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Trauer um Hans-Georg Gadamer

15.03.2002 - (idw) Universität Leipzig

Mit Trauer hat die Universität Leipzig die Nachricht aufgenommen, dass Hans-Georg Gadamer verstorben ist. Sie verliert in ihm, wie Rektor Volker Bigl sagte, nicht nur einen ihrer namhaften Hochschullehrer (1939-47), Rektoren (1946/47) und Ehrendoktoren (1996), sondern eine ihrer prägenden geistigen Gestalten. Nach dem politischen Umbruch hatte der Philosoph mehrfach die Universität Leipzig besucht und ihren Erneuerungsprozess nicht nur mit Interesse und Sympathie verfolgt, sondern auch mit Rat und Tat unterstützt.
1993 hatte er, nach 46 Jahren wieder, seine alte Universität besucht und die Festrede zur Immatrikulationsfeier des neuen Studentenjahrgangs gehalten. Dabei bekannte er sich nachdrücklich zu der Aufgabe, nach Zeiten der Trennungen wieder ins gemeinsame Gespräch zu kommen und über unterschiedliche Prägungen hinweg Verständigung zu wagen. "Es kommt darauf an, den anderen verstehen zu lernen, in der Verständigung mit dem anderen eine gemeinsame Sprache zu finden und neue Solidaritäten aufzubauen", unterstrich er damals. Und sein Arbeitsgebiet, die Hermeneutik, die Lehre vom Verstehen, könne hierfür einen gewichtigen Beitrag leisten - im großen Maßstab der Menschheit wie in dem bescheideneren Maßstab eines jeden Einzellebens und auch der Universität Leipzig, "der ich mich noch immer so sehr verbunden fühle".
Vor zwei Jahren hatte die Universität aus Anlass seines 100. Geburtstages eine Feierstunde für ihn und mit ihm ausgerichtet, in der Rektor Bigl, Staatsminister Meyer und der Philosophie-Professor Karol Bal aus Gadamers Heimatstadt Breslau das Lebenswerk des Jubilars gewürdigt hatten. Dabei war der Rektor auch der Frage nachgegangen, warum sich die heutige Universität gerade so eng mit ihrem Rektor Gadamer verbunden fühle, wo er doch nur knapp zwei Jahre das Rektoramt inne hatte. Zum einen, weil unter seinem Rektorat am 5. Februar 1946 die Wiedereröffnung der Universität nach dem Kriege erfolgte, und zum anderen vor allem deshalb, weil er in seiner damaligen Rektoratsrede seinem Glauben an die "ewigen Maßstäbe der Wahrheit... und der wissenschaftlichen Erkenntnis" so überzeugend Ausdruck gegeben und damit auch das Selbstverständnis der heutigen Universität Leipzig umrissen habe.
Hans-Georg Gadamer an der Universität Leipzig, das war aber auch "ein Weiser in finsteren Zeiten", wie es Minister Meyer formulierte. Sein Wirken an der Universität Leipzig sei ein eindrucksvolles Argument für den Rang des je eigenen Tuns und Lassens auch unter einer Herrschaft, die den Wert und die Berechtigung der Individualität bestreitet. Zu würdigen sei die unverführbare Klarheit, mit der er als Professor der Philosophie die abendländische Tradition einer dem Menschen verpflichteten Geistigkeit lehrte und repräsentierte.
Zum 100. Geburtstag Hans-Georg Gadamers hatte auch der Leipziger Philosophieprofessor Pirmin Stekeler-Weithofer in einem Beitrag die Bedeutung von Gadamers Thema, der hermeneutischen Methode, für das philosophische Denken von heute unterstrichen. Die Humanitas gebe es nicht ohne hinreichend radikale Befragung der Geschichte und nicht ohne Verfremdung des zunächst Selbstverständlichen. Das sei die Lehre, die Gadamer - aufbauend auf Hegel und Platon, Dilthey und Heidegger - in einer philosophischen Hermeneutik entwickelte. Gadamer selbst verkörpere die akademische Profession der Philosophie wie auch das Philosophische in jeder Person. "Gerade in Zeiten, in denen Humboldts Idee universitärer und universaler Bildung ausgehöhlt und in der Folge als für die Gesellschaft zu teures Ideal dargestellt wird - als könnte man die Leistung authentischer Selbst-Bestimmung direkt ökonomisch bemessen -, ist die Erinnerung notwendiger denn je, dass Wissenschaft und Ausbildung ohne philosophisches Denken blind werden." Hans-Georg Gadamer zählt eben aufgrund dieser Erinnerung zu den großen Denkern, ja er gehört in das Dreigestirn der wohl nachhaltigsten Frager seines Jahrhunderts - neben Heidegger und Wittgenstein. V.S.

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