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Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft - ein deutsch-französisches Kolloquium

05.12.2001 - (idw) Universität Augsburg

Morgen am Donnerstag, dem 6. Dezember 2001, beginnt an der Universität Augsburg ein dreitägiges Kolloquium, zu dem der Augsburger Romanist Prof. Dr. Dr. h. c. Henning Krauß profilierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Frankreich und Deutschland eingeladen hat. In Vorträgen und drei Diskussionsrunden werden sich die Teilnehmer aus verschiedenen Blickwinkeln dem Thema "Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft" widmen, in dem mehr Zündstoff steckt, als der neutral formulierte Titel auf den ersten Blick vermuten lässt.

Das Thema sei brisant, so Krauß, denn es verweise auf eine Krise der Geisteswissenschaften allgemein, die beiderseits des Rheins - in Deutschland vielleicht noch mehr als in Frankreich - an Gewicht bzw. Ansehen verloren hätten, und zwar an den Universitäten selbst wie auch in der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit. Eines der Ziele des Kolloquiums sei es, sich darüber auszutauschen, welche Wege eingeschlagen werden sollen und können, um in einer Zeit der Globalisierung, in der es mehr um die Quantität und das Tempo von Information gehe als um deren Qualität und Analyse, die Rolle der Literaturwissenschaft aufrechtzuerhalten. (Eine ausführlichere Skizzierung der Krise, vor deren Hintergrund Krauß das von ihm konzipierte und organisierte Kolloquium sieht, findet sich im Anhang zu dieser Pressemitteilung.)

Das PROGRAMM des deutsch-französischen Kolloquiums verzeichnet die folgenden 13 Vorträge:

6. DEZEMBER 2001
VORTRAGSSAAL DES UNIVERSITÄTSBAUAMTS, ALTER POSTWEG 118

14h. Eröffnung

15h. Prof. Dr. Winfried Wehle (Eichstätt): Literatur und Kultur

16h. Prof. Dr. Karlheinz Stierle (Konstanz): Sprache, Text, Kultur

17h. Prof. Dr. Dietmar Rieger (Gießen): Literaturwissenschaft als eine Kulturwissenschaft

Diskussion unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. h. c. Fritz Nies (Düsseldorf)

7. DEZEMBER 2001
VORTRAGSSAAL DES UNIVERSITÄTSBAUAMTS, ALTER POSTWEG 118

9h. Prof. Dr. Jean Mesnard (Membre de l'Institut de France): Les Sciences et les Lettres. Esquisse d'une problématique

10h. Prof. Dr. Bernard Bray (Paris): Les correspondances: une littérature du moi entre modes, modèles et mentalités

11h. Prof. Dr. Louis van Delft (Paris X): Theatrum mundi et cyberspace

Discussion sous la présidence de Madame le Professeur Béatrice Didier (École Normale Supérieure)

14h. Prof. Dr. Béatrice Didier (École Normale Supérieure): Pour une culture transdisciplinaire: littérature et musique

15h. Prof. Dr. François Moureau (Paris-Sorbonne IV): Les relations de voyages contre la littérature ou littérature de l'autre?

16h. Prof. Dr. Michel Delon (Paris-Sorbonne IV): Le libertinage, objet historique, objet culturel, objet littéraire

17h. Prof. Dr. Heinz Thoma (Halle-Wittenberg): Anthropologie und Interdisziplinarität im 18. Jahrhundert - ein kulturwissenschaftlicher Zugang

Discussion sous la présidence de Monsieur le Professeur Jean Mesnard (Membre de l'Institut de France)

8. DEZEMBER 2001
VORTRAGSSAAL 3010 DER UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK, UNIVERSITÄTSSTRAßE 22

9h. Prof. Dr. Dr. h.c. Fritz Nies (Düsseldorf): Literatur- und Kulturwissenschaft: grenzüberschreitend?

10h. Prof. Dr. Wolfgang Asholt (Osnabrück): Kulturwissenschaft ohne Gesellschaft - oder was bleibt von der gesellschaftsbildenden Funktion der Literatur?

11h. Prof. Dr. Hansjörg Neuschäfer (Saarbrücken): Philologie und Aufklärung. Über den kulturwissenschaftlichen Auftrag unseres Fachs

Diskussion unter der Leitung von Prof. Dr. Karlheinz Stierle (Konstanz)

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KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:

Prof. Dr. Dr. h. c. Henning Krauß, Lehrstuhl für Romanische Literaturwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Französischen, Universität Augsburg, 86135 Augsburg, Telefon 0821/598-2725, henning.krauss@phil.uni-augsburg.de

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ANHANG:
PROF. DR. DR. H. C. HENNING KRAUß ZUR KRISE DER GEISTESWISSENSCHAFTEN ALS HINTERGRUND DES KOLLOQUIUMS "LITERATURWISSENSCHAFT ALS KULTURWISSENSCHAFT

Gegenstand der Geisteswissenschaften ist das anspruchsvollste Langzeitgedächtnis der Menschheit. Sie bewahren, ordnen und vernetzen es. Sie interpretieren es für die jeweilige Gegenwart neu. Ihre deutende Auswahl aus der Fülle des überlieferten Materials, ihre kritische Abstandnahme von Traditionen und ihre kritische Anbindung an Traditionen vermitteln zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wirken orientierend mit bei der Identitätsbildung von Gruppen, Ethnien und Kontinenten.

GEISTESWISSENSCHAFTEN VOLLZIEHEN MODERNE

Die Geisteswissenschaften halten unabgegoltene Fragen im Bewusstsein, sie analysieren die Gegenwart als historisch gewordene und somit veränderbare, sie formulieren den Überschuß des Möglichen im Wirklichen, öffnen den Ist-Zustand zu einer erstrebenswerten Zukunft hin. Sie weiten den Blick über die eigene Gruppe hinaus, erschließen die Dialektik zwischen dem Eigenen und dem Fremden, brechen - wie dies z.B. die Afrikanistik und die Lateinamerikanistik tun - die eurozentrische Perspektive auf, streben globale Wertmaßstäbe an, wirken verstehend und erklärend, aufklärerisch und emanzipatorisch auf die kulturelle Form der Welt ein. Zusammengefasst: Die Geisteswissenschaften vollziehen Moderne.

GESELLSCHAFTLICHE BEDEUTSAMKEIT UND VERANTWORTUNG

Dieses Faktum zeichnet sie seit ihrer Entstehung im Umkreis der europäischen Aufklärung aus. Sie waren sich von Anfang an der gesellschaftlichen Bedeutsamkeit ihres Gegenstandes und ihrer eigenen gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Nach Herder dienen sie der "Beförderung der Humanität", nach August Wilhelm Schlegel der Bildungsgeschichte der Menschheit, d.h. dem unendlichen Fortschritt im Menschengeschlecht; Diltheys Diktum, alles Verstehen erwachse in den "Interessen des praktischen Lebens" schreibt ihren Praxisbezug fest. Nicht umsonst tragen sie im französischen Wissenschaftssystem die Bezeichnung sciences humaines et politiques, Human- und politische Wissenschaften. Ihr Zentrum ist der Mensch als zoon politikon, als Gemeinschaftswesen, der Mensch in seiner sprachlichen, politischen, ökonomischen, religiösen, philosophischen, ideologischen, juristischen Gebundenheit, in seiner Spannweite vom Monstrum bis zum Heiligen: der Mensch vor allem aber - und hier sollten wir uns an John Stuart Mill erinnern, der von moral science spricht - als moralisch handlungsfähiges, zum Handeln gezwungenes Wesen, dem Kant in der Kritik der reinen Vernunft aufgibt: "Tue das, wodurch du würdig wirst, glücklich zu sein."

C.P. Snow hatte 1959 die Aufspaltung des Wissens in zwei kaum miteinander kommunizierende Kulturen diagnostiziert: die naturwissenschaftlich-technische und die geisteswissenschaftliche. Den Naturwissenschaften fiel der Part challenge, Herausforderung, Veränderung, Neuerung zu, den Geisteswissenschaften der Part response, Antwort im Sinn von Kompensation, Reparatur eventueller Modernisierungsschäden.

KULTUR ALS INBEGRIFF ALLER MENSCHLICHEN ARBEITS- UND LEBENSFORMEN

Inzwischen haben die Geisteswissenschaften für sich einen - (gesellschaftlich notwendigen) - Wandlungsprozess eingeleitet. Sie definieren sich mehr und mehr als Kulturwissenschaften, d.h. sie begrenzen ihren Aufgabenbereich nicht auf Kultur im engeren Sinn, auf Kultur als ein Teilgebiet neben Politik, Ökonomie, Technik, Recht etc., sondern verstehen Kultur als Inbegriff aller menschlichen Arbeits- und Lebensformen, naturwissenschaftliche und andere Entwicklungen eingeschlossen.

INFORMATION: VIEL, SCHNELL, BEDEUTUNGSLOS

Sie versetzen sich dadurch in die Lage, an der Herausbildung der Informations- und Mediengesellschaft aktiv mitzuwirken. Wer würde die Mehrung von Informationen, die Beschleunigung ihrer Übermittlung, die Eröffnung virtueller Räume nicht begrüßen? Aber Informationszuwachs und Informationsgeschwindigkeit werden zu problematischen Größen, wenn man glaubt, sie - da sie ökonomisch profitabel sind - einem szientistischen und postmodernen anything goes überlassen zu sollen.

Gerade die Datenüberfülle impliziert, dass die Majorität der Informationen für die Mehrheit der Empfänger teilweise oder gar nicht deutbar ist. Es besteht die Gefahr, dass fast alle Informationen gleichgültig im Doppelsinn von gleichwertig und bedeutungslos werden. Die kaum noch kontrollierbare Mischung von Virtuellem und Realem dürfte den deutenden Blick auf die Wirklichkeit eintrüben.

INFORMATION OHNE INTERPRETATION SETZT DIE KULTURELLE FORM DER WELT AUF'S SPIEL

Hinter jeder Information und hinter jedem Bild aber steht ein Informant, der Absichten verfolgt. Undurchschaute oder weitgehend undurchschaubare Informationen und Bilder bergen die Gefahr der Manipulation in sich, haben die Tendenz, Herrschaftswissen zu konstituieren, das die Unwissenden leicht beherrschbar werden lässt. Deshalb muss eine Interpretationsgesellschaft Grundlage der Informations- und der Mediengesellschaft sein. Wird das Salz der Interpretation dumm, steht die kulturelle Form der Welt auf dem Spiel. Die Kulturwissenschaften als Interpretationswissenschaften sind der privilegierte Ort, an dem sich die Welt Wissen von sich selbst schafft. Die Kulturwissenschaften sind unersetzbar, wenn es darum geht, einen problematischen Gegenstand aus seinem Begriff, seiner Geschichte, seinem Zeichencharakter, seiner Form, also philosophisch, historisch, sprachlich und ästhetisch zu verstehen. Sie übersetzen bloße Information in Mitteilung, kontrollieren das Verstehen des Eigenen am Fremden wie des Fremden am Eigenen, sie erweisen immer neu, dass Grenzen nicht notwendig trennen müssen, sondern stets auch Horizonte vermitteln und ineins damit das Einvernehmen der Wissenden und der Handelnden befördern können.

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