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Achter Weltkongress für Verhaltensmedizinin tagt in Mainz

10.08.2004 - (idw) Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Leitthema: "Integration von Sozial- und Verhaltenswissenschaften mit Medizin und öffentlichem Gesundheitswesen". Mehr als 900 Wissenschaftler aus der ganzen Welt erwartet.

Aids, Asthma, Kindheit und Adoleszenz, Chronic Fatigue Syndrome, Gesundheit und Frauen, neuromuskuläre Erkrankungen und arbeitsbezogene Gesundheit: Dies sind nur einige der Themen, die beim achten Weltkongress für Verhaltensmedizin im Kurfürstlichen Schloss in Mainz vom 25. bis 28. August 2004 diskutiert werden. Das Leitthema lautet "Integration von Sozial- und Verhaltenswissenschaften mit Medizin und öffentlichem Gesundheitswesen". Von dem Kongress werden nach den Erwartungen der Veranstalter, der International Society of Behavioral Medicine (ISBM) und der Deutschen Gesellschaft für Verhaltensmedizin (DGVM), wichtige wissenschaftliche und klinische Impulse ausgehen. Wie Prof. Wolfgang Hiller von der Universität Mainz berichtet, werden mehr als 900 Wissenschaftler aus der ganzen Welt ihre neuen Forschungsbefunde zum Zusammenwirken psychosozialer Faktoren und körperlicher Erkrankungen vorstellen. Das wissenschaftliche Programm wurde von Prof. Neil Schneiderman (USA) zusammengestellt

Psychotherapie bei Brustkrebs hilfreich

Die Arbeitsgruppe von Prof. Michael H. Antoni (Miami, USA) konnte nachweisen, dass psychologische Maßnahmen zur Stressbewältigung für Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind und im Frühstadium bereits diagnostiziert werden konnten, hilfreich ist. Die 300 erkrankten Frauen,
die an dieser Studie teilnahmen, berichten nach einschlägiger Behandlung nicht nur weniger Krankheitsängste und depressive Verstimmungen, sondern auch deutliche Verbesserungen im körperlichen Status. In den wissenschaftlichen Erhebungen wurde hierbei sehr detailliert der Immunstatus erfasst, z.B. die Aktivität von weißen Blutkörperchen, die Konzentration von Zytokinen sowie Cortisolspiegel. Da das Immunsystem entscheidend in der Bekämpfung der Krebszellen ist, kommt diesen Variablen ganz besondere Bedeutung zu. Antoni konnte zeigen, dass die an einem Programm teilnehmenden Frauen eine deutliche Verbesserung der Immunabwehr aufweisen und damit Aussicht auf eine höhere Bewältigung der Krebserkrankung haben als Frauen, die keine spezielle psychologische Betreuung bekamen. Die Verbesserung der Immunabwehr ging ebenfalls mit einer Verbesserung optimistischer Lebenseinstellungen sowie der Lebensqualität einher.

Wenn die Arbeit krank macht

In zahlreichen weiteren Arbeiten wird der Frage nachgegangen, wie die Arbeitsumwelt auf Gesundheit und Krankheit der Mitarbeiter von Betrieben Einfluss nimmt. Prof. Johannes Siegrist (Düsseldorf) konnte aufzeigen, dass ungünstige Situationen am Arbeitsplatz das Risiko für verschiedene Erkrankungen mindestens verdoppeln. Dazu zählen nicht nur die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch Typ II Diabetes sowie Depressionen. Kritisches Merkmal der Arbeitsplatzsituation ist eine unausgeglichene Balance zwischen der subjektiven Anstrengung des Mitarbeiters und der subjektiven Belohnung (nicht nur finanzieller Art, sondern auch bezüglich Statussymbolen, Beförderung etc.). Erleben Berufstätige diese beiden Faktoren im Ungleichgewicht, kommt es zu kardiovaskulären und hormonellen Veränderungen, die zur Entstehung der Erkrankungen beitragen. In detaillierten Untersuchungen wurde deshalb unter Einsatz von bildgebenden Verfahren untersucht, welche Hirnaktivitäten ablaufen, wenn Menschen ein Ungleichgewicht zwischen persönlichem Einsatz und Entlohnung erleben. Gerade in Zeiten der Globalisierung zeigt sich bei immer mehr Menschen, dass sie ihren Arbeitseinsatz auch emotional nicht mehr ausreichend gewürdigt sehen und deshalb ein erhöhtes Krankheitsrisiko aufweisen.

Hirnzellen passen sich der Umwelt an

In anderen Ansätzen konnte belegt werden, dass sich das Hirn nicht nur in seiner physiologischen Aktivität, sondern auch in der Anatomie an Umgebungsbedingungen anpasst. Dieser Prozess, der neuronale Plastizität genannt wird, tritt z.B. auf, wenn kontinuierliche Stimulationen in bestimmten Hirnarealen auftreten. Dies ist bei verschiedenen Erkrankungen der Fall, z.B. bei chronischen Schmerzzuständen, bei Tinnitus (Ohrgeräusche) sowie bei Schlaganfall. Wenn solche Krankheitszustände länger bestehen, passt sich die Hirnaktivität diesem Krankheitszustand an, wodurch es um so schwieriger wird, diese Erkrankungen wieder erfolgreich zu heilen. Selbst wenn z.B. die Ursache der Schmerzen (z.B. im Rücken) beseitigt wird, bleiben die Schmerzzustände bestehen, weil das Gehirn im Bereich der Schmerzempfindungsareale neue Nervenzellen gebildet hat und über Aktivität bestehen bleibt. Prof. Herta Flor (Mannheim) hat sich diesen Prozessen detailliert gewidmet und Methoden untersucht, wie dieser Ansatz auch zu einer Heilung bei den genannten Erkrankungen beitragen kann. Dazu müssten bestimmte Hirnareale kontinuierlich sensorisch stimuliert werden, so dass durch die richtige Umgebungsbedingung dazu beigetragen wird, dass das Gehirn neue Bewältigungsmöglichkeiten für Krankheitssymptome entwickelt.


Kranksein ohne Krankheit - Ein teures und zu wenig beachtetes Problem

Während die Mehrzahl der Beiträge des Kongresses um körperliche Erkrankungen, deren Prävention und Therapiemöglichkeiten handelt, gehen Prof. Winfried Rief (Marburg) und andere auch auf die Relevanz von körperlichen Symptomen ohne körperliche Ursache ein. Rief, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Verhaltensmedizin (DGVM), berichtet, dass mehr als 30% aller Bundesbürger über einzelne unklare körperliche Beschwerden allein in den vergangenen zwei Jahren berichten. Diese Beschwerden wie Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Schwindel oder ähnliches sind nicht nur subjektiv sehr beeinträchtigend, sondern sind auch die Ursache von mindestens 20% aller Arztbesuche und stationären Behandlungen in Deutschland. Deshalb kommt gerade den Hausärzten eine besondere Bedeutung in einem konstruktiven Umgang mit dieser Patientengruppe zu. Rief führte deshalb eine Studie durch, in der Hausärzte geschult wurden, mit Patienten mit psychischen und psychosomatischen Beschwerden möglichst hilfreich umzugehen. Es zeigte sich, dass die Patienten von geschulten Ärzten in der Folgezeit deutlich weniger Gesundheitskosten durch weitere Behandlungen produzierten, sondern mit ihrer hausärztlichen Behandlung zufriedener waren und auch eher eine Beschwerdenbesserung erlebt haben.

Die Verhaltensmedizin untersucht somit die entscheidenden Wechselwirkungen zwischen psychosozialen Faktoren und körperlicher Gesundheit. In einem Zeitalter, wo immer mehr Krankheiten zu chronischen Problemen werden, kommt ihr deshalb ganz besondere Bedeutung zu. Gerade die teuren Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Herzerkrankungen, Darmkrebs oder chronisch obstruktive Bronchitis sind in ihrem Krankheitsverlauf zu 60-70% durch Verhaltens- und Umgebungsfaktoren der Patienten beeinflusst, wie Rief berichtet. Neue Ansätze zum Umgang mit Patienten mit chronischen Erkrankungen (z.B. Chronikerprogramme, Disease Management Programme) können deshalb nur erfolgreich sein, wenn sie auch die neuen Erkenntnisse aus der Verhaltensmedizin berücksichtigen. Deshalb kommt diesem Kongress in Mainz eine ganz besondere Bedeutung zu.


Kontakt und Informationen:
Abt. Klinische Psychologie und Psychotherapie
Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Hiller
Telefon +49 6131 39-22344
Fax +49 6131 39-24623
E-Mail: hiller@mail.uni-mainz.de
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