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FiBS legt Konzept für flexible und nachgelagerte Studiengebühren vor

03.08.2004 - (idw) Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS)

Das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) hat heute ein variables und sozialverträgliches Studiengebührenkonzept und einen Anforderungskatalog vorgelegt. Das Modell kann mit Studienkonten und BAföG zu einem umfassenden Studienfinanzierungsmodell kombiniert werden.

"Ein Gebührenmodell sollte sich am individuellen Studierverhalten und damit an Studiencredits orientieren und einkommensabhängig zurückgezahlt werden. Dabei ist eine akzeptable monatliche Einkommensbelastung zu gewährleisten", sagt Institutsleiter Dr. Dieter Dohmen.

Im FiBS-Modell erhalten die Hochschulen je Studiencredit einen Betrag von EUR 20 als Beitrag der Studierenden. Dies entspricht einem Betrag von EUR 600 bei einem Vollzeit-Studium. Die Rückzahlung erfolgt nach Studienende durch eine Akademikerabgabe von 0,02 Prozent je Credit auf das spätere Einkommen der Akademiker. Dies entspricht bei einem Bachelor- und Masterstudium einem Einkommensanteil von 6 Prozent. Bei einem Netto-Einkommen von EUR 1.500 (EUR 2.000) wären dies z.B. EUR 90 (EUR 120) pro Monat. Die einkommensabhängige Rückzahlung erfolgt über acht Jahre. Idealerweise wird dieses Gebührenmodell mit einem nutzungsorientierten Studienkonten- oder StudienCredit-Modell verbunden, wodurch die Steuerungseffekte auf Studierende und insbesondere Hochschulen noch verstärkt würden.

Angesichts der bevorstehenden Entscheidung des Bundesverfassungsgericht zum Verbot von Studiengebühren, wie sie im Hochschulrahmengesetz festgeschrieben ist, ist in den kommenden Wochen von einem Wettlauf der Modelle auszugehen. Wenn man vermeiden will, dass sie negative Wirkungen auf Studierende und Hochschulen haben sollen, müssen sie bestimmte Anforderungen erfüllen, die im Folgenden benannt werden. Ausgehend von diesem Anforderungskatalog werden anschließend Eckdaten für ein konkretes Gebührenmodell in Form einer Akademikerabgabe formuliert.


Rahmenbedingungen

In rund 20 Jahren werden die in den Arbeitsmarkt hineinwachsenden Altersjahrgänge nur noch halb so groß sein wie die Ausscheidenden. Deutschland braucht daher in dieser Zeit eine Verdopplung des Akademikeranteils, um den Bedarf der Wirtschaft an hoch- und höchstqualifizierten Arbeitskräften decken zu können.

Bereits heute tragen die Eltern monatlich eine Gesamtbelastung von EUR 500-700 für ihre studierenden Kinder. Von einem kostenlosen Studium kann daher keine Rede sein. Wenn diese Kosten steigen würden, hätte dies weitere fatale Auswirkungen auf die soziale Zusammensetzung der Studierenden.

Weiterhin führen die langen Studienzeiten zu hohen staatlichen und privaten Kosten. Nach dem Ende der Regelstudienzeit entstehen private Einkommensverluste von ca. EUR 20.000 netto pro Jahr und staatliche Einnahmeverluste von rund EUR 15.000. Somit gibt es auch heute schon implizite Studiengebühren, die deutlich über den Beträgen liegen, die in vielen anderen Ländern als offizielle Studiengebühr erhoben werden.


Anforderungen an ein Gebührenmodell

Wenn Studiengebühren erhoben werden sollen, sind diverse Voraussetzungen zu beachten, die aber in ihrer Gesamtheit von keinem der bisher vorliegenden Modellen erfüllt werden:

1. Vertretbare Gesamtbelastung

Aus Sicht der Studierenden interessiert die Gesamtbelastung, die sie nach dem Studium zurückzahlen sollen. Insbesondere Studierende aus einkommensschwachen Familien müssen auch ihren Lebensunterhalt teilweise über Darlehen finanzieren und werden daher ausgesprochen sensibel auf die Einführung von Studiengebühren reagieren. Ungeeignet sind daher Modelle, die einschließlich des Lebensunterhalts auf Belastungen von EUR 20.000 und mehr hinauslaufen. Sie werden zu erheblich geringeren Studierendenzahlen bzw. zu Exmatrikulationen führen. Bereits heute beträgt der Anteil der Hochschulabsolventen am Altersjahrgang unter 20 Prozent. Damit hat Deutschland eine der niedrigsten Akademikerquoten aller industrialisierten Länder.

Ferner wird bei Beträgen in dieser Größenordnung die monatliche Rückzahlungsbelastung auch objektiv zu hoch. Um einen Betrag von EUR 25.000 in zehn Jahren zurückzuzahlen, ist eine monatliche Rate von EUR 260 erforderlich. Bei einem Netto-Einkommen von EUR 1.500-2.000 entspricht dies einem Anteil von bis zu 15 Prozent, was neben den sonstigen Belastungen deutlich zu hoch ist.

2. Flexible Ausgestaltung

Ein Studium wird häufig nicht als Vollzeit-Studium, sondern aus vielfältigen Gründen in Teilzeit durchgeführt. Ein Gebührenmodell muss dies berücksichtigen und sollte idealerweise unterschiedliche Studienvolumina abbilden. Besonders geeignet sind daher Ansätze, die sich am tatsächlichen Nachfragevehalten und Studienvolumen, d.h. beispielsweise an den Studiencredits orientieren und nicht von einem pauschalen Betrag pro Semester ausgehen. Ein Betrag von EUR 20 pro Credit erscheint vertretbar. Hierdurch würden auch alle Studierenden prinzipiell gleichbehandelt. Dies entspricht EUR 600 pro Vollzeit-Semester; bei Teilzeit passt sich der Betrag an das Studienvolumen an und ist entsprechend geringer.

3. Einkommensabhängige Rückzahlung

Die Rückzahlung sollte nicht wie bei einem normalen Kredit mit festen monatlichen Raten erfolgen, sondern in Abhängigkeit vom Einkommen. Dies könnte z.B. von einen Anteil von 0,02 Prozent je Studiencredit ausgehen. Dies wären 3,6 Prozent für das Bachelor- und 2,4 Prozent für das Master-Studium. Wer mehr Veranstaltungen in Anspruch nimmt, zahlt entsprechend mehr. Ausgehend von einem Netto-Einkommen von EUR 1.500-2.000 entspricht dies vertretbaren monatlichen Beträgen von rund EUR 90-120. Über acht Jahre können die Gebühren vergleichweise problemlos zurückgezahlt werden, incl. faktischer Verzinsung und Ausfallumlage.

Die einkommensabhängige Rückzahlungsweise vermeidet nicht nur die Abschreckungs-wirkung, sondern reduziert auch die Ausfallquoten gegenüber Annuitätendarlehen mit hoher monatlicher Belastung.

Ferner dürfte durch eine solche Akademikerabgabe die erforderliche Abzugsfähigkeit von Steuergebühren umgangen werden können. Die meisten Studiengebührenmodelle berücksichtigen nämlich nicht, dass die öffentliche Hand diese zu rund einem Drittel über die Einkommensteuer refinanzieren wird. Dies würde die öffentlichen Zuweisungen entsprechend mindern. Im Ergebnis hätten die Finanzminister durch das hier vorgeschlagene Modell auch kein Argument, die Zuweisungen an die Hochschulen zu kürzen.

Wichtig ist aber vor allem die Flexibilität in Abhängigkeit von der jeweiligen Einkommens-situation. Wer mehr verdient, zahlt auch mehr. Dies gilt auch für die spätere Lebens-planung. Kindererziehung, Pflege der Eltern etc. können in dieses Modell wesentlich besser und einfacher intergriert werden als in herkömmliche Darlehensmodelle.

4. Einheitliche Beträge für alle Studierenden und Hochschulen

Verschiedene Modelle wollen die Verantwortung für die Höhe der Studiengebühren den Hochschulen übertragen und halten teilweise sogar fachspezifische Differenzierungen für vertretbar. Begründet wird dies mit Wettbewerb und unterschiedlichen Qualitätsniveaus, die auch unterschiedliche Gebühren rechtfertigen würden.

Die Folge wäre jedoch einerseits, dass marktgängige Fächer (Jura, BWL) deutlich höhere Gebühren erzielen können als andere - wobei die Hochschulen nur bedingt Einfluss auf ihr Fachangebot haben. Geisteswissenschaftliche, technische oder medizinische Fächer und entsprechend ausgerichtete Hochschulen werden damit benachteiligt.

Außerdem sind die Wettbewerbsbedingungen unterschiedlich. Die Studierenden werden ihre Hochschulen auch in Zukunft nach der Attraktivität des Standortes auswählen. Hochschulen in Berlin, Hamburg, München oder Köln hätten daher erhebliche Vorteile. Sie würden deutlich höhere Gebühren nehmen können als etwa Hochschulen in Cottbus, Zittau-Görlitz oder Siegen, unabhängig von der Frage, ob sie wirklich besser sind. Eine Gebührenkonstruktion, die dieses verstärkt, ist kontraproduktiv für ein funktionierendes Hochschulsystem und hat wenig mit sinnvollem und sachgerechtem Wettbewerb gemein.

Studierende werden bei unterschiedlichen Gebührensätzen ihre Hochschule nicht mehr nach Fachangebot und Qualität, sondern nach Finanzierbarkeit der Gebühren und individueller Risikoneigung auswählen. Die Folge wäre, dass ärmere Studierende eher in ländlichen Hochschulen und Reichere in den Großstädten studieren würden. Die bereits bestehende soziale Selektion und Differenzierung würde sich weiter verstärken.

5. Kreditanstalt für Wiederaufbau statt Geschäftsbanken

Da Geschäftsbanken Studiendarlehen aufgrund ihrer Risikoaversion nur anbieten werden, wenn die Studierenden hinreichend attraktiv sind, was nur für wenige Hochschulen gelten würde. Selbst die Universität Witten-Herdecke war hierbei nicht erfolgreich, sondern hat ein eigenes Modell entwickelt. Alternativ müsste das Ausfallrisiko vollständig durch öffentliche Bürgschaften abgesichert werden. Dies wäre aber angesichts des höheren Zinssatzes der Geschäftsbanken bzw. des Gewinnaufschlags mit höheren Kosten für die öffentliche Hand verbunden als eine Einschaltung der Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Im übrigen gibt es - vielleicht abgesehen von Entwicklungsländern - u.W. kein Land, in dem die landesweite Durchführung eines Studiendarlehenmodells Geschäftsbanken übertragen wurde.

6. Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Akademikerinnen bleiben bereits heute zu über 40 Prozent zeitlebens ohne Kinder. Die Gründe sind sehr unterschiedlich und teilweise durch hohe Opportunitätskosten bedingt. Gebührenmodelle, die eine Art "Ehegattenhaftung" vorsehen, erhöhen die Belastung für zukünftige Familien noch und werden diese Tendenz verstärken. Die Modelle müssen daher individualisiert sein, so dass jeder nur für sich selbst zahlt.

Die hier vorgeschlagene einkommensabhängige Rückzahlung führt unmittelbar zu einer geringeren Gebührenbelastung für Familien mit Kindern, wenn einer der Partner weniger erwerbstätig ist. Ist ein Elternteil wegen Kindererziehung nicht erwerbstätig, entfällt auch die Rückzahlung.

7. Bildungsgutscheine und Akademikerabgabe

Studiengebühren wie auch die hier skizzierte Akademikerabgabe sind allenfalls ein Teil der Hochschulfinanzierung, dessen Effekte weitgehend auch durch Bildungsgutscheine erreicht werden können. Studiengebühren haben lediglich zwei darüber hinausgehende Effekte: Erstens, eine finanzielle Eigenbeteiligung der Akademiker an ihren Ausbildungskosten, die mit einer Veränderung der Finanzierungslasten einhergeht. Die heutige Verteilung führt zu einer Umverteilung zugunsten bildungsnaher Schichten. Zweitens dürften sie einen stärkeren Effekt auf ein rationaleres Studierverhalten haben als Gutscheine, woraus kürzere Studienzeiten resultieren würden. Auch wenn kurze Studienzeiten nicht unbedingt ein gutes Studium bzw. hochqualifizierte Absolventen bedeuten, ist die Verschwendung von Lebenszeit in dem in Deutschland akzeptierten Umfang nicht länger hinnehmbar. Eine kürzere Studienzeit würde zu erheblichen positiven Effekten und zu geringeren öffentlichen und privaten Kosten führen.

"Die größte Wirksamkeit lässt sich durch die Kombination eines verbrauchsabhängigen Studienkontenmodells mit der hier präsentierten Akademikerabgabe erreichen," so Dr. Dieter Dohmen. "Die hier skizzierte Variante passt sich nahtlos daran an. Gutscheine haben den Vorteil, dass sie das tatsächliche Nachfrageverhalten abbilden und nicht von theoretischen Größen bzw. de facto fiktiven Kennziffern ausgehen, die weitgehend von der tatsächlichen Belastung der Hochschulen abweichen. In weiteren Schritten könnten auch Ausbildungsförderung nach dem BAföG und Kindergeld eingebunden werden."


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Kontakt: Birgitt A. Cleuvers (FiBS), Tel. 02 21 / 550 95 16
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