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Gender November - eine Konferenz zwischen Ost und West

06.12.2001 - (idw) Fachhochschule Erfurt

Am 30.11. und 1.12. fand an der FH Erfurt die internationale Fachkonferenz "Gender November - Gender in Lehre und Didaktik. Inhalte, Medien und Methoden" (vgl. Nr. 158/2001 vom 22.11.) statt, ein Fachaustausch mit internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Russland, Polen, Tschechien, USA, Deutschland und Österreich zu Gender und Gendermainstreaming mit dem Schwerpunkt der hochschuldidaktischen Umsetzung der Genderstudien. Die Veranstalterinnen verzeichneten nicht nur eine äußerst rege Beteiligung, sondern vor allem interessante Diskussionen und Lösungsansätze. Interessant war auch die Beteiligung Dr. Gerhard Kümmels von einem Forschungsinstitut der Bundeswehr, wo ein Gender Training für Bundeswehr- Führungskräfte entwickelt wurde, das vorgestellt und heiß diskutiert wurde.
"Die Begegnung mit der Fremden." war die spontane Antwort von Heide Hering (München) auf die Frage, was am meisten beeindruckt habe.

Nachfolgend ein Rückblick von Prof. Dr. Gesine Spieß (FH Erfurt):

Vernetzung
Das Ziel, Kontakte zwischen Ost und West zu knüpfen oder zu vertiefen, wurde während der beiden Tage eingelöst. Die Konferenz diente in vielfältiger Weise der Vernetzung - so wurden Ideen, Konzepte, Adressen und Literaturhinweise ausgetauscht - die Konferenz wurde jedoch von einer jungen bulgarischen Wissenschaftlerin genutzt, sich eine potentielle Doktormutter für ihr Gender Thema zu suchen. Der Bedarf nach Kontakten und an Informationen besteht vor allem von westlicher Seite. Während die Referentinnen aus dem Osten zum größten Teil über Kontakte in West Europa verfügen, haben viele der Wissenschaftlerinnen aus Westeuropa noch keine oder nur sehr spärliche eigenen Verbindungen zu Wissenschaftlerinnen im Osten Europas. Sie wurden von den östlichen Kolleginnen eingeladen und aufgefordert, Europa selbst vor Ort von "der anderen Seite" zu erleben.
Didaktik
Ein Ergebnis der Konferenz war: Es gibt keine allgemein gültige didaktische Herangehensweise von Gender Studien. Die institutionelle Anbindung und die Art, wie Gender Studien integriert sind, bestimmt maßgeblich die Vorgehensweise. Es ist ein gravierender Unterschied, der zu unterschiedlichen didakti-schen Folgerungen führt, ob die Studien innerhalb eines Postgraduierten Studiengangs, ob bezahlt während eines Wochenendblocks, als Teil des Grundstudiums oder als Masterstudiengang angeboten wird. Es zeigte sich, dass die Methoden, um in das Thema einzuführen, so vielfältig waren, dass nahezu jede Referentin, jeder Referent einen anderen Einstieg wählte, z.B.
- über die Sprachkritik (Tschechien, Budweis)
- über den Vergleich des Frauenbildes in Film und Fernsehen,
- die Analyse eines Gedichts (Herstellung von Macht/Ohnmacht) Warschau
- über Theorie und Geschichte von Gender Studien (Posen)
- Auseinandersetzung mit einer Theorie über die Textarbeit (Petersburg),
- über ein Rollenspiel, in dem zwei Ansätze miteinander streiten: Gleichheit und Differenz (Prag)
- über die handlungsebene, z.B. die Einrichtung einer Kinderstube in der Universität (Brünn) oder
- über ein Medienprojekt, ein Männerseminar oder über das Thema "Gewalt"
Feminismus
Im Zentrum der gesamten Konferenz stand die Auseinandersetzung mit dem Feminismus. In der Einschätzung spielten selbstverständlich die gesellschaftspolitische Vergangenheit und Herkunft eine entscheidende Rolle. Die Einstel-lungen schwankten zwischen Abgrenzung und Vorsicht gegenüber der westlichen Bewegung - bis hin zur Feststellung, dass der Osten von den feministischen Konzepten profitiert habe. Von osteuropäischer Seite wurde darauf hin-gewiesen, dass die feministischen Theorieanteile in den jeweiligen kulturellen Zusammenhang übersetzt werden müssten. Von westlicher Seite wurde betont, dass die Wurzeln des aktuellen Gender Mainstreamings in der feministischen Bewegung lägen. Nun käme von oben das, was von unten einmal erkämpft worden sei. Deutlich wurde in der Diskussion, dass Gender Studien und feministische Theorie im Westen wie im Osten verschränkt und nicht ohne das andere zu denken sind.
Bedarf nach Institutionalisierung
Der Erfahrungsaustausch zeigte, dass bei den Studierenden der Bedarf nach Gender Studien sehr unterschiedlich ist. So finden manche Gender Seminare ein großes Interesse, um andere wiederum muss eigens geworben werden. Festgestellt wurde, dass sich auch dieser Studiengang am "Markt der Lernbedürfnisse" ausrichten und einen Markt schaffen müsse. Besonders die osteuropäischen Studiengänge sind zum größten Teil fremd finanziert (EU Mittel, Ford Foundation usw) - Antizipiert wurde, dass die Studiengänge ihr Ende fänden, wenn diese Mittel nicht mehr fließen. Ziel müsse die Institutionalisierung innerhalb der Hochschulen sein. Dies Ziel wollen die Wissenschaftlerinnen durch eine gemeinsame Petition unterstreichen.
Konferenz- Mischung - Gender Training der Bundeswehr
Mit großem Interesse wurde von den Konferenzteilnehmerinnen der Vortrag über das "Gender Training", das die Bundeswehr zur Zeit durchführt, aufgenommen. In der anschließenden Diskussion ging es um die Schlüssel-Frage, ob durch die Präsenz von Frauen die Institution langfristig verändert würde, oder ob Frauen an die Institution angepasst würde. Diese Frage wurde zum Maßstab genommen, das Training zu bewerten. Eine Kritik ging dahin, dass sich das Gender Training ausschließlich an Männer richte, die Vorbereitung der Frauen auf die Männerbastion jedoch nicht einschlösse.
Offen blieb die Frage, was sich methodisch- didaktisch auf den Hochschulbe-reich übertragen lässt.
Atmosphäre
Besonders gelobt und genossen wurde die besondere Art der Tagungskultur - hervorgehoben wurden dabei das hohe inhaltliche Niveau, die Dichte der Beiträge, die künstlerische Gestaltung, die kulturellen Tagungseinlagen sowie die Verpflegung und die herzliche Atmosphäre zwischen den Teilnehmenden.
Die nächste Konferenz kommt bestimmt
Die Gender Konferenz in Erfurt erwies sich als "ansteckend" - so ist geplant, in der Münchner Universität die nächste Konferenz zum Thema "Gender - Gefahr oder Chance für den Feminismus" durchzuführen. Hierzu wurden bereits Referentinnen der Erfurter Tagung angesprochen.

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