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CHE kritisiert Studiengebührenverbot

25.04.2002 - (idw) CHE Centrum für Hochschulentwicklung

Entwicklungschancen werden im Keim erstickt

Sozial verträgliche Studiengebühren-Modelle sind funktionstüchtig und schrecken nicht vom Studium ab. Diese Auffassung vertritt das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh und kritisiert die heutige Bundestagsentscheidung, allgemeine Studiengebühren zu verbieten. "Die Regierungsentscheidung erstickt weitere Entwicklungschancen im deutschen Hochschulsystem im Keim", kommentiert CHE-Geschäftsführer Detlef Müller-Böling. An vielen Ecken breche der Staat mit altem Dogmatismus, schnüre das Korsett gesetzlicher Reglungswut auf und gestehe den Hochschulen mehr Eigenverantwortung zu. Aber an dieser Stelle würde Beton gegossen. "Das Verbot erscheint wie eine Verzweiflungstat angesichts der Tatsache, dass auch in den Reihen der SPD die alten, stereotypen Argumente immer weniger überzeugen", meint der Hochschulexperte. Das CHE verweist auf sieben inhaltliche Argumente, die verdeutlichen, warum das Verbot falsch ist:

1. Das Verbot gründet auf falschen Behauptungen

Das Argument, potenzielle Studierende würden durch Gebühren verunsichert, Deutschland brauche aber eher mehr als weniger Studierende, ist nicht stichhaltig. Fakt ist, dass in Ländern, die bereits Studiengebühren eingeführt haben (z.B. Niederlande, Australien), die Studienanfängerzahlen gestiegen sind. Nach allen Erfahrungen in vergleichbaren Ländern kommt es zwar zu einem Rückgang der eingeschriebenen Studierenden, nicht aber zu einem Absinken der Studienanfängerzahlen. Dass durch die Einführung von Studiengebühren Scheinstudierende, die ausschließlich zur Sicherung materieller Vorteile immatrikuliert sind, abgeschreckt werden, ist unumstritten und zu begrüßen.

2. Das Verbot ignoriert bestehende Tatsachen im deutschen Hochschulsystem

Anders als es die Bundesregierung unterstellt, sind Hochschulen, die Gebühren erheben, auch in Deutschland sehr attraktiv für Bewerber. Das gilt auch für Studierende mit geringerem Elterneinkommen, wie das Beispiel der Privaten Universität Witten/Herdecke zeigt: Dort ist der Anteil der BAföG-Empfänger unter den Studierenden genauso groß wie an staatlichen, kostenfreien Hochschulen.

3. Das Verbot blockiert den notwendigen Ausbau des Hochschulsystems

Wer noch mehr junge Menschen durch eine Hochschulausbildung für Berufe der Zukunft qualifizieren will, muss die Hochschulen besser ausstatten und ihre Kapazitäten ausbauen. In Zeiten knapper öffentlicher Kassen sind die Kosten dafür jedoch ohne zusätzliche private Mittel nicht aufzubringen. Ein Verbot von Studiengebühren setzt die Chance dazu leichtsinnig aufs Spiel.

4. Das Verbot verschärft die soziale Ungerechtigkeit

Wissenschaftliche Gutachten zeigen, dass das gebührenfreie Studium von heute de facto eine Umverteilung von arm zu reich bedeutet: Die heute schlechter Verdienenden finanzieren durch ihre Steuern den später besser Verdienenden das Studium. Der Vergleich mit anderen Bildungsbereichen, wie zum Beispiel Kindergärten oder Meisterkursen im Handwerk, zeigt, dass das Argument der Chancengleichheit der Gebührenerhebung nicht generell im Wege steht. Warum es im Hochschulbereich anders sein sollte, will nicht einleuchten.

5. Das Verbot verhindert den wünschenswerten Wettbewerb im Hochschulbereich

Studiengebühren führen zu einem neuen Verhältnis zwischen zahlenden Nachfragern und Anbietern von Lehrleistungen: Studierende müssen nicht länger als Last begriffen werden, sondern Hochschulen werden mit bedarfsgerechten und differenzierten Studienangeboten in einen qualitativen Wettbewerb um Studierende eintreten.

6. Das Verbot bekämpft Ungleichheit im Bildungssystem an der falschen Stelle

Das Argument, Arbeiterkinder würden durch Gebühren vom Studium und somit vom sozialen Aufstieg durch Bildung abgehalten, ist falsch. Die soziale Selektion, die in Deutschland leider noch immer stärker ist als in anderen europäischen Ländern, erfolgt nämlich, wie die PISA-Studie jüngst bestätigt hat, nicht erst beim Übergang zwischen Schule und Hochschule, sondern schon viel früher, beim Übergang vom Primar- zum Sekundarbereich.

7. Das Verbot setzt sich über den Bürgerwillen hinweg

Zwei in den Jahren 1998 und 2000 durchgeführte repräsentative Umfragen haben ergeben, dass eine deutliche Mehrheit der Deutschen (62 Prozent) für die Einführung von Studiengebühren ist, sofern soziale Ungerechtigkeit vermieden wird. Eine die Sozialverträglichkeit berücksichtigende Einführung von Studiengebühren trifft bei Wählern aller politischen Parteien mehrheitlich auf Zustimmung: CDU/CSU-Wähler 69, SPD-Wähler 62, FDP-Wähler 56, Grüne/B90-Wähler 52 Prozent. Sogar die Studierenden selbst sind dafür (52 Prozent bei den unter 23-Jährigen).

Rückfragen an: Erik Otto, Telefon: 0 52 41 / 97 61 33, E-Mail: erik.otto@che.de

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