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"Macht und Milieu": Elitenwandel in Zeiten politischer Umbrüche

06.08.2001 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jena (06.08.01) Nach politischen Umbrüchen bewegen sich naturwissenschaftliche und technische Leistungseliten im Umgang mit den neuen Machthabern häufig zwischen Persistenz, also dem Beharren auf Altbewährtem, und Partizipation. Zu diesem Befund kam ein von der Fritz Thyssen Stiftung gefördertes zweijähriges Projekt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Unter der Leitung des Regionalhistorikers Prof. Jürgen John untersuchte Dr. Rüdiger Stutz unter dem Arbeitstitel "Abbes Erben" den Elitenwandel in der Technologieregion Jena zwischen 1930 und 1970.

Für seine Forschungen wählte Stutz eine akteursorientierte Perspektive, indem er vor allem die Arbeitsbiografien von Betriebsmanagern, Ingenieuren und technologieorientierten Naturwissenschaftlern aus den Jenaer Industriebetrieben und der Universität vor dem Hintergrund der politischen Zäsuren 1933, 1945 und 1961 beleuchtete. Stutz fand heraus, "dass die naturwissenschaftlich-technischen Leistungseliten über alle Systemumbrüche hinweg eine sozialpolitische Vermittlerrolle behielten. Die Handlungsorientierungen vieler dieser Betriebsmanager und leitenden Ingenieure verdeutlichen eine gewisse Kontinuität innerhalb der politischen Diskontinuitäten".

Stutz erklärt dieses Phänomen unter anderem mit dem Begriff der "Technologischen Unschuld": Während besonders nach 1945 die Hochschullehrer an den Philosophischen Fakultäten der Sowjetischen Besatzungszone sukzessive ausgewechselt wurden, unterstellten die Besatzungsmächte Naturwissenschaftlern und Technikern politische Unbefangenheit und tasteten diese - nicht zuletzt, weil sie auf deren Fachwissen angewiesen waren - zunächst nicht an.

Das alte Schema, nachdem in totalitären Systemen "alles im Würgegriff politischer und struktureller Zwänge gefangen" gewesen sei, hält Stutz auf Grund seiner Forschungsergebnisse für überholt. Der Historiker fand zahlreiche Belege dafür, dass "Abbes Erben" nicht nur über beachtliche Handlungsspielräume verfügten, sondern gemäß ihrer individuellen "Vororientierungen" folgenreiche Entscheidungen getroffen haben. So versuchte der Thüringische Minister Fritz Wächtler (NSDAP) 1934 den damaligen Vorstandschef der Zeiss-Werke, August Kotthaus, abzusetzen.

Diesen Angriff auf ihre Autonomie wehrten die Manager jedoch mit Hilfe anderer Staats- und Parteibehörden erfolgreich ab. Dass Kotthaus später mit dem Gauleiter Sauckel enger kooperierte, verwundert Stutz daher nicht: "Unter regionalen Leistungseliten und den sie stützenden 'neuen' Industriemilieus existierten zum Teil divergierende technische und soziale Modernisierungsstrategien und darüber wurde fortwährend gedealt, verhandelt, gestritten, und es wurden dabei auch Kompromisse geschlossen."

Basis dieser "Allianzen auf Zeit" waren sowohl während der NS-Zeit als auch in der DDR persönliche Kontakte mit führenden Industrie- und Hochschulpolitikern und eine gut funktionierende "Binnenkommunikation". Man kannte sich, die Führungseliten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft blieben gesellschaftlich unter sich.

Allerdings bezeichnen die Jenaer Standortbedingungen für Stutz tatsächlich auch einen "deutschen Sonderfall". Obwohl sich Jena schon vor dem Ersten Weltkrieg rasant zu einer Industrie- und Universitätsstadt entwickelte und seitdem bis heute ein Technologiepotenzial hat, das in der ganzen Welt wahrgenommen wird, blieben deren urbane Strukturen überschaubar. Daraus resultierten Betriebsverbundenheit und hohe Standortverhaftung, worin Stutz wiederum die Ursachen für das Beharrungsvermögen und die Widerborstigkeit gerade unter älteren Führungskräften von Zeiss und Schott sieht, eben von Persistenz. Darüber hinaus prägte das von Ernst Abbe vor über 100 Jahren geschaffene Stiftungsmodell bis in die Gegenwart das Handeln der wirtschaftlich und politisch Verantwortlichen in dieser Stadt. Betina Meißner

Ansprechpartner:

Dr. Rüdiger Stutz, Tel.: 03641/944453
E-Mail: x6stru@nds.rz.uni-jena.de

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dr. Wolfgang Hirsch
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
D-07743 Jena
Telefon: 03641 · 931030
Telefax: 03641 · 931032
E-Mail: roe@uni-jena.de
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