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DFG bewilligt Sonderforschungsbereich: Das Politische als Kommunikationsraum der Geschichte

22.06.2001 - (idw) Universität Bielefeld

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet zum 1. Juli fünfzehn neue Sonderforschungsbereiche ein, darunter auch einen an der Universität Bielefeld im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften.
"Das Politische als Kommunikationsraum der Geschichte" ist das Thema des neuen Sonderforschungsbereiches an der Universität Bielefeld. Er fragt nach dem Wandel des Politischen, seinen Erscheinungsformen und Funktionen von der Antike bis zur Gegenwart, wobei der Schwerpunkt auf dem 19. und 20. Jahrhundert liegt. Das Hauptaugenmerk der Forscher gilt nicht dem Staat, sondern einer umfassend verstandenen Kommunikations- und Kulturgeschichte des Politischen. Damit rücken Rituale, Symbole und andere Medien ebenso in das Blickfeld wie die Faktoren, die Veränderungen des politischen Raumes, seiner Institutionen und Praktiken herbeigeführt haben.
In dem Sonderforschungsbereich, dem als Sprecherin Ute Frevert vorsteht, arbeiten Geschichtswissenschaftler und Philosophen, Soziologen, Rechtswissenschaftler und Literaturwissenschaftler in dreizehn Forschungsprojekten zusammen. Das Gros der Projekte wird von Mitgliedern der Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie der Universität Bielefeld getragen. Die Bandbreite der Themen reicht von Altersgrenzen politischer Partizipation in der Antike und Moderne bis zum Jahre 1968 als Kommunikationsereignis, von Ritualen, Gruppenkultur und der Transformation des Politischen im London des Mittelalters zu Prozessen der politischen Konversion im 20. Jahrhundert.
In den verschiedenen Projekten geht es nicht darum, das Politische als zielgerichteten Prozeß zu untersuchen, an dessen Ende verbindliche Entscheidungen stehen, noch dessen Begrenzung durch restriktive Bedingungen sozialer oder wirtschaftlicher Art zu betonen. Vielmehr steht neben dem Wie des politischen Prozesses die Konzentration auf die Akteure des Politischen im Mittelpunkt. Unter dieser generellen Fragestellung widmet sich der Sonderforschungsbereich in einem ersten Teil den Formen politischer Repräsentation und den Medien, in denen das Politische vermittelt wird. In einem zweiten Teil wird sich der neue Bielefelder Sonderforschungsbereich mit den Formen politischer und gesellschaftlicher Integration und Exklusion befassen.
Unter den Medien und den Inszenierungen, in denen das Politische repräsentiert wird, werden Rituale der Londoner Stadtgemeinde und der Huldigungen ebenso einbezogen wie die Kurorte als spezifische Orte der Selbstdarstellung der Herrscher und des Adels im 19. Jahrhundert, das Theater und das Fernsehen im Jahre 1968 und die sowjetische Propaganda der 1930er Jahre, in denen Familienmetaphern zur Darstellung des Politischen benutzt wurden. In allen Projekten wird untersucht, ob und wie sich politische Praktiken unter dem sich verändernden Verständnis von Kommunikation und neuen Konzepten des Verhältnisses von Gesellschaft und Kommunikation modifizierten.
Mit der Frage nach Deutungen und Umdeutungen des Politischen gehen einige Projekte des ersten Teils auf einen Grundzug des Politischen ein, für den der Kampf um die Grenzen des Politischen zentral ist. Die diskursiven Zuschreibungen und Umdeutungen des Politischen unter dem Einfluss religiöser Bezugssysteme im Frankreich und Deutschland des 18. Jahrhunderts, unter dem Einfluss von Geschlechterbildern und
-metaphern im Deutschland des 19. Jahrhundert und unter dem Einfluss demokratischer Prinzipien in der Weimarer Republik gehören zu diesem Fragenkomplex. In weiteren Projekten geht es um die Frage, warum gerade Akteure in der Moderne die Bereiche ästhetischer und künstlerischer Repräsentation benutzen, um die Grenzen des Politischen neu zu ziehen und neue Ausdrucksformen des Politischen zu entwerfen. Die Bedeutung der Sprache rückt dabei für das 19. Jahrhundert in den Mittelpunkt, während für das 20. Jahrhundert die Abgrenzung von politisierter und unpolitischer Literatur in Deutschland und Frankreich sowie die diskursive Ausgrenzung von politischen Positionen durch den Verrats- und Renegatenvorwurf behandelt werden.
In einem zweiten Teil des Sonderforschungsbereiches geht es mit In- und Exklusion um die Wirkung von Mechanismen, die die Binnenstruktur und die Außengrenzen des Politischen prägen. Damit wird die Aufmerksamkeit auf die Definitionsprozesse gelenkt, die für Abgrenzungen, Zuweisungen und Ortsbestimmungen von Menschen und Menschengruppen sorgen und damit auch den Bereich des Politischen intern strukturieren. Die Kommunikation zwischen deutschen Städten des Mittelalters über Rechtsordnungen ebenso wie die Versuche der Grafschaft Lippe, mit Hilfe von Statistiken und Verordnungen das Land zu reformieren, gehören in diesen Kontext sowie auch die Durchsetzung von Altersgrenzen, die Partizipationschancen beschneiden. In einem Projekt mit dem programmatischen Titel "Krisen politischer Inklusion" werden die neuen Kommunikationsformen untersucht, mit denen der moderne Staat auf die sich im Zuge der Globalisierung vervielfältigende Einwohnerschaft von Nationalstaaten reagiert.
Der neue Bielefelder Sonderforschungsbereich ordnet sich ein in die breite Debatte über eine Neudefinition der politischen Geschichte, die in den USA, Frankreich und Italien bereits geführt wird. Er privilegiert einen prozessualen, akteurszentrierten Begriff des Politischen, dessen verschiedene Facetten und Probleme von der Antike bis in die Gegenwart und in so unterschiedlichen Gesellschaften wie in Frankreich, Großbritannien und der Sowjetunion untersucht werden.

Kontakt und weitere Information: Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie der Universität Bielefeld, Prof. Dr. Ute Frevert, Telefon 0521/106-3222, Prof. Dr. Heinz-Gerhard Haupt, Telefon 0521/106-3223.

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