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Erster Band der Lully-Gesamtausgabe erschienen

13.02.2002 - (idw) Universität des Saarlandes

Saarbrücker Wissenschaftler Mitherausgeber des Begründers der französischen Oper

Erstmals in der über 300-jährigen Wirkungsgeschichte des französischen Barockkomponisten Jean-Baptiste Lully wird eine historisch-kritische Ausgabe realisiert, die auf der Auswertung sämtlicher überlieferten Quellen basiert. Unter Beteiligung hochrangiger Vertreter des französischen Wissenschaftsministeriums konnten die Musikwissenschaftler Jérôme de la Gorce (Paris) und Herbert Schneider (Saarbrücken) jetzt in Paris den ersten Band ihrer insgesamt auf 39 Bände angelegten Ausgabe der Öffentlichkeit präsentieren. Das übersichtlich und repräsentativ gestaltete Buch enthält drei bisher nicht veröffentlichte Hofballette Lullys. Dabei handelt es sich um ein Genre, dem zu Lebzeiten Lullys am Hofe Ludwigs XIV. besondere Bedeutung zukam. Als nächstes sollen Lullys bekannteste Musiktragödie Armide sowie Molières und Lullys Komödienballett Le Bourgeois gentilhomme erscheinen. Vorangetrieben wird das editorische Großprojekt in Kooperation zwischen Frankreich und Deutschland unter Beteiligung der führenden Wissenschaftler, die sich mit Lully, der Musik und dem Musiktheater seiner Epoche beschäftigt haben. Für die editorische Betreuung der Libretti konnten die beiden Herausgeber den renommierten Literaturwissenschaftler und Professor an der Sorbonne, François Moureau, gewinnen.

Der in Florenz geborene Jean-Baptiste Lully (1632-1687) ist der bedeutendste französische Komponist des 17. Jahrhunderts. Bekannt wurde er zunächst als Autor eines neuen Typus von Hofballetten, für die er im Gegensatz zur Tradition die Vokal- und Instrumentalmusik schuf. In ihnen trat er an der Seite des Königs Ludwig XIV. auch als Tänzer auf. Zusammen mit Molière schrieb er die bedeutendsten Comédies-ballets, die während der in ganz Europa berühmten Hoffeste in Versailles und im Theater Molières aufgeführt wurden. Mit seinen fünfzehn Tragédies en musique, deren Libretti meist von Philippe Quinault stammen, schuf er eine ganz eigenständige Operngattung, in der im Gegensatz zur italienischen Oper der Zeit Chor und Ballett eine wichtige Rolle spielten. Mit dieser Opernkonzeption, in der Gestaltungselemente des Ballet de cour und der Comédie-ballet eingingen, lieferte er das Modell für die französische Oper, das im Grunde bis ins 20. Jahrhundert nachwirkte. Denn Chor und Ballett, in dem die gestisch-pantomimische und damit optische Ausdrucksdimension in das Geschehen einbezogen ist, bleiben hier eine Konstante. Neben den Bühnenwerken komponierte Lully einige kirchenmusikalische, darunter die für die Entstehung des Grand Motet wichtigen Motetten Miserere und De profundis sowie das Te Deum und kammermusikalische Werke (u.a. Kammertrios, Trios pour le coucher du roi).

Professor Schneider erläutert, was ihn und seine Mitstreiter bewog, das Projekt der Lully-Gesamtausgabe in Angriff zu nehmen: "Die Nachfrage nach Lully-Partituren und nach Aufführungsmaterial ist in den letzten Jahren erheblich gewachsen, nachdem Aufführungen von Armide, Atys und Roland ein großes internationales Echo fanden. Das Fehlen eines zuverlässigen Aufführungsmaterials ist sicher der Grund dafür, dass z.B. die Musik des Bourgeois gentilhomme und das Nationenballett am Ende der meistgespielten Komödie Molières nicht einmal bei Musikfestivals aufgeführt wurde, obwohl im Zeitalter der historischen Aufführungspraxis genügend Anlässe dafür vorhanden sind. Die zahlreichen auf den Barocktanz spezialisierten Ballett-Truppen sind bereit, das Wagnis einzugehen und Hofballette aufzuführen, wenn ihnen das entsprechende Aufführungsmaterial zur Verfügung steht. Dem Wunsch vieler Ensembles und Bühnen folgend entstand der Plan einer Lully-Gesamtausgabe."

Diese Gesamtausgabe, deren erster Band nun mit Einführung, Libretto, Partitur und kritischem Apparat vorliegt, wird vom Ministère de la Culture in Paris unter dem Dach von Musica Gallica finanziert und erscheint in Hildesheim beim Georg Olms Verlag. Die Ausgabe wird am Ende 39 Bände als Notenausgabe und 2 Textbände umfassen: Hofballette (11 Bände), Comédies-ballets (6), Opern (16), Kirchenmusik (5) und Kammermusik (1). Wie Herbert Schneider unterstreicht "handelt sich um eine Ausgabe, die wissenschaftlichen und praktischen Ansprüchen genügt."

Für Dirigenten, Orchester, Opernintendanten und Festivalleitern bedeutet die Edition eine besondere Chance, die höfische Festkultur, wie sie Lully am Hofe Ludwigs XIV. prägte und reflektierte, zu neuem Leben zu erwecken.


Fragen beantwortet Ihnen Prof. Dr. Herbert Schneider: Tel. 0681/302-3660.
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