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Weiterhin hohes Konsolidierungstempo bei Internet-Start-ups: Studie der EUROPEAN BUSINESS SCHOOL

03.04.2002 - (idw) European Business School

Die Hoffnung auf sinkende Ausfallraten hat sich in den Herbstmonaten nicht erfüllt - Im Dezember 2001 wurde ein neuer Pleitenrekord erreicht
-Regionale Unterschiede auffällig

In einer dritten Längsschnitt-Untersuchung hat das Projekt e-Startup.org an der EUROPEAN BUSINESS SCHOOL (ebs) das Schicksal von etwa 9.000 Internet/E-Commerce Unternehmen verfolgt und zum Stichtag 1. Januar erneut ausgewertet. Erstmals wurden auch regionale Unterschiede in den Ausfallraten untersucht und für die wichtigsten Gründerregionen in Deutschland verglichen.

Die ermittelten Ausfallraten zeigen, dass sich die Hoffnung auf einen Rückgang der Insolvenzen und Firmenaufgaben nicht erfüllt hat. Auch weiterhin leidet die Branche unter der anhaltenden Marktschwäche, hohem Wettbewerb und der Zurückhaltung der Investoren. Hinzu kommen die bislang unterschätzten Folgen der Pleitewelle im Sommer: Teils hohe Forderungsverluste, schlechte Stimmung bei den Mitarbeitern und ein allgemeiner Vertrauensverlust der Kunden und potentiellen Partner in die New Economy stellt zunehmend auch gut aufgestellte, solide finanzierte Unternehmen vor ernste Herausforderungen.

Die Ergebnisse der Untersuchung sind im Internet unter www.e-startup.org als Download verfügbar.

Entwicklung der Insolvenzen und Firmenaufgaben

Nach monatlich 20-22 Insolvenzen im ersten Halbjahr 2001 und einem Anstieg auf 60 Insolvenzen in den Sommermonaten hat sich die Lage im Herbst nur leicht entspannt. Durchschnittlich etwa 50 Unternehmen haben in den letzten vier Monaten des Jahres den Gang zum Amtsgericht antreten müssen. Saisonal bedingt wurde mit 65 Insolvenzen im Dezember 2001 ein neuer Pleitenrekord erreicht.

Im Gesamtjahr 2001 sind damit - unter Berücksichtigung der angemeldeten, aber noch nicht eröffneten Verfahren - mehr als 450 Internet/E-Commerce Firmen insolvent geworden. Dieses Schicksal traf im Vorjahr nur etwa 60 Unternehmen.

Zeitlich parallel zu den Insolvenzen haben sich auch die Firmenaufgaben entwickelt, die vorwiegend kleinere, nicht Venture Capital-finanzierte Anbieter betreffen. Namentlich wurden bisher rund 470 Fälle erfasst, hochgerechnet dürfte ihre Zahl bei etwa 950-1.000 Aufgaben liegen. In 2001 sind damit in Summe etwa 1.400-1.450 Unternehmen gescheitert.

Entwicklung bei VC-finanzierten Unternehmen

Mit etwa 1.200 finanzierten Unternehmen war das Segment Internet/E-Commerce für die deutschen VC-Gesellschaften bisher ein wichtiger Investitionsschwerpunkt Das Schicksal dieser Anbieter verfolgt das Projekt e-Startup.org quartalsweise anhand einer Stichprobe von 676 Unternehmen, die zum 1. Juli 2000 bereits eine Finanzierung erhalten hatten und noch eigenständig am Markt aktiv waren.

Zum letzten Review am 1. Oktober 2001 waren bereits 141 Firmen oder 20,8% gescheitert. Diese Zahl hat sich in den drei Monaten bis zum 1. Januar 2002 auf 183 Firmen (27,1%) erhöht. Davon haben 156 Insolvenz anmelden müssen, 27 haben den Weg einer Aufgabe oder Schliessung des Unternehmens gewählt.

Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Übernahmen von 76 auf 91 Firmen (13,4%) nur moderat an. In drei Viertel der Fälle erfolgte die Übernahme durch ein anderes Internet-Unternehmen. Da die übernommenen Unternehmen zu einem höheren Anteil bereits profitabel waren, liegt ihre Ausfallrate vergleichsweise niedrig: Mit 15 gescheiterten von 91 akquirierten Unternehmen erreicht sie 16%.

Die Insolvenz bedeutet für die gescheiterten Unternehmen nicht zwangsläufig das Aus. Für 22 Unternehmen konnte ein neuer Investor gefunden werden. Zwei Unternehmen erhielten mit der Übernahme durch das Management eine zweite Chance und in 13 Fällen konnten Unternehmen zumindest in Teilen veräussert werden. Rund 20-30 Anbieter, deren Insolvenzverfahren noch nicht oder erst vor kurzem eröffnet worden ist, können noch auf Rettung hoffen.

Die Zahl der VC-finanzierten Marktteilnehmer hat sich damit in den letzten 18 Monaten um mehr als ein Drittel verringert. Weniger als 60% der Firmen in der Stichprobe sind noch als unabhängige Anbieter aktiv. Neben den Startups trifft das anhaltend hohe Konsolidierungstempo aber auch die Investoren: Sie haben in 2001 hohe Abschreibungen auf ihre Portfolios vornehmen müssen. Von den etwa 500 Unternehmen in Deutschland, die jungen Unternehmen Beteiligungskapital zur Verfügung gestellt haben, hat sich bis Ende des vergangenen Jahres bereits ein Zehntel aus dem Markt zurückgezogen oder ist selbst gescheitert.

Regionale Unterschiede in den Ausfallraten

Basis für den Vergleich sind alle 994 bisher identifizierten Anbieter, bei denen das Projektteam eine VC-Finanzierung nachweisen konnte. Der direkte Vergleich der fünf wichtigsten Gründerregionen in Deutschland zeigt, dass sich in der Krise bereits deutliche regionale Unterschiede in den Ausfallraten gebildet haben.

Region VC-fin. davon Ausfall-
Firmen gescheitert rate

München 203 59 29%
Berlin 116 30 26%
Hamburg 108 42 39%
Köln 71 16 23%
Frankfurt 64 22 34%

Gesamt 994 269 27%

Als führende Internet-Gründerregion verzeichnet München auch die meisten gescheiterten Anbieter. Mit 29% liegt die Ausfallrate nur leicht über dem Mittel. Als Kellerkinder zeigen sich die Regionen Frankfurt mit 34% und Hamburg mit bereits 39%, besser als der Durchschnitt liegen Berlin (26%) und Köln (23%).

Während in Frankfurt ein gescheitertes Incubatorprojekt mit gleich mehreren Pleiten die Statistik verhagelt, scheint die hohe Ausfallrate in Hamburg vor allem strukturelle Gründe zu haben. Eine deutlich erhöhte Scheiternsrate findet sich in der Hansestadt auch bei den Unternehmen, die nicht VC-finanziert sind. Der Einbruch bei den Werbeeinnahmen hat die stärker auf Medienunternehmen und Verlage ausgerichteten Hamburger Anbieter vermutlich stärker getroffen, als dies in anderen Regionen der Fall war.

Betroffene Geschäftsmodelle

Gehörten zu den Pleiten des ersten Halbjahres 2001 auch viele am Marktbedarf vorbei geplante Konzepte und unerfahrene Gründerteams, hat sich diese Situation in den letzten Monaten spürbar gewandelt. Zwei Trends sind erkennbar: Zum einen finden sich vermehrt technologiegetriebene, hoch innovative Unternehmen und Spin-offs aus Universitäten und Forschungsinstituten unter den Ausfällen.

Zum anderen verschiebt sich das Gewicht von B2C- und B2B-Anbietern hin zu Dienstleistern, die oft über langjährige Markterfahrung verfügen. So mussten in den drei Monaten von Oktober bis Dezember mehr Multimedia-Agenturen Insolvenz anmelden, als in den beiden Jahren zuvor. Das erste Unwetter haben die Dienstleister aufgrund ihrer hohen Flexibilität und geringeren Abhängigkeit von Investoren noch vergleichsweise gut überstanden. Die anhaltende Marktschwäche und teils hohe Forderungsausfälle bei Aufträgen für gescheiterte B2B- und B2C-Startups führen jetzt jedoch vermehrt zu Ausfällen.

Ein Kuriosum ist bei den B2C-Anbietern zu vermelden: Im Dezember hat sich die Zahl der Aufgaben deutlich erhöht. Der Grund hierfür ist ein saisonal - die Unternehmen haben das attraktive Weihnachtsgeschäft noch mitgenommen und ihr Angebot dann zum 31.12. eingestellt.

Über die Untersuchung

Die betrachteten Unternehmen wurden im ersten Halbjahr 2000 durch ein sechsköpfiges Rechercheteam identifiziert. Alle Unternehmen waren vor dem Stichtag 1. Juli 2000 gegründet worden. Die Stichprobe der 676 VC-finanzierten Unternehmen hatte ihre Finanzierung bereits vor diesem Datum erhalten.

Der Status der Unternehmen wurde bei den VC-finanzierten Firmen quartalsweise aktualisiert, bei den nicht VC-finanzierten Anbietern erfolgte die Aktualisierung Mitte 2001 und nochmals Anfang Januar 2002. Neben Unternehmens-Webseiten und dem Insolvenzregister wurden Pressemeldungen, Wirtschaftsdatenbanken und Newsfeeds ausgewertet. Alle Ergebnisse beziehen sich auf den 1. Januar 2002.

Über das Projekt

E-Startup.org ist das Forschungsprojekt zu Internet/E-Commerce Gründungen in Deutschland. Ziel des Projektes ist es, das aktuelle Gründungsverhalten in Deutschland zu erheben und auszuwerten. Auf Basis der erhobenen Daten wird empirisch das Phänomen der Bildung von Technologie-Regionen für die neu entstehende Industrie untersucht. Damit sollen neue Ansatzpunkte für die regionale Standortpolitik und die Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland gefunden werden.

Das Projekt wird bearbeitet am DtA-Stiftungslehrstuhl für Gründungsmanagement und Entrepreneurship der EUROPEAN BUSINESS SCHOOL (ebs) in Oestrich-Winkel. Leiter des von der Deutschen Ausgleichsbank finanzierten Lehrstuhls ist Prof. Dr. Heinz Klandt. Projektleiter von e-Startup.org ist Lutz Krafft, der seit 1993 als Berater bei der Boston Consulting Group tätig ist.

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Weitere Informationen über das Projekt und über den Lehrstuhl erhalten Sie über die Pressestelle der Hochschule oder auf folgender Internetseite: www.e-startup.org.

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