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Damit kriminelle Karrieren gar nicht erst beginnen

30.10.2002 - (idw) Universität Leipzig

Sozialpädagogen der Universität Leipzig begleiten Modellprojekt ESCAPE für Kinder mit abweichendem Verhalten.

Sie sind zwischen 10 und 14, sind also keine Kinder mehr und auch noch keine Jugendlichen. Aus dem Hort sind sie raus, in einem Jugendtreff noch nicht drin. Sie sind auf der Suche nach ihrem Weg. Manche von ihnen hängen in dieser Lücke fest - sie haben Probleme und das lässt sie Probleme machen. Und einige wenige von diesen "Lücke-Kids" klauen, prügeln, betrügen; fahren Autos zu Schrott, zertrümmern Läden oder ziehen auf Diebestour. Das Urteil, das über sie gefällt wird, lautet "delinquent", "straffällig". Aber der Spruch kann nicht vollstreckt werden - Kinder in Deutschland sind unter 14 Jahren nicht strafmündig. Daran vermochten bislang auch die Rufe nach geschlossenen Anstalten und einem Strafalter von 12 Jahren nichts zu ändern.
Wenn Kinder erwischt werden, dass sie Gesetze verletzen, dann registriert die Polizei die Straftat; und wenn der Diensthabende eine "Gefährdung" sieht, wird das betreffende Kind ans Jugendamt gemeldet. Ebenso kann die Schule bei Schülern vorgehen, die Normen und Regeln mit Gewalt brechen. Wenn das Jugendamt wiederum einen Bedarf an Hilfe erkennt, dann reagiert es - wie, das liegt im Ermessen vor Ort. Wenn es Beratung und Unterstützung anbietet, dann bleibt es letztlich dem Kind und dessen Familie vorbehalten, ob diese angenommen werden oder nicht.
An jedem dieser Bindeglieder kann die Kette reißen. Und in jedem dieser Übergänge liegt die Unsicherheit, ob solche Kinder in ein Netz fallen oder in einen Abgrund stürzen. Was der Kette bislang zur Stabilität fehlt, sind weniger einzelne Leistungen als vielmehr überzeugende Konzepte, gemeinsame Verbindlichkeiten und verlässliche Standards, die von allen Institutionen, die straffälligen, strafunmündigen Kindern begegnen, miteinander getragen werden. "Kinderdelinquenz", bilanziert Tobias Strieder für die Kinder- und Jugendhilfe, "war bislang ein vernachlässigtes Thema." Seit Juli 2000 betreut der Leipziger Erziehungswissenschaftler ESCAPE, das sächsische Modellprojekt zur "Erprobung neuer Hilfeangebote für Kinder mit abweichendem Verhalten".
ESCAPE steht für die Computertaste, die eine Anwendung beendet und eine andere öffnet. Übersetzt bedeutet escape "entkommen" oder "sich retten" - die erste Variante impliziert die Vorstellung von "Glück gehabt", die zweite das eigene Aktivsein. Der Skateboard-Fahrer im ESCAPE-Logo schafft den Absprung ... Raus aus der Gefährdung fürs Kind, rein in die Hilfe mit dem Kind - raus aus dem Problemmachen, rein ins Problemlösen. Dort, wo professionelle Hilfe von außen nötig ist, klaffte zwischen beiden bislang eine "Angebotslücke".
Die lässt sich schließen, regte das Landesjugendamt Sachsen an und stieß beim Staatsministerium für Soziales, Gesundheit, Jugend und Familie auf offene Ohren, sprich auf Förderung für drei Jahre. Seit 1. Juli 2000 läuft ESCAPE an drei Standorten des Diakonischen Werkes im "ländlichen" Auerbach, im "mittelstädtischen" Riesa und im "Plattenviertel" Dresden-Prohlis. Die Universität Leipzig ist mit dem Lehrstuhl für Sozialpädagogik im Boot, Prof. Christian von Wolffersdorff, der zur Zeit auch am Sächsischen Jugendbericht mitwirkt, der im nächsten Jahr veröffentlicht wird, und Tobias Strieder begleiten das Projekt aus Sicht der Erziehungswissenschaft - einige Magisterarbeiten sind im Entstehen. Strieder, Pressesprecher des Caritasverbandes Leipzig e. V., trägt zudem Management und Koordination. Inzwischen haben über 40 Kinder das Projekt durchlaufen. Aktuell steckt der wissenschaftliche Teil des Projekts in Phase 3 - die Stichworte heißen: Loslassen, Fallgeschichten, Wirksamkeit; der Evaluationsbericht zu Zwischenergebnissen liegt vor. Phase 4, der Abschlußreport, ist im kommenden Juni zu erwarten.
Bereits jetzt lässt sich der Kern aus der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts herausschälen: "Das Neue ist, in diesem Feld tätig zu werden und verbindliche Strukturen zu entwickeln." In der Tat sei es so, erläutert Tobias Strieder, dass es für Kinder unterhalb des strafmündigen Alters bisher kaum spezifische Angebote gegeben, Jugendhilfe nur zögerlich reagiert habe. ESCAPE gehe es darum, "die Straftat als Anlass zu nutzen", um zu klären, ob eine Hilfe nötig ist, bzw. um Hilfe zu geben. Konzepte, die dem Gedanken der Strafe folgen, können diesen Kindern weder helfen noch ihre - zumeist komplexen sozialen - Probleme lösen. Einige Felder, auf denen ESCAPE ansetzt, reißt der Leipziger Erziehungswissenschaftler in seinem ersten Resümee an.
Zu einem Dreh- und Angelpunkt hat sich die "Geh"-Struktur entwickelt. Kurz gesagt: "Wir lassen nicht locker." Gemeinhin schickt das Jugendamt der Familie eines delinquenten Kindes einen Brief und bietet Hilfe an. Antwortet die Familie nicht, kommt der Vorgang zu den Akten, der unbeantwortete Brief bleibt unbeantwortet. ESCAPE nun geht dem Schweigen nach, mit Telefon und Hausbesuch. Als freier Träger der Jugendhilfe fällt es den Projektmitarbeitern/innen leichter, Vorurteile der Eltern gegenüber dem "Wachhund" Jugendamt zu entkräften. Und ESCAPE kann die Unterstützung - entsprechend der konkreten Umwelt des Kindes - auf Eltern und Familie ausdehnen. Weder Kind noch Eltern werden repressiv behandelt. Vielmehr wird ihnen der Einstieg in die Hilfe erleichtert. Es ist auch ein "Einfädelungsprozess" in die Jugendhilfe, der Zeit erfordert, aber endlich die Tür zeigt zu den Angeboten, die von Einzelgesprächen und Gruppenarbeit über erlebnispädagogische Freizeiten und altersspezifische Handlungsformen bis zur Elternarbeit und zum offenen Treff reichen.
Die Elternarbeit hat im Laufe des Projekts einen breiten Raum eingenommen. An allen drei Standorten erwies sie sich als zentraler und konzeptioneller Bestandteil von ESCAPE. In Dresden-Prohlis beispielsweise erlebten die Mitarbeiter/innen zum Familientag, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen - und sahen, welche Rolle den Kindern in der Familie zukommt. Umgekehrt sahen die Eltern, wie die Sozialarbeiter/innen mit ihren Kindern umgingen und diese agierten. In Dresden entwickelte sich zudem eine wöchentliche Elternsprechstunde und ein monatlicher Elterntreff - für Tobias Strieder "Indikatoren, dass die inhaltliche Arbeit ihre Wirkung entfaltet".
Zugleich jedoch zeigte sich gerade in der Arbeit mit den Eltern, dass die Begrenzung der Betreuung auf drei bis vier Monate zwar dem Charakter von ESCAPE, für straffällige Kinder eine Brücke ins nichtkriminelle Leben zu bauen, gerecht wird. Aber in Bezug auf die grundlegenden Probleme in den Familien kann "die Projektlaufzeit oft nur als Anlaufzeit" dienen. Für Tobias Strieder schließt sich hier - genau wie für die Nachbetreuung der Kinder - der Gedanke an: Nach der speziellen, durch die Delinquenz des Kindes ausgelösten und motivierten Zuwendung darf die Kette der Hilfe nicht wieder reißen. Sie kann und muss als Integration in bestehende Angebote fortgeführt werden.
Wenn dieser Übergang geschafft ist, dann hat ESCAPE seinen Anspruch erfüllt, möglichst frühzeitig, unkonventionell und unbürokratisch Unterstützung anzubieten und das Jugendamt als Partner an die Familie heranzuführen. "Je eher das gelingt, um so weniger ist das auffällige Verhalten verfestigt, um so größere Chancen hat ein Kind, den Ausstieg aus dem Einstieg in die kriminelle Karriere zu finden", ist Tobias Strieder überzeugt. Aus Sicht der Modellarbeit in den drei Standorten und der wissenschaftlichen Begleitung zieht er die Folgerung: In der künftigen Arbeit muss zum einen die Schwelle zwischen Kindern (und Familien) und Hilfe-Offerten gesenkt werden, zum anderen die Wahrnehmung von wiederholt delinquenten und auffälligen Verhaltensweisen als mögliche Form des kindlichen Hilferufs verbessert werden.
Während die erste Forderung in der "Geh-"Struktur umgesetzt ist, ist die zweite schwieriger zu realisieren. Ein Knackpunkt liegt im Verhältnis zwischen Jugendhilfe und Schule. Kinder verbringen einen Großteil ihrer Zeit in der Schule, dort zeigt sich auffälliges Verhalten. Bummeln Kinder wiederholt und unentschuldigt den Unterricht, kann dies durchaus einen Hilfebedarf anzeigen. Studien belegen den Zusammenhang zwischen Schulverweigerung und Delinquenz. So richtet sich der Blick von ESCAPE nicht nur auf Schulschwänzer, versteht aber deren Auffälligkeit als Signal, als Ruf nach Aufmerksamkeit und Hilfe. Diese Ansatz stieß bei Lehrern immer wieder auf positive Resonanz; nur genutzt wurde das Angebot seitens der Schule bisher selten.
Ein Dilemma, das für Tobias Strieder in der Ausrichtung von Schule auf Bildung und in der ungenügenden Verzahnung von Schule und Jugendhilfe sowie im fehlenden Wissen voneinander begründet liegt. Zumindest letzteres kann er über die Verknüpfung zur Universität Leipzig beeinflussen. Die Seminare, die am Lehrstuhl für Sozialpädagogik rund um ESCAPE laufen, zeichnen sich durch Praxisnähe und Perspektivwechsel aus. "Nicht erst nach den Ereignissen von Erfurt fällt Sozialpädagogik die wichtige Aufgabe zu", so Strieder, "Lehrern die Kompetenz zu vermitteln, soziale Probleme ihrer Schüler zu erfassen und angemessen darauf zu reagieren." Das Fach an der Universität Leipzig zu bestärken und zu beleben, darin liegt eine weitere Potenz von ESCAPE.
Eines jedoch ist auch klar: "Das Projekt, so wie es ist, hat angesichts knapper Kassen kaum eine Chance, nach der Modellphase in ein Regelangebot der Jugendhilfe überführt zu werden." Den Ausweg sieht Strieder in der überlegten Öffnung der Zugangskriterien und der Einbindung des ESCAPE-Leistungsspektrums in vorhandene Hilfsangebote. So könnte der Weg, der sich auffälligen Kindern jetzt an drei Modell-Standorten geöffnet hat, verbindlich und dauerhaft werden. Daniela Weber


Kontakt:
Universität Leipzig
Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Lehrstuhl für Sozialpädagogik
Prof. Christian von Wolffersdorff
Tobias Strieder, M.A. Erziehungswissenschaft
Karl-Heine-Str. 22b
04229 Leipzig
Tel.: 0341/973 14 75

Caritasverband Leipzig e. V.
Tobias Strieder
Elsterstr. 15
04109 Leipzig
Tel.: 0341/963 61 17
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