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"Du bist doch die Mutter!"

16.01.2002 - (idw) Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

In der Pubertät sind Konflikte der Heranwachsenden mit den Eltern normal. Sie verlaufen in intakten Familien sogar oft heftiger als bei Alleinerziehenden. Kinder aus gescheiterten Beziehungen berichten dagegen von größerer Harmonie in der Restfamilie und fühlen sich früher als erwachsene Partner akzeptiert. Sie zahlen dafür aber einen hohen Preis: Ihr Selbstvertrauen ist geringer, ihre Konfliktfähigkeit weniger ausgeprägt und sie haben auch mehr Schwierigkeiten, dauerhafte Bindungen aufzubauen. Dr. Kurt Kreppner vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin hat nun erstmals genauer ermittelt, worin sich die Kommunikationsmuster in diesen beiden Familientypen unterscheiden und welche Rolle diese Unterschiede bei der Ausbildung sozialer Kompetenzen der Jugendlichen spielen.

An der Studie haben 67 Berliner Mittelschicht-Familien mit jeweils zwei Kindern teilgenommen. Zu Beginn der Untersuchung war das älteste Kind etwa 12 Jahre alt und stand damit kurz vor der Pubertät. In 20 Familien waren die Eltern getrennt und die Mütter zogen die Kinder alleine auf. Kurt Kreppner und seine Mitarbeiter nahmen insgesamt achtmal in halbjährlichem Abstand während der dreieinhalb Jahre langdauernden Studie eine "typische Kommunikationssituation" zwischen verschiedenen Familienmitgliedern auf. Dabei sollte an Hand von Themenkarten jeweils ein Elternteil mit dem ältesten Kind einen Streitpunkt ausdiskutieren, beispielsweise "Bestimmte Familienmitglieder räumen ihr Zimmer nicht so auf, wie sie es sollten." Die Wissenschaftler nahmen die Diskussion auf Video auf und analysierten, wie das Gespräch auf verbaler und nonverbaler Ebene verlief. Wenn Menschen miteinander sprechen, tauschen sie nicht nur sachliche Information aus, sondern teilen sich auch mit, wie sie zueinander stehen. Die Nähe oder Distanz zwischen ihnen drücken sie durch kleine Gesten aus, sie wird aber auch in der Wortwahl deutlich oder sogar explizit ausgesprochen.
Mütter in funktionierenden Beziehungen betonen im Gespräch mit dem Kind ihre überlegene Erfahrung, legen großen Wert auf das Einhalten von Regeln und scheuen den Konflikt mit dem Kind nicht. Dabei steht die Beziehung "Mutter-Kind" überhaupt nicht zur Debatte, das Gespräch bleibt näher an der Sache, dem Streit um das Einhalten von Regeln. Diese auf den ersten Blick rigidere Haltung scheint zwar vorübergehend das Wohlbefinden des nach mehr Selbständigkeit strebenden Kindes zu beeinträchtigen, vermittelt aber auch Orientierung und schützt vor Überforderung.
Bei den meisten alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern war es hingegen auffällig, wie stark bei derartigen Diskussionen gerade die Beziehung zwischen Mutter und Kind thematisiert wurde. Es fiel den beiden Beteiligten schwer, bei dem Streitthema zu bleiben und die Diskussion wurde schnell sehr emotional. Zum Beispiel in folgender Diskussion zwischen einer Mutter mit ihrem 15jährigen Sohn:
Mutter: "Ich fühle mich sonst überhaupt nicht verstanden. Du möchtest doch auch, dass ich dich verstehe und deine Sachen ernstnehme?"
Sohn: "Ja! Aber du bist ja die Mutter, nicht wahr, und wenn du Probleme hast, dann kannst du weiß ich nicht zu wem gehen, aber nicht zu mir."
Mutter: "Das find ich aber wirklich keine gute Basis. Du bist jetzt schon so groß...und da kannst du mich nicht hier als deinen Mülleimer benutzen...sonst hab ich nämlich auch keine Lust mehr, irgendwelche Geschichten von dir zu bereden."
Dieses Gespräch ist auf den ersten Blick ein Streit unter Gleichen. Doch die Mutter fordert zu viel von ihrem Sohn, der dies auch deutlich spürt. Er soll an den Sorgen der Mutter teilnehmen, sie verstehen und unterstützen wie ein erwachsener Partner. Die Mutter hat sich über die Schranke zwischen den Generationen hinweggesetzt und ist nun enttäuscht, dass ihr Kind diese Schranke geradezu einfordert. Sie droht fast unverhüllt damit, die Beziehung zum Kind aufzukündigen. Für dieses Kind ist der Streit also eine Gefahr. Denn dass Beziehungen durchaus kündbar sind, haben Trennungs-Kinder bereits am Beispiel ihrer Eltern miterlebt.
Die Familienforschung der letzten Jahre zeige, dass die Qualität der elterlichen Verbindung für die heranwachsenden Kinder ausgesprochen wichtig sei, sagt Kreppner. Die beiden Eltern leben vor, dass man unterschiedliche Standpunkte einnehmen kann, ohne das vertraute Verhältnis zu zerstören. Dies macht den Jugendlichen Mut, ihren eigenen Standpunkt zu finden und zu verteidigen, stärkt ihr Selbstvertrauen und ihre sozialen Fähigkeiten. Die Langzeitstudie hat unter anderem auch gezeigt, dass die Mitglieder funktionierender Familien ständig nonverbale Zeichen von Verbundenheit untereinander austauschen. Der Streit kann heftig sein, kostet aber nicht die Liebe.
Dennoch ist die Pubertät auch in den intakten Familien eine schwere Zeit, vor allem für die Mütter. Sie sind als "Hüterinnen der Ordnung" nach wie vor ganz besonders mit Regelverstößen konfrontiert und empfinden ihr ständiges Mahnen auch als Belastung. Väter haben in dieser Zeit des Umbruchs ebenfalls eine wichtige Funktion, betont Kreppner. Die Langzeitstudie belegt, dass Väter sensibel auf das Wachstum der mentalen Fähigkeiten ihres großen Kindes eingehen, es in Diskussionen immer mehr fordern und es allmählich an eine erwachsene Streitkultur heranführen.

Hinweis an die Redaktion: Sie können diesen Text kostenfrei abdrucken. Bitte senden Sie ein Belegexemplar an unser Institut.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Dr. Antonia Rötger, Tel.: 030-82406 251, E-Mail: roetger@mpib-berlin.mpg.de . Auf Anforderung erhalten Sie die Originalarbeiten von Dr. Kurt Kreppner.
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