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Riesen-Herkulesstaude hat gefährliche Haare

16.08.2004 - (idw) Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft

Feldversuche in der Biologischen Bundesanstalt


Blüten immer wieder abschneiden! Anfangs gab es nur ganz wenige von den wunderschönen Pflanzen der Riesen-Herkulesstaude, die aus Südwest-Asien nach Mitteleuropa verpflanzt wurde. Aber heute nach hundert Jahren haben sie sich so verbreitet, dass sie überall unerwünscht sind. An Flussufern, Bahndämmen, Wegrändern sind sie zu sehen und können zu gefährlichen Hautreizungen führen. Die feinen Haare auf den Blättern und Stängeln brechen bei Berührung ab. Wenn der daraus austretende Pflanzensaft auf die nackte Haut kommt, wird sie für UV-Strahlung sensibilisiert. Es kann zu Verbrennungen dritten Grades kommen.

Dabei fing alles ganz wunderschön an. In den 70er und noch den 80er Jahren sah man die bis zu vier Meter hohe Staude neben Bungalows in eleganten, kahlen Vorgärten stehen, die den heutigen Vorstellungen absolut nicht entsprechen. Die Riesen-Herkulesstaude, wissenschaftlich Heracleum mantegazzianum, bildete einen dicken Stängel mit einer großen Dolde, die einen Durchmesser von fast einem Meter haben konnte. Diese Blütestände blieben den Winter über stehen und sahen mit Schnee bedeckt wunderschön aus. Aber sie hatten es in sich, denn jede Dolde konnte mehrere Tausend Samen produzieren und sich dann im Garten verbreiten. Jeder, der beim Rasenmähen mit nackten Beinen an die Blätter kam, kannte die gefährliche Symptome. Bei den Verbrennungen dauerte es bis zu sechs Wochen, bis sie wieder völlig abgeheilt waren. Versteckten sich kleine Kinder an heißen Sommertagen halbnackend unten den Blättern, so konnten die Verbrennungen durchaus lebensgefährlich sein. Dazu kommt, dass die erste Berührung kaum wehtut, mit einer Reizung durch Brennnesseln kaum zu vergleichen.

Dementsprechend schnell verschwanden diese schönen Stauden aus den kahlen Vorgärten, aber sie hinterließen eine Erbschaft, die mehrere Tausend Samen umfassen konnte. Eine effektive Bekämpfung ist auf die Schnelle nicht möglich. Geduld ist angebracht, so die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) in Braunschweig, die schon seit mehr als zwei Jahren Versuche durchführt. Eine optimale Lösung gibt es nicht. Sobald sich eine starke, lange Wurzel ausgebildet hat, ist eine Bekämpfung sehr schwierig. Eine drei Meter hohe Staude hat eine Pfahlwurzel, die ebenso tief in den Boden reicht, wie die Pflanze hoch ist. Eine frühe Bekämpfung ist angebracht. Im Privatgarten sollte man die kleine Pflanze mit einem Spaten oder einem Messer samt Wurzel entfernen. Hat sich die Pfahlwurzel schon zu tief in den Boden gegraben, ist ein Ausstechen nicht mehr möglich, sondern nur ein Abschneiden. Der verbleibende Rest der Wurzel kann aber wieder durchtreiben. Nur mit jahrelanger Geduld kann man die Pflanzen aus den Gärten wieder entfernen.

Das gleiche passiert jetzt an Bahndämmen oder Flussufern, auch in Naturschutzgebieten. Die Pflanze breitet sich aus, zudem ist sie sehr konkurrenzfähig. Durch die großen Blätter deckt sie alles andere ab. Fingerhut, seltene Orchideen und andere lieb gewordene, einheimische Pflanzen wachsen dort nicht mehr.

Die Biologische Bundesanstalt hat bei ihren Versuchen mit Unkrautbekämpfungsmitteln und mit einem Heißschaumverfahren gearbeitet. Dabei wird Wasser und eine Art Sirup heiß aufgeschäumt, wie die Milch beim Kaffee, und die Pflanze damit eingehüllt. Natürlich stirbt sie ab, aber häufig nicht vollständig. Ein Teil der Wurzel überlebt und treibt wieder aus. Dann muss man noch mal drangehen. Und so weiter. Es gibt Fälle aus Privatgärten, die acht Jahre brauchten bis die Pflanze endlich verschwunden war. Mit Herbiziden kann die Staude ebenfalls nicht vollständig abgetötet werden, es sei denn, sie ist noch klein!

Die Biologische Bundesanstalt ist nicht sehr optimistisch, dass wir dieses lästige Kraut jemals wieder loswerden. "Viele Neophyten, pflanzliche Neubürger, haben sich hier angesiedelt", so Professor Dr. Peter Zwerger vom Institut für Unkrautforschung der Biologischen Bundesanstalt. "Immerhin haben wir in den letzten 200 Jahren mehrere Hundert neue Pflanzen in Deutschland in Wald und Flur bekommen". Und dann der Zusatz: "Aber nicht alle werden zu Problemen."

Die Diskussion, ob der Begriff Unkraut zutrifft oder man lieber Wildkraut sagen möchte, ist in diesem Fall hinfällig. Dazu ist die Pflanze einfach zu gefährlich. Es handelt sich übrigens nicht um eine Allergie. Der Fachmann spricht von Phyto-Photodermatitis, die von dem Pflanzeninhaltsstoff Furocumarin ausgelöst wird. Dieser Inhaltsstoff ist nicht nur für den Menschen gefährlich, sondern kann auch bei Tieren zu starken Reaktionen führen. Erkrankungen bei Ziegen im Schnauzenbereich sind bereits bekannt. Kühe und Schafe werden wahrscheinlich ähnlich reagieren.

Jetzt im Spätsommer ist es für eine Bekämpfung sowieso zu spät. Man sollte aber auf jeden Fall darauf achten, dass die Pflanzen keine Samen ausbilden und die Dolden abschneiden. Dabei hat die Pflanze die Fähigkeit selbst unten direkt an der Erde kleine Blütenstände zu bilden, die zur Verbreitung der Pflanze führen, wenn man nicht aufpasst und sie abreifen lässt.

Eine bei uns vorkommende einheimische Verwandte, der Bärenklau Heracleum sphondylium, ist wesentlich kleiner als die Riesen-Herkulesstaude und wird höchstens ein Meter fünfzig hoch. Sie ist ebenfalls stark behaart, aber ungefährlich. (BBA)


Um Belegexemplar wird gebeten.


Foto 1 und 2: Doris Fraatz, BBA: Steffen Wohlfahrt schützt sich mit dicker Kleidung vor den gefährlichen Haaren der Riesen-Herkulesstaude. Auf den Versuchsfeldern der Biologischen Bundesanstalt werden die Blütenstände abgeschnitten, damit die Pflanze sich nicht weiter ausbreitet.

Foto 3: Wohlert Wohlers, BBA. Kleine Blüten- und Samenstände, die die Riesen-Herkulesstaude direkt am Boden als Ersatz für die bereits abgeschnittenen Hauptblüten gebildet hat.

Foto 4: Wohlert Wohlers, BBA. Eine Riesen-Herkulesstaude in voller Pracht auf den Versuchsfeldern der Biologischen Bundesanstalt in Braunschweig.

Die Bilder können im Internet abgerufen werden unter: http://www.bba.de/mitteil/presse/040816.htm

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