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Psychisch Kranke - Patienten Dritter Klasse? Tagung am 29. August in Hannover

23.08.2001 - (idw) Medizinische Hochschule Hannover

Wird medizinischer Fortschritt manchen Patienten aus Kostengründen vorenthalten? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Symposium "Versorgung psychischer Kranker im Spannungsfeld zwischen Fortschritt und Budgetierung", das am 29. August 2001 in der Ärztekammer Niedersachsen stattfindet. Veranstalter sind die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen, Bezirksstelle Hannover, und die Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

An der Tagung nehmen Experten aus Klinik und Praxis, Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung und der Krankenkassen, Patienten und Angehörige sowie ein Gesundheitsökonom teil.

Am Beispiel Schizophrenie wird das Problem offenkundig: Nach Angaben der Weltgesundheits-Organisation zählt sie weltweit zu den teuersten Erkrankungen. Der größte Teil der Kosten entsteht durch Arbeitsunfähigkeit und frühzeitige Berentung, die Arzneimittel machen lediglich fünf Prozent aus. Seit einiger Zeit kann die Schizophrenie erheblich besser behandelt werden, insbesondere durch neue Wirkstoffe: Die so genannten atypischen Neuroleptika haben im Vergleich zu den bisher eingesetzten Medikamenten deutlich geringere Nebenwirkungen. Sie erhöhen die Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistungen, wirken antidepressiv. Zudem mindern sie die Negativ-Symptomatik - die Betroffenen sind weniger antriebsarm und ziehen sich weniger schnell zurück.

Dank der Vorteile sind die Patienten eher bereit, die Medikamente einzunehmen. Dadurch wird einem erneuten Krankheitsschub vorgebeugt, Krankenhausaufenthalte werden seltener. Der Teufelskreis "stationäre Behandlung - Entlassung - Weglassen der Medikation - Rückfall - stationäre Wiederaufnahme" lässt sich bei vielen Patienten nachhaltig durchbrechen. Im Vergleich zu den USA und anderen europäischen Ländern wie Italien und Spanien verschreiben deutsche Mediziner allerdings wesentlich seltener die modernen Medikamente. Ursache für die Zurück-haltung sind wohl die gesetzlichen Vorgaben des Arzneimittelbudgets. Jedoch: Pharmaökonomische Studien haben ergeben, dass sich der Einsatz solcher antipsychotischer Medikamente auch finanziell auszahlt. Auf lange Sicht profitieren die Patienten von atypischen Neuroleptika; sie müssen nicht so häufig in Kliniken behandelt werden, die Gesamtkosten der Behandlung sinken.

Die MHH-Professoren Dr. Hinderk M. Emrich und Dr. Udo Schneider sehen die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz von psychisch kranken Menschen vor allem als eine Frage der bestmöglichen Versorgung. Gegenwärtig werden ihrer Ansicht nach insbesondere schizophrene und psychotische Patienten nicht nur stigmatisiert, sondern auch diskriminiert, wenn man ihnen wirksame und verträglichere Medikamente vorenthält. Als erste Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat die KV Hessen diesem Problem Rechnung getragen: Ärzte können dort ihren Patienten außerhalb des Budgets atypische Neuroleptika verordnen.

Weitere Informationen gibt gern Professor Dr. Udo Schneider, Telefon: (0511) 532-6559,
E-Mail: Schneider.Udo@mh-hannover.de

Das Programm des Symposiums:
Mittwoch 29. August 2001, 16 Uhr s.t. bis 18.30 Uhr, Vortragssaal im Ärztehaus, Berliner Allee 20 in Hannover

Einführungsreferat:
"Internationale Standards in der Therapie der Schizophrenie im Vergleich zur aktuellen Situation in Deutschland" Professor Dr. med. Dr. phil. Hinderk M. Emrich, Vorstand der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der MHH

Diskussionsrunde:
Moderation Prof. Dr. Dr. H. M. Emrich, Dr. med. K. F. Cimander

"Dilemma für den niedergelassenen Nervenarzt zwischen Sozialrecht und Zivilrecht"
Dr. med. Bernd Gremse, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Vertreter des BVND in Niedersachsen, Goslar

"Die KV in der Zwickmühle zwischen Versorgungsauftrag und Wirtschaftlichkeitsgebot"
Dr. med. K. F. Cimander, Facharzt für Allgemeinmedizin, Vorsitzender des Vorstandes der KVN, Bezirksstelle Hannover

"Behandlungsansätze chronisch psychisch Kranker aus der Sicht der Klinik"

Professor Dr. med. Udo Schneider, Oberarzt in der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der MHH

"Die Krankenkassen als Anwalt der Patienten?!"
Ingo Werner, Vorstandsvorsitzender des BKK Landesverbandes Niedersachsen/Bremen

"Spart die Medizin am falschen Ende?"
Dr. H.-J.Salize, Arbeitsgruppe Versorgungsforschung, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim

"Zusammenarbeit aller Beteiligten als Schlüssel für eine menschenwürdige und wirtschaftliche Therapie"
Frau Wernhild Conterius, Arbeitsgemeinschaft Angehöriger psychisch Kranker Niedersachsen/Bremen (AANB)
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