergeben, sollten mit speziellen Multimedia-Präsentationen das neue Bild des Ingenieurs zeichnen."

Im Rahmen der Aktion "future-Ing." war dieser Weg der Kontaktaufnahme - Preisvergabe und Multivision - beschritten worden. Weit über 2.000 Schüler besuchten die FH Lippe, und sie konnten an 18 Infoständen heimischer Unternehmen Schwellenängste abbauen vor dem, was sich hinter dem oftmals so kompliziert anmutenden Ingenieurberuf versteckt.

Doch bei aller Aufklärungsarbeit und Werbung steht fest, dass die Ausbildung zum Traumberuf Ingenieur wohl nie ein Selbstläufer werden wird. Und letztendlich erstickt jeder noch so gut gemeinte Versuch der Interessensgemeinschaft "Schule-Hochschule-Wirtschaft" schon im Keim, wenn die entscheidende Instanz versagt: wenn bei den Eltern die Vorstellung vorherrscht, dass Fortschritt und Wohlstand nichts zu tun haben mit Naturwissenschaft und Technik.

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