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Urkunden-Fälscher im frühen Mittelalter

04.12.2001 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Die Urkunden der merowingischen Könige sind wichtige Zeugen des Übergangs von der Spätantike zum Mittelalter. Insgesamt 196 Texte sind überliefert, davon 38 Originale, der Rest Abschriften. Prof. Dr. Theo Kölzer, Historiker an der Universität Bonn, hat die Schriftstücke in fast 20jähriger Detektivarbeit unter die Lupe genommen und nun in Form einer fast 1000-seitigen kommentierten Edition veröffentlicht. Ergebnis: Zwei Drittel der Urkunden sind gefälscht.


Prof. Dr. Theo Kölzer mit einer Reproduktion der ältesten erhaltenen Merowinger-Urkunde. Dieses Bild können Sie unter http://www.verwaltung.uni-bonn.de/presse/Bildgalerie/merowinger.jpg aus dem Internet laden. Die Fälscher stellten sich geschickt an: Sie klebten Papyrus-Stücke mit den beschriebenen Seiten aufeinander. Auf den leeren Rückseiten hielten sie dann in Amtslatein fest, welche Rechte der König ihrem Kloster rund 400 Jahre zuvor angeblich zugestanden hatte. Das Resultat sah auf den ersten Blick aus, als stamme es aus der Feder eines königlichen Notars der Merowinger-Zeit. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Schriftstücke an der Klebefläche getrennt, aber Schriftspuren blieben am anderen Dokument haften. Von da an gingen die malträtierten Urkunden getrennte Wege.

Vor zwei Jahren dann untersuchte Professor Kölzer eine Urkunde der Merowinger, auf der große Teile der Schrift fehlten. Etwa zur gleichen Zeit entdeckte ein französischer Historiker auf einem Schriftstück aus einer ganz anderen Epoche Zeichen, die er für merowingisch hielt. Der Fund machte ihn neugierig; er schickte daher eine Durchpause an seinen Kollegen am Historischen Seminar in Bonn.

"Das war ein Glücksfall", urteilt Kölzer heute. Schnell erkannte er, dass die spiegelverkehrten Schriftzeichen, die sein französischer Kollege gefunden hatte, die Lücken in "seiner" Urkunde füllten. Einem Marburger Fotografen gelang es dann, mit Hilfe moderner Bildbearbeitungs-Technik das Originaldokument im Computer "virtuell" zu rekonstruieren - das älteste Original einer abend-ländischen Königsurkunde.

Der Bonner Historiker untersucht die Königsurkunden der fränkischen Merowinger (ca. 450 - 751 n. Chr.), der Vorgänger der Karolinger. In diesen amtlichen Dokumenten werden z.B. bestimmte Sonderrechte verliehen oder Besitzungen geschenkt; oft handelt es sich um den ältesten Beleg für das begünstigte Kloster oder den verliehenen Rechtstitel, weshalb die Urkunden auch für Kirchen-, Rechts- und Wirtschaftshistoriker von Belang sind. Vor kurzem hat Kölzer auf rund 1000 Seiten eine kommentierte Edition aller erhaltenen 196 Merowinger-Urkunden herausgegeben, von denen allerdings zwei Drittel als Fälschungen betrachtet werden müssen. An der Autentizität der 38 überlieferten Originale zweifelt Kölzer dagegen nicht.

"Diese Dokumente erweisen sich als wichtige 'Leitfossilien' für den Übergang von der Spätantike zum Mittelalter", erklärt Kölzer. "Die römische Spätantike kannte einen ausgeprägten Behördenapparat, der die Rechtstitel des Einzelnen aktenkundig machte und schützte. Erst der Untergang dieser Verwaltungsstruktur machte die Aufbewahrung urkundlicher Rechtstitel durch die Begünstigten selbst erforderlich." Entstehungszeiten und Fundorte der Merowinger-Urkunden dokumentieren diesen Wandel: "Spätestens um 600 war nördlich der Loire die Spätantike zu Ende, die die Humanisten schon mit der Völkerwanderung, andere erst durch das Vordringen des Islam hatten untergehen sehen." Diese Einsicht hält Kölzer für das wichtigste allgemein-historische Ergebnis der Edition, das neue Fragen nach sich zieht.

Was aber, wenn beispielsweise in einem Kloster für ein beanspruchtes Recht keine Urkunde existierte? In solchen Fällen griffen die Betroffenen häufig selbst zu Federkiel und Pergament - "seit dem 12. Jahrhundert war nämlich ohne besiegelte Urkunden nichts zu machen", betont Kölzer. Die Fälscher benutzten z.B. meist ein anderes Vokabular, als zur Merowinger-Zeit üblich war. Häufig stolpert Kölzer zunächst über auffällige Begriffe oder Betreffe und entdeckt dann weitere Indizien, die ihn in seinem Urteil bestärken.

Nicht immer aber gingen die Fälscher mit so viel Bedacht vor wie im Anfangs geschilderten Beispiel. Manchmal seien schon einfache historische Fakten entlarvend, schmunzelt der Bonner Historiker. "Da stammt dann die Urkunde beispielsweise von einem König, der zur Zeit der Ausstellung bereits seit Jahren tot war."

Monumenta Germaniae Historica, Diplomata regum Francorum e stirpe Merovingica, nach Vorarbeiten von Carlrichard Brühl ( ), hg. von Theo Kölzer unter Mitwirkung von Martina Hartmann und Andrea Stieldorf, 2 Bde., Hannover 2001, XXXIV + 965 Seiten + 8 Tafeln, DM 280,--

Weitere Informationen: Prof. Dr. Theo Kölzer, Historisches Seminar der Universität Bonn, Tel.: 0228/73-5167, E-Mail: t.koelzer@uni-bonn.de

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