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Lehrerausbildung in Niedersachsen: Ein Offener Brief an die Ministerin

12.12.2001 - (idw) Universität Hildesheim

Die Gemeinsame Kommission für Lehrerbildung der Universität Hildesheim reagiert mit einem offenen Brief an die Niedersächsische Kultusministerin Jürgens-Pieper auf das Konzept der "Verlässlichen Grundschule" in Niedersachsen und lehnt die Inanspruchnahme von Studierenden für die Betreuungszeiten ab.

Prof. Dr. Olga Graumann
Universität Hildesheim
Vorsitzende der Gemeinsamen Kommission für Lehrerbildung

Schreiben an die Ministerin Frau I. Jürgens-Piper am 01.11.2001


Sehr geehrte Frau Ministerin,

mit dem Slogan "Vertretungskraft in der Verlässlichen Grundschule. Wäre das etwas für Sie?" werben Sie in einem auch in den Universitäten verteilten Faltblatt um die Mitarbeit vor allem auch von Lehramtsstudierenden, um in den 1.100 Grundschulen Unterricht bzw. Betreuung von mindestens fünf Stunden pro Tag zu gewährleisten. Dass dieser Anspruch nicht von den vorhandenen Lehrerinnen und Lehrern abgedeckt werden kann, war Ihnen schon bei der Einrichtung der Verlässlichen Grundschule bekannt.
In dem Faltblatt wird nicht von Betreuungsaufgaben gesprochen, sondern ausschließlich von Vertretungsunterricht, der "bei kurzfristigen Ausfällen von Lehrkräften" jederzeit übernommen werden muss, wenn man ein solches Vertragsverhältnis anstrebt. Begründet wird diese Maßnahme mit der Möglichkeit "Erfahrung sammeln" zu können.

Die Gemeinsame Kommission Lehrerbildung (GKL) der Universität Hildesheim wendet sich entschieden gegen diese Form der Inanspruchnahme von Studierenden des Lehramtes aus folgenden Gründen:
1.Studierende würden ab dem ersten Semester in voller Verantwortung ohne jede kompetente Betreuung Unterricht übernehmen, für den ein Studium von 8 Semestern und eine Referendariatszeit von eineinhalb Jahren vorgesehen sind. Was können Studierende in diesen Vertretungsstunden lernen? Dass sie auch ohne Studium "irgendwie" unterrichten können? Dass Fachwissen, Fachdidaktik, Kenntnisse über Lernprozesse, über Verhalten, über Kommunikationsstrukturen u.v.m. "eigentlich" nicht gebraucht werden, da es ja "irgendwie" geht? Oder dass sie von Kindern, die sie in ihrer "Lehrerrolle" nicht ernst nehmen, wegen der unvermeidlichen Überforderung das Studium abbrechen?
Ist Unterricht in der Grundschule gegenüber andern Schulformen so wenig wichtig, dass er auch ohne professionelle Ausbildung gehalten werden kann ?
Sicherlich kämen Sie nicht auf die Idee, Studierende in den Anfangssemestern des Lehramtes in der Sek II des Gymnasiums unterrichten, Medizinstudenten in eigener Verantwortung operieren, Jurastudenten vor Gericht als Richter oder Anwalt handeln zu lassen!
2.Die Studierenden werden dann von den Schulen abgerufen, wenn eine Vertretungskraft benötigt wird. Dieser "Job" kann im Vorfeld nicht so geplant werden, dass er außerhalb der Seminarverpflichtungen liegt. Ein verantwortungsbewußtes Studium ist dann nicht mehr möglich. Entweder die Studierenden besuchen die Veranstaltungen nur noch sporadisch und mogeln sich durch das Studium, oder ihr Studium verlängert sich. Ist das von Ihnen bei dem derzeitigen Lehrermangel gewollt?
3.Gelockt werden die Vertretungskräfte außerdem durch die Vergabe von Bonuspunkten bei Einstellungsverfahren. Heißt das, dass diejenigen, die ihr Studium durch diese Tätigkeit verlängert haben, bei Einstellungen eher berücksichtigt und damit auch noch belohnt werden? Haben verantwortungsbewußte Studierende, die ihr Studium in der Regelstudienzeit zu absolvieren versuchen- was vom MWK immer wieder eingefordert wird-, also weniger Chancen?
4.Das Argument, dass die Studierenden mehr Praxis erwerben ist nur vordergründig richtig, wenn man einen "blinden" Praxisbegriff unterlegt.
Die Praxiserfahrungen werden nicht theoretisch begleitet und aufgearbeitet. Sie sind in kein über Jahrzehnte entwickeltes und wissenschaftlich fundiertes Curriculum eingebettet, wie es z.B. in den- von der Evaluation hoch eingeschätzten- Schulpraktischen Studien im Theorie-Praxis-Modell an der Universität Hildesheim der Fall ist.

Die Maßnahme hat keinerlei pädagogisch fundierten Hintergrund. Sie dient allein dem Zweck, eine politisch für die Wählerschaft attraktive Einrichtung wie die Verlässliche Grundschule trotz vorhersehbarem eklatanten Lehrermangel aufrechtzuerhalten.

Wir fordern aus den genannten Gründen:
Zurücknahme des Faltblattes und keine Werbung von Lehramtsstudierenden für den Vertretungsunterricht an den Verlässlichen Grundschulen unter diesen Rahmenbedingungen. Die GKL wird alle Kollegen auffordern, bei der Beratung von Studierenden in diesem Sinne zu verfahren

Denkbar wäre es dagegen, Studierende nach der Zwischenprüfung ausschließlich in der vorlesungsfreien Zeit (bedingt auch während des Semesters, wenn die Schulen die Priorität des Studiums anerkennen) in den Verlässlichen Grundschulen einzusetzen und diese Tätigkeit durch Seminare und Supervisionssitzungen zu begleiten. Dann wäre es in der Tat eine Möglichkeit, Praxiserfahrungen während des Studiums weiter zu vertiefen. Wenn dieses Vorgehen, das derzeit mit den vorhandenen Kapazitäten nicht geleistet werden kann, durch das Kultusministerium finanziert wird, wäre es ein begrüßenswertes Modell.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. O. Jaumann-Graumann, Vorsitzende der GKL der Universität Hildesheim


Dieser Brief wurde am 26.11.2001 vom Ministerium beantwortet.

Auf dieses Schreiben ließ die Ministerin antworten, dass Vertretungskräfte nicht die Verantwortung für den Lehrplan und die Beurteilung von SchülerInnen übernehmen würden. Dies wurde in unserem Brief nicht unterstellt, denn dass Studierende des Lehramts im ersten Semester bereits Noten geben dürfen und damit ohne Professionalisierung SchülerInnen beurteilen, wäre ein weiterer Schritt, auf den dann ja wohl auch die Elternverbände reagieren sollten! Die Ministerin hält Vertretungsunterricht für eine geeignete Nebentätigkeit und hat das im Antwortschreiben nochmals bestätigt. Angesichts der Ergebnisse der PISA-Studie erhält diese Frage eine neue Brisanz. Auf der einen Seite wird nun mehr Fortbildung für die LehrerInnen gefordert und auf der anderen Seite wird versucht, das Konzept "Verlässliche Grundschule" mit unprofessionellen Personen umzusetzen. Da - entgegen der Meinung der Ministerin, die Vertretungstätigkeit eben nicht ausschließlich auf vorlesungsfreie Zeiten gelegt und nicht begleitet werden kann - wird noch zusätzlich ein gründliches Studium behindert und bei den Studierenden der Eindruck erweckt, dass man in der Grundschule auch ohne theoriegeleitete Reflexion unterrichten kann.

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