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Zwei Wochen Hilfseinsatz als Arzt in einem Flüchtlingslager in Angola

14.10.2002 - (idw) Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg

Professor Dr. Gerhard Trabert, der an der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg im Fachbereich Sozialwesen die Aufgabengebiete Medizin und Sozialmedizin vertritt, war für die Hilfsorganisation humedica e.V. zwei Wochen ehrenamtlich in einem Flüchtlingslager in Matala in Angola tätig. Anlässlich eines Pressegesprächs schilderte er seine dortigen Erlebnisse.


Prof. Dr. Gerhard Trabert war zwei Wochen für die Hilfsorganisation humedica e.V. in einem Flüchtlingslager in Angola
Eine der kleinen "mobilen" medizinischen Stationen, in denen Prof. Dr. Trabert tätig war: Teilweise mehr als 100 Patienten hatte jeder Arzt täglich zu versorgen Mehrere Monate nach dem Waffenstillstand der Bürgerkriegsparteien befindet sich Angola in einem Zustand zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Die Versorgungslage ist schlecht, ein Angolaner wird derzeit im Durchschnitt 38 Jahre alt. Die christliche Hilfsorganisation humedica e.V. errichtete Strukturen für die Versorgung von Flüchtlingscamps in der Provinz Huila. Abwechselnd sind dort in einem Krankenhaus in Matala Ärzteteams ehrenamtlich im Einsatz. Der Projektpartner Nazarene Compassionate Ministries sowie action medeor spendeten 400 Kilogramm Medikamente, die von South African Airways kostenlos transportiert wurden.
Angola ist - wie viele andere afrikanische Staaten auch - gezeichnet vom Bürgerkrieg: Ein Land, das Bürgerkrieg und Ost-West-Konflikt in der Vergangenheit ausgezehrt und in weiten Teilen einer belastbaren Infrastruktur beraubt hat. Wieder sind es die Vertriebenen, die Hunderttausenden von Flüchtlingen, die hungern, in Flüchtlingslagern zusammengepfercht, oft weitestgehend ohne medizinische Versorgung, versuchen zu leben, zu überleben. Seit dem April diesen Jahres besteht ein Friedensabkommen. Nun es ist teilweise endlich wieder möglich, bestimmte, zuvor unzugängliche, Regionen wieder zu erreichen, die aufgrund des wütenden Bürgerkrieges nicht versorgt werden konnten. Aber eine Gefahr bleibt: Minen. Wohl kaum ein anderes Land auf diesem Globus ist so übersät mit Personenminen wie Angola.
"Die Anreise zu unserem Einsatzort ist mit Hindernissen gespickt. Flug Frankfurt - Johannesburg, Weiterflug Johannesburg - Luanda (der Hauptstadt Angolas), erster Zwischenfall. Eine angolanische Passagierin hat starke Unterleibsbeschwerden mit Blutungen und ist im dritten Monat schwanger. Ein finnischer Kollege, eine norwegische Hebamme und ich untersuchen, beraten und versuchen, soweit möglich, zu behandeln. Der Zustand der Patientin stabilisiert sich. In Luanda wartet schon ein Krankenwagen" berichtet Prof. Trabert vom Hinflug.
Nach einer strapaziösen 5-stündigen Autofahrt kam das Einsatzteam endlich in Matala an. 5 Stunden auf einem schlechten Feldweg mit dem Auto zu fahren hinterlässt Spuren an Psyche und Physis. Aber wäre die Anreise einfacher, so wäre die medizinische Versorgungsstruktur wahrscheinlich auch besser.

Für die Ärzte beginnt nun die eigentliche Arbeit. Das Team arbeitet in Flüchtlingslagern und in dem vor Ort befindlichen Krankenhaus. Jeder Arzt behandelt ca. 80 - 100 Patienten am Tag. Parasitäre Erkrankungen wie Wurmerkrankungen, Diarrhöen unterschiedlichster Genese, Erkrankungen der Atmungsorgane (Pneumonien, Lungen-Tuberkulose, Bronchititiden), Hautkrankheiten wie Skabies (Krätze), Psoriasis, Tineavulgaris und Impetigo (bakterielle Infektion der Haut), Mangelerkrankungen (Eisen- und Vitamin- insbesondere Vitamin A- Mangel) dominieren. Aber es treten auch Tropenkrankheiten wie Malaria, Bilharziose, Dengue-Fieber, kutane Leishmaniose, Frambösie usw. auf. "Auch Außergewöhnliches kann man feststellen. So stelle ich das erste Mal in meinem medizinischen Berufsleben einen Situs inversus fest: Herz und Lunge liegen seitenverkehrt im Brustraum", berichtet Prof. Trabert von den Untersuchungen.

Im Krankenhaus versucht man die schwereren Fälle zu behandeln. Der Tod ist allgegenwärtig. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Patient, oft auch Kinder z. B. an zu spät erkannter oder behandelter Malaria, oder sonstigen Infektionen, verstirbt. "Der Tod ist Alltag - was uns mitteleuropäische Ärzte doch sehr belastet. Zudem auch wir oft nicht helfen können, da es kaum diagnostische und nur eingeschränkt therapeutische Hilfsmittel gibt. Wir sehen Kinder, die wahrscheinlich aufgrund einer cerebralen Malaria krampfen und schon am folgenden Tag verstorben sind", so Prof. Dr. Trabert weiter.
Die Patienten bzw. deren Verwandte müssen die von den Krankenschwestern oder Krankenpflegern verordneten Medikamente in einer in der Nähe befindlichen Apotheke besorgen, d.h. natürlich auch sie zu bezahlen. Die Verpflegung der Patienten obliegt ebenfalls in der Verantwortung der Angehörigen. "Gerade deshalb müssen wir es mehrmals erfahren, dass die Familie eine Krankenhauseinweisung ablehnt, da sie nicht für die Verpflegung sorgen kann oder dann andere Familienangehörige z. B. Kinder unversorgt bleiben. So hätte ich gerne einen jugendlichen Patienten mit Verdacht auf Malaria und eine Lungenentzündung im Krankenhaus behandelt, was die Mutter aber aus den oben genannten Gründen ablehnte" berichtet Prof. Dr. Trabert.
Operationen sind nicht möglich. Ein Mann wird von seinen Verwandten mit einem Lungendurchschuss ins Krankenhaus gebracht. Die Schwestern verbinden die Wunde, die Ärzte legen eine Infusion mit schmerzstillenden Medikamenten an. Mehr kann das Team im Augenblick nicht tun.

Prof. Dr. Trabert war im vergangenen Jahr für humedica auch in einem Flüchtlingslager in Afghanistan tätig: "In Angola gehören, wie bei meinem Hilfseinsatz im vergangenen Dezember in Afghanistan, Kalaschnikow-Gewehre, Pistolen, zerschossenes militärisches Gerät und Minenopfer zum täglichen Anblick. Es ist schon erstaunlich, wie schnell ich mich, nach meinem Einsatz in Afghanistan an diesen Anblick gewöhnt habe."
Trotz der körperlichen und psychischen Belastung weiß Prof. Dr. Trabert von Erlebnissen zu berichten, die Kraft geben: "Auch wenn unsere medizinische Hilfe temporär begrenzt und sporadisch ist, wir spüren immer wieder von Seiten der betroffenen Menschen, dass sie diese konkrete Hilfe gerne annehmen und sie dies auch als ein Zeichen der Anteilnahme und des Nichtvergessenseins verstehen."
Und noch etwas gibt Hoffnung: "Zum einen stelle ich in einem Gespräch mit einem Kollegen fest, dass er nur deshalb hier im Einsatz ist, weil er meinen Bericht im Deutschen Ärzteblatt zum Hilfseinsatz in Afghanistan gelesen hat. Öffentlichkeitsarbeit kann sensibilisieren und Arbeitskraftressourcen freisetzen! Zum anderen erfahre ich von einer Kollegin, die nach meinem Hilfseinsatz in Afghanistan tätig war, dass eine im siebten Monat schwangere Patientin, die wir damals mit einer frischen Oberschenkelfraktur gegen den Widerstand bzw. die Ignoranz des iranischen Halbmondes mit Unterstützung des UNHCR in ein Krankenhaus einwiesen, dort operiert und versorgt wurde. Sie wurde im Anschluss an die stationäre Behandlung wieder ins Flüchtlingslager entlassen, in dem die ärztlichen Nachfolgeteams die Weiterbehandlung durchführten (Mobilisierungstraining und unter den gegebenen Umständen Krankengymnastik)."


Einen ausführlichen Erfahrungsbericht von Prof. Dr. Trabert können Sie im Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg, Tel. 0911/5880-4101, E-Mail: presse@fh-nuernberg.de anfordern. Auch eine Pressemitteilung von humedica e.V. zur Situation in Angola ist erhältlich. Fotos liegen ebenfalls vor und können per E-Mail verschickt werden.

Prof. Dr. Trabert bittet um Spenden für die Hilfsorganisation "humedica e.V.":

Konto Nr. 47 47 bei der Sparkasse Kaufbeuren (BLZ 734 500 00).
Kontakt: humedica e.V. Tel.: 08341/988447
Bilder und weitere Berichte sind zu finden unter www.humedica.org.

Kontakt zu: Prof. Dr. med. Gerhard Trabert, Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg, Tel.: 06131/ 882414 oder 870987 oder Handy: 01714760359
Email: gerhard.trabert@fh-nuernberg.de
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