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Nürnberger FH-Professor war 14 Tage in einem Flüchtlingslager in Afghanistan

17.12.2001 - (idw) Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg


In diesem Lager tat Prof. Dr. Gerhard Trabert 14 Tage lang Dienst
Kinder, Frauen, aber auch Soldaten gehörten zu den Patienten Der Mediziner Dr. Gerhard Trabert, Professor für Medizin und Sozialmedizin im Fachbereich Sozialwesen der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg half 14 Tage ehrenamtlich bei der medizinischen Versorgung von afghanischen Flüchtlingen im Lager "Mile 46" im Südwesten Afghanistans (ca. 250 km westlich von Kandahar) nahe der iranischen Grenze.

Lesen Sie nachfolgend seine Schilderungen:
"Mile 46 ist ein afghanisches Flüchtlingslager an der iranischen Grenze im Südwesten Afghanistans und liegt mitten in der Wüste. In den letzten 5 Wochen ist die Zahl der Flüchtlinge von ca. 800 auf 5000 angestiegen und täglich nimmt sie um 150 - 250 zu. Die Zeltstadt, bestehend aus 400 Zelten liegt in einer kargen, lebensfeindlichen Region. Kilometerweit nur Sand und Steine, kein Baum, kein grünes Fleckchen, kein natürlich vorkommendes Wasser. Die nächste Stadt auf afghanischer Seite liegt ca. 90 km entfernt in Richtung Kandahar. Obwohl auf afghanischem Territorium liegend wird es vom iranischen Halbmond versorgt. Es gibt täglich Nahrung und Wasser und sogar Strom, aber nur 25 Latrinen und 1 Waschstelle. Das Areal um die Latrinen ist voll mit Kot und Urinlachen, der beißende Gestank nimmt zu je näher man sich den Latrinen nähert. Die einzelnen Zelte sind mit Decken und einem Petroleum-Heizöfchen ausgestattet. Tagsüber steigen die Temperaturen bis 25 ° C an, während sie in der Nacht bis nahe an den Gefrierpunkt absinken. Ohne Decken und Heizeinheit ist ein Überleben kaum möglich. Die durch das Heizen freigesetzten Kohlenmonoxidgase werden ohne besondere Abzugseinrichtung in das Zeltinnere abgegeben.
Die neu ankommenden Flüchtlinge werden plötzlich vom iranischen Halbmond nicht mehr ins Lager hereingelassen, und müssen demzufolge ungeschützt und ohne Versorgung außerhalb des Camps versuchen zu überleben. Die Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" kommen zu unserem kleinen Behandlungszelt und diskutieren mit uns die neue Situation. Sie wollen eventuell die Arbeit vorübergehend einstellen, falls der iranische Halbmond dieses repressive Verhalten beibehält. Wir erklären uns solidarisch und unterstützen das Vorgehen der französischen Ärzte. Wir, das sind eine Krankenschwester und zwei Ärzte, der deutschen christlichen Hilfsorganisation "humedica". Das Konzept von humedica beinhaltet in kurzen Worten formuliert, eine schnelle Akuthilfe in Krisenregionen durch u.a. Ärzteteams die sich nach 2-3 Wochen Tätigkeit überlappend ablösen sollen. Entscheidend ist die kurzfristige und schnelle Verfügbarkeit von Ärzten, die aufgrund der kurzen Einsatzdauer eher realisierbar ist. Bevor wir endlich im Flüchtlingslager Mile 46 mit unserer medizinischen Tätigkeit beginnen konnten, mussten wir einen bürokratischen Hürdenlauf, eine Odyssee notwendiger "permissions", durchlaufen. In Teheran angekommen mussten die angemeldeten Medikamente dann doch noch vom Flughafen-Zoll genehmigt werden. Eine Stunde lang ungefähr 20 offizielle Stellen kontaktieren, 15 Unterschriften und ca. 10 Stempel einholen. Dann zur Zentrale des iranischen Halbmondes, zur iranischen Flüchtlingshilfe, zum UNHCR usw. Danach Weiterflug nach Zahedan an der pakistanischen Grenze, der Hauptstadt der Provinz Baluchistan. Ähnliches Procedere! 2-stündige Autofahrt zu der Grenzstadt Zabol. Ähnliches Procedere! Wir haben endlich alle Genehmigungen für den Grenzübertritt und Rückkehr sowie eine Tätigkeitserlaubnis. Mit viel Glück und Verhandlungsgeschick haben wir endlich auch einen Dolmetscher und Taxifahrer gefunden. 1-stündige Fahrt ins Flüchtlingscamp. Es müssen mehrere iranische Kontrollstationen passiert werden. Die afghanische Grenze besteht aus einem Mujaheddin-Kontrollposten: 2 funktionsunfähige LKWs, ein von den Taliban eroberter Panzerspähwagen, eine von der ehemaligen Sowjetunion eroberte Artilleriestellung und Trümmerteile eines abgeschossenen Hubschraubers. Wir fahren ins Lager, das wie eine Fata Morgana plötzlich am Horizont aus dem Nichts auftaucht. Dort angekommen stellen wir uns dem Flüchtlingslagerleiter vom iranischen Halbmond vor und richten unsere Sprechstunde in dem uns zugeteilten Zelt ein. Das Zelt ist ca. 4 x 4 m groß. Unsere Ankunft hat sich schnell herumgesprochen und schon warten die ersten Patienten vor unserem Zelt. Die folgenden Tage behandeln wir täglich 80 - 100 Menschen. Männer, Frauen, Kinder, Mujaheddin, Mitarbeiter des iranischen Halbmondes usw. Die Haupterkrankungsgruppen sind parasitäre Erkrankungen insbesondere Diarrhöen aufgrund von Wurminfektionen, Infektionen des oberen Respirationstraktes, aber auch Pneumonien und Tuberkulose, dermatologische Erkrankungen (Scabies, Tinea vulgaris, Impetigo, Psoriasis usw.), Erkrankungen des Gastrointestinalstraktes (Gastritis, Ulcus pepticum), scheinbar psychosomatische und psychiatrische Erkrankungen, multiple Schmerzen unklarer Genese, Otitis media- Erkrankungen in allen Schweregraden, dentistische Beschwerden, Hypertonie teilweise aber auch klassische Erkrankungen der Tropen, wie z.B. Malaria, kutane Leishmaniose, Trachom. Nach Anamnese durch unseren Dolmetscher in Fasi oder Baluchi und körperlicher Untersuchung, teilen wir die notwendige medikamentöse Therapie direkt aus. Patienten mit ernsten nicht ambulant behandelbaren Erkrankungen werden in ein iranisches Hospital eingewiesen, was nicht immer einfach ist. Patienten mit chronischen oder kontrollbedürftigen Krankheiten bekommen ein internationales Krankenblatt ausgehändigt und werden wieder einbestellt. Notwendige diagnostische Maßnahmen werden über den im Lager befindlichen iranischen Arzt initiiert. Das Lager besitzt 3 medizinische ärztliche Anlaufstellen. Ärzte ohne Grenzen mit dem Schwerpunkt Frauen und Kinder, ein iranischer Kollege und wir. Es wird sehr schnell deutlich, das eine ständige Kommunikation und Kooperation mit notwendiger Arbeitsteilung dringend erforderlich ist. MSF (Medecins sans frontieres) bereitet eine Impfaktion und Ernährungsstatus- sowie Substitution vor, während wir unsere Sprechstunde weiterführen und in dieser Zeit ausdehnen. Da unsere Patientenzahlen ständig zunehmen und auch Patienten die primär von unserem iranischen Kollegen behandelt werden, zu uns kommen, wollen wir von den Patienten wissen, warum sie zu uns kommen. Die Antwort lautet durchgehend, wir würden sie untersuchen, das würde der iranische Arzt nicht tun. Ob dies der Realität entspricht wissen wir nicht.

Die Patientenbegegnungen sind zum Teil recht skurril aber auch erschütternd tragisch. Da ist der Chef der örtlichen Mujaheddin der mit einem bekannten Hypertonus zu uns kommt und über Potenzprobleme klagt. Da er von anderen Ärzten einen ß-Blocker ausgehändigt bekommen hatte, setzen wir diesen ab und geben ihm stattdessen einen ACE-Hemmer. Entweder wir gewinnen jetzt vollends die Sympathie der Mujaheddin oder .......
Es ist auffallend, dass die zunehmend in unsere Sprechstunde kommenden Mujaheddin über Beschwerden klagen die eindeutig in Richtung Gastritis bzw. Ulcus pepticum deuten, und oft auch einen Hypertonus aufweisen. Krieg ist Stress! Aber da ist auch der Flüchtling der uns Röntgenbilder seiner Frau zeigt, auf der eindeutig eine Oberschenkelfraktur zu sehen ist. Da er unsere Nachfragen hinsichtlich der eingeleiteten Therapie nicht adäquat beantworten kann, gehen wir mit ihm in sein Zelt und finden seine Frau unbehandelt im 7. Monat schwanger auf dem Boden liegend. Wir führen sofort eine Schmerztherapie, soweit dies möglich ist, durch und veranlassen den sofortigen Transport in ein iranisches Krankenhaus. Welcher Arzt hat diese Frau untersucht, geröntgt und dann unbehandelt wieder zurück ins Lager geschickt? Am Abend erfahren wir auf einem Treffen der NGOs beim UNHCR , das der Streit um die Kostenübernahme der Behandlung des öfteren zu solchen Situationen führen würde. Glücklicherweise konnte mit den anwesenden Vertretern des iranischen Halbmondes sofort geklärt werden, dass es für solche Fälle eine seit Wochen schon existierende Abmachung mit dem UNHCR gibt, die die Kostenübernahme regelt.

Da ist die faszinierende ethnische Vielfalt der Patienten, aber auch die augenscheinlichen krassen Unterschiede was den Gesundheits- und Ernährungszustand der Menschen angeht. Viele Kinder befinden sich in einem außerordentlich schlechten Zustand. Besonders betroffen macht uns der apathisch und depressive Ausdruck der Mädchen und jungen Frauen. Sie wirken verloren, hilflos ohne Hoffnung und Zukunft. Die Vergangenheit, die fundamentalistische Auslegung des Islam den Frauen gegenüber hat hier deutliche Wunden und Narben hinterlassen, die durch keine medikamentöse Therapie heilbar sind. Man kann nur erahnen was sie erleiden und erdulden mussten und vielleicht immer noch müssen.
Wir dürfen auch Frauen untersuchen im Beisein der Ehemänner. Zwar muss der Auskultationsbefund durch die dünne Kleidung erhoben werden, aber immerhin dürfen wir zumindest ansatzweise so etwas wie eine körperliche Untersuchung durchführen. Viele Frauen klagen über "hole body pain", Ganzkörperschmerzen die sicherlich auch in vielen Fällen auf eine psychosomatische Genese hindeuten.
An unserem letzten Tag fegt ein mittelschwerer Sandsturm über das Flüchtlingslager. Sofort befindet sich überall in unserem Behandlungszelt Sand. Auf den Medikamentendosen, Otoskop und Stethoskop sind mit einem feinen Sandschleier bedeckt, wir spüren an unserem Körper überall den Sand, und die Patienten harren vor unserem Zelt unter schwierigsten Bedingungen aus, bis sie endlich an der Reihe sind.

Wir erfahren von unseren französischen Kollegen von MSF, dass in der vergangenen Nacht zwei Kinder im Lager verstorben sind und ein Kind außerhalb des Camps erfroren sei. Sie wollen gleich mit der Flüchtlingslagerleitung und dem iranischen Halbmond nochmals dringend notwendige Verbesserungen erörtern und massiv einfordern. Wir werden in dieser Zeit unsere Kollegen vertreten.

Was bleibt, ist die Frage, war das, was wir hier tun, sinnvoll und nützlich ?
· Die konkrete medizinische Versorgung dient in erster Linie der Existenzsicherung für einen gewissen Zeitraum in der Hoffnung, dass sich die grundlegenden Lebensumstände ändern werden. Vor Ort hat diese Form der ärztlichen Versorgung natürlich nur Sinn, wenn parallel hierzu präventiv gearbeitet wird. Die Versorgung mit Wasser und Nahrung, und zwar ausreichender sinnvoller Nahrung muss gewährleistet sein. Es müssen die hygienischen Verhältnisse verbessert werden. Es müssen ausreichend viele Latrinen und Waschmöglichkeiten vorhanden sein und die Menschen müssen hinsichtlich hygienischer Standards geschult werden. Es muss dementsprechend ein Gesamtkonzept notwendiger Maßnahmen erstellt und in Absprache mit den einzelnen vor Ort tätigen NGOs umgesetzt werden. Kommunikation und Kooperation ist notwendig, Konkurrenz hat hier keinen Platz.
· Der Symbolcharakter humanitärer Hilfe vor Ort, die persönlichen zwischenmenschlichen Begegnungen sind ebenfalls bedeutsam. Das zu erfahren, dass Menschen von sehr weit her gekommen sind, um ihnen, den all zu oft zu schnell vergessenen Opfern von Krieg und Terrorismus, zu begegnen und vielleicht ein wenig in dieser fast unerträglichen Lebenssituation zu helfen, hat für sich allein genommen schon einen Stellenwert.
· Dass Christen nicht nur mit Gewalt assoziiert werden, sondern auch Muslime in ihrer Not versuchen zu begleiten und zu helfen ist mehr als ein symbolhaftes Zeichen. Dies wurde uns in vielen Gesprächen mit islamischen Mitmenschen immer wieder bestätigt.
· Das Sensibilisieren der Menschen in Europa und Nordamerika für die Lebenssituation der Menschen in Afghanistan ist immer wieder aufs Neue sinnvoll und notwendig.

Zum Schluss bleibt die Frage oder sollte man es schon als eine Feststellung bezeichnen: Ob man mit Stethoskop (medizinischer Versorgung) und Kreidetafel (Bildung) nicht mehr gegen die Wurzeln des Terrorismus ausrichten kann, als mit Gewehrkugeln und Bomben?!"

Professor Dr. Trabert kam über humedica e. V. nach Afghanistan. humedica e. V. - ein christlich-humanitäres Hilfswerk, das seit 22 Jahren darum bemüht ist, die medizinische Versorgungslage in Entwicklungsländern zu verbessern, Witwen und Waisen zu betreuen, hat in den vergangenen drei Jahren eine Datenbank mit medizinischem Fachpersonal aufgebaut, das bereit steht, um bei Katastrophenfällen und in anderen Notsituationen ehrenamtlich in den Einsatz zu gehen. Trabert gehört zum dritten Ärzteteam, dass Humedica dorthin entsandte.

Vom 9. November ist das Schreiben von humedica an den Dekan Prof. Karl-Ludwig Kreuzer des Fachbereichs Sozialwesen der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg, in dem um die Freistellung von Prof. Dr. Gerhard Trabert für einen zweiwöchigen Einsatz in "Mile 46", einem Afghanischen Flüchtlingslager im afghanisch-iranischen Grenzgebiet gebeten wird.
Zwischen "Anforderung" und Flugtermin lagen nur wenige Tage. Die übergeordneten Dienststellen handelten rasch und unbürokratisch: Der Fachbereich befürwortete den Einsatz, der "auch im Interesse des Fachbereichs Sozialwesen" sei, wie Prof. Dr. Karl-Ludwig Kreuzer betont: Könne Trabert dadurch doch wichtige und wertvolle Erfahrungen im Bereich von "Strukturen und Organisation humanitärer Hilfe, der Lage und den Nöten von Flüchtlingen in Kriegssituationen, bei psychischen Problemen von Flüchtlingen und bei möglichen Angeboten und Instrumente humanitärer Hilfe gewinnen, die für die Lehre des Fachs 'Sozialmedizin' hilfreich wären". Die Hochschulleitung und das bayerische Wissenschaftsministerium stimmten dem Sonderurlaub ebenfalls zu.


Fotos, die Prof. Dr. Gerhard Trabert während seines Einsatzes gemacht hat, können in der Pressestelle der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg (E-Mail: presse@fh-nuernberg.de, Tel. 0911/5880-4101) angefordert werden.
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