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400 Jahre europäisches Theater

09.01.2002 - (idw) Universität zu Köln

4/2002/spiegel.doc
400 Jahre europäisches Theater
Bildband der Theaterwissenschaftliche Sammlung Wahn erschienen

Genrehaftes und Symbolkraft, Abstraktion und Expression, Far-bexplosion und Experiment - alle denkbaren Facetten einer über vierhundertjährigen Kunstgeschichte spiegeln sich in dem neu erschienenen, von Professor Dr. Elmar Buck herausgegebene Bildband "Vision-Raum-Szene" (Verlag M. Faste, Kassel) über die Bestände der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Uni-versität zu Köln. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Clement, bezeichnet in seinem Vorwort den Bildband als "ein viel zu wendig beachtetes Juwel unserer Kul-turlandschaft, das zudem in einer Schatztruhe lagert, die es ebenfalls zu entdecken gilt: die Theaterwissenschaftliche Sammlung Schloß Wahn".

Was der Titel verspricht, lösen über 500 Farbabbildungen in dem 544 Seiten starken Buch ein, das zu Spaziergängen und Gratwanderungen zwischen freier und angewandter Kunst einlädt. Von Gemälden und Zeichnungen aus barocker Zeit (Jacques Cal-lot, Kerstiaen de Keuninck, die Dynastie Galli Bibiena) über die Klassik (Karl Friedrich Schinkel), Moderne (Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer, Walter Gropius) bis hin zum künst-lerisch-szenischen Werk eines Robert Wilson werden hier her-ausragende wie auch versteckte Entwicklungslinien in der bil-denden Kunst nachvollziehbar.

"Vision-Raum-Szene" gibt einen Eindruck der prunkvollen höfi-schen Welt, der Kunst des Genrebilds, der inszenierten Ex- und Interieurs Alter Meister, schwenkt über die phantastischen Kreationen der Romantik zu den verspielten wie auch strengen Formen des Jugendstils und zum Pathos des Symbolismus. Revolu-tionäre Ideen der russischen Avantgarde manifestieren den An-beginn der Moderne, fortan werden in Arbeiten von Kandinsky oder Moholy-Nagy Sehgewohnheiten gesprengt und neu rhythmi-siert, verschmelzen konstruktive, kubistische oder abstrakte Formen, wird das Figürliche aufgelöst oder geht neue Symbiosen ein. Oskar Schlemmers Figuren werden unter den Augen der Be-trachters zu farbigen Artefakten, das Experiment bricht sich Bahn: Die Kunst findet in der reinen Abstraktion ihre selten so konsequent veranschaulichte adäquate Form.

Doch schon bahnt sich auch deren Auflösung an, Ikonen der Kunst- und Kulturgeschichte tauchen als verfremdetes Zitat wieder auf, und auch die Darstellung des Menschen wird neu entdeckt: Nicht mehr als Individuum, sondern als zerrissene Kreatur, skizzenhaft reduziert, schreiend expressiv (wie etwa in den beeindruckenden Arbeiten Erich Wonders) oder ironisiert (bei Roland Topor). Was folgt, ist das Spiel mit der Form oder die nahezu physische Verletzung der Kreatur (Zeichnungen von Robert Wilson) bis hin zur völligen Zurücknahme des Bekannten, das Ersetzen des Bilds durch das Zeichen.

Die Theaterwissenschaftliche Sammlung Schloss Wahn, eine der bedeutendsten und weltgrößten Sammlungen ihrer Art, suchte be-reits seit längerem nach einer Möglichkeit, eine passende Aus-wahl ihrer wertvollen Bestände an Gemälden, künstlerischen Zeichnungen, Entwürfen und Fotografien einem breiten Publikum zu präsentieren. Bisherige Ausstellungen konnten nur spezielle Ausschnitte der historisch gewachsenen Sammlung zeigen. Dies wird sich mit dem neuen Bildband ändern, dessen großformatige Seiten angemessen Raum bieten, ästhetische und gestalterische Vorstellungen seit dem 17. Jahrhundert zu veranschaulichen. Jede Seite des Bandes, in dem insgesamt eine fünfjährige Bild-redaktion steckt, verschafft neue Einblicke und Bezüge: "Visi-on-Raum-Szene" ist gleichsam ein prächtiges Schaufenster, in dem auch Kenner noch Entdeckungen machen.

Die Theaterwissenschaftliche Sammlung Schloss Wahn vereinigt Bild- und Textdokumente zum europäischen Theater vom 16. Jh. bis zur Gegenwart, sowie Sondersammlungen zum ostasiatischen Theater und zum frühen deutschen Film. Gesammelt werden Gemäl-de, Graphiken, Szenen- und Kostümentwürfe, Plakate, Fotos, Bü-cher, Zeitschriften, Theaterzettel, Programmhefte, Kritiken, Manuskripte sowie dreidimensionale Objekte wie Modelle, Mas-ken, Puppen, Skulpturen und Medaillen.

Gegründet wurde die Sammlung durch Dr. Carl Niessen in den 1920er Jahren. Der ausgebildete Schauspieler erhielt - nach Promotion und Habilitation - die erste Professur für Theater-wissenschaft in Köln. Ausgewählte Exponate präsentierte Nie-ssen seit 1931 in einem eigenen Theatermuseum in der Kölner Innenstadt. Nach der Zerstörung des Hauses 1942 wurden die Be-stände im Schloss Wahn im Norden Kölns untergebracht; eine Dauerausstellung ließ sich hier jedoch nicht realisieren. Ende der 80er Jahre gab man das mittlerweile überholte Museumskon-zept auf und strich mit der Umbenennung in "Theaterwissen-schaftliche Sammlung" die wissenschaftliche Ausrichtung her-aus. Ein Rückzug in den Elfenbeinturm sollte diese Entschei-dung gleichwohl nicht bedeuten. Nach wie vor werden Teile der Sammlung in regelmäßigen Sonderausstellungen der Öffentlich-keit zugänglich gemacht.

Die vier Abbildungen aus dem Bildband können Sie unter der URL http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/bilder/ abrufen:

1. Knut Ström: Drömspelet of Strindberg - Vor dem Schloß, 1915, Gouache auf Papier, auf Tonpapier, auf Japanpapier

2. Knut Ström: Drömspelet of Strindberg - Vorspiel 1915, Gou-ache auf Papier, auf Tonpapier, auf Japanpapier

3. Ewald Dülberg: Parsifal (Richard Wagner) - Klingsors Zau-bermädchen, Figurinen, Hamburg, Stadttheater 1914, Regie Hans Löwenfeld, Gouache

4. Wassily Kandinsky: Bilder einer Ausstellung (Kandins-ky/Mussorgsky) - Das Große Tor von Kiew, Bild XVI, Figuri-nen, Dessau, Friedrich-Theater 1928, Regie: Wassily Kandinsky, Tusche, Tempera, Aquarell

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Professor Dr. Elmar Buck unter der Telefonnummer 02203 600 92 19, der Fax-Nummer 02203/600 92 30 und der Email-Adresse monika.klocker@uni-koeln.de zur Verfü-gung.
Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).

Für die Übersendung eines Belegexemplares wären wir Ihnen dankbar.
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