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Wie ein "entstellter" Körper beeinträchtigt - Preis für Studenten

19.02.2002 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Ein Mann steigt in den Bus ein und trifft auf einen Fahrgast, dessen Gesicht durch eine großflächige Verbrennung entstellt ist. Der Mann bleibt abrupt stehen. In seinem Gesicht spiegeln sich Irritation und Abscheu, woraufhin sein Gegenüber den Blick abwendet. Müssen Begegnungen zwischen "entstellten" und "normalen" Menschen immer auf diese Weise vonstatten gehen? Nein, meint der Sonderpädagoge Jürgen Moosecker von der Uni Würzburg.

Wie diesen scheinbar automatisch ablaufenden Verhaltensweisen entgegenzusteuern ist, beschreibt der 26jährige in seiner Arbeit "Entstellter Körper - beschädigte Identität? Ein pädagogischer Ansatz, um einen Teufelskreis zu durchbrechen." Er greift dabei einerseits auf die Theorie des "Symbolischen Interaktionismus" und andererseits auf Erfahrungen aus einem Pilotprojekt zurück, die er bei einem Praktikum an einer integrierten Schule in Brisbane in Australien gewonnen hat. In integrierten Schulen werden Behinderte und Nichtbehinderte zusammen unterrichtet.

Ausgangspunkt für Mooseckers Ansatz sind die Nichtbehinderten, seien es nun Kinder, Jugendliche oder Erwachsene. Ihnen müssen zunächst die Mechanismen bewusst gemacht werden, die zwischen "normalen" und "entstellten" Menschen ablaufen. Und diese Mechanismen sehen so aus:

Das Bild, das ein Mensch von sich selbst hat, wird auch dadurch bestimmt, wie Freunde, Bekannte und die soziale Umwelt auf ihn reagieren. Eine Gefahr für die Identität kann erwachsen, wenn der eigene Körper nicht der Norm entspricht. Die Gefährdung ergibt sich laut Moosecker aus der Spiegelung des "entstellten" Leibes in den Blicken der Anderen, aus der negativen Rückmeldung, die der Betroffene erhält. Seine Identität gerät ins Wanken mit der möglichen Folge, dass er den Kontakt zu Anderen lieber meidet. Doch damit schließt sich ein Teufelskreis, denn der "Entstellte" erfährt nun auch keine positive Bestätigung mehr. "Doch auf solche Rückmeldungen ist jeder Mensch existentiell angewiesen", sagt Jürgen Moosecker.

Sind diese Abläufe im Bewusstsein verankert, folgt der nächste Schritt, der aus dem Teufelskreis heraus führen soll: Die "Normalen" müssen dem "entstellten" Menschen eine Art Vorschuss einräumen: Sie sollen ihre Irritationen zunächst durch einen "kognitiven Gegenpol" ausbalancieren und die Interaktion mit dem anderen nicht sofort abbrechen. Diese Ausbalancierung der ersten abwehrenden Empfindungen birgt die Chance, die Kommunikationsbarriere "Entstellung" zu überwinden.

Mit dieser Arbeit hat der Sonderpädagoge, der aus Gießen kommt und an der Uni Würzburg zurzeit sein Promotionsstudium absolviert, erfolgreich am "Deutschen Studienpreis" teilgenommen: Er gewann einen Förderpreis von 1.000 Euro, verbunden mit der Möglichkeit, kostenfrei an einem Preisträgerkolleg teilzunehmen.

Der Studienpreis ist ein bundesweiter Forschungswettbewerb, der von der Körber-Stiftung (Hamburg) veranstaltet wird und sich an Studierende richtet. Zum Thema "Bodycheck - Wie viel Körper braucht der Mensch?" wurden insgesamt 424 Arbeiten eingereicht.

Nach Würzburg ging auch der mit 3.000 Euro dotierte dritte Preis des Wettbewerbs: Ausgezeichnet wurde eine sozialpsychologische Forschungsarbeit von Odile Jagsch, Anja Kund, Sonja Mager, Philippe Türk-Pereira und Anja Zimmermann (siehe Link zur idw-Meldung am Ende dieser Mitteilung).

Am Montag, 25. Februar, bekommen die Studierenden ihre Preise im Konzerthaus in Berlin von Jutta Limbach überreicht. Die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts ist Kuratoriumsvorsitzende des "Deutschen Studienpreises".

Weitere Informationen: Jürgen Moosecker, T (0931) 64 289, E-Mail:

juergen.moosecker@stud-mail.uni-wuerzburg.de
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