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Flexible Arbeitszeiten auf dem Vormarsch

18.08.2004 - (idw) Institut Arbeit und Technik

Aber wenn Arbeitszeitkonten "überlaufen", muss nicht nur die Zeit, sondern auch das Unternehmen neu organisiert werden - IAT begleitet Arbeitszeitberatungsangebot des NRW-Arbeitsministeriums für kleine und mittlere Unternehmen

In der Arbeitszeitdebatte gelten flexible Arbeitszeiten längst als der Königsweg: Betriebe können Auftragsschwankungen ohne Überstundenzuschläge abfangen und damit Kosten senken, Arbeits- und Betriebszeiten entkoppeln und damit letztere verlängern, Arbeitnehmer Familie und Beruf besser vereinbaren, angesparte Zeitguthaben zu zusätzlichen freien Tagen bündeln und insgesamt selbstbestimmter arbeiten. Bundesweit arbeiten 42% der Beschäftigten und etwa ein Drittel der Betriebe mit Zeitkontensystemen, dem "beliebtesten" Arbeitszeitmodell in allen Betriebsgrößenklassen.

Aber die Einführung ist gar nicht so einfach: "Nicht nur die Arbeitszeit, auch das Unternehmen muss manchmal neu organisiert werden, damit Arbeitszeitkonten funktionieren", stellte die Arbeitszeitforscherin Gabi Schilling vom Institut Arbeit und Technik/ Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen (IAT/ Gelsenkirchen) auf dem 3. ArbeitszeitDialog des NRW-Wirtschafts- und Arbeitsministeriums (MWA) und des Zeitbüros NRW fest.

Die Entwicklung eines Arbeitszeit(konten)modells ist das eine, die Bewährung in der Praxis das andere: Entscheidende Schwierigkeiten bereitet die ausgewogene Kontenführung über einen längeren Zeitraum. Wie verhindert man ein Überlaufen des Zeitkontos über die vereinbarten Grenzen hinaus, ohne Zeitguthaben zu kappen? Damit aus einem Zeitkontensystem nicht unter der Hand eine rein kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit wird und damit ausschließlich betrieblichen Anforderungen Rechnung getragen wird, sind gegensteuernde Instrumente erforderlich.

Zahlreiche Unternehmen entschieden sich deshalb für sogenannte "Ampelkonten": Wie bei einer Ampel wird das Zeitkonto in drei Phasen - grün, gelb, rot - gesteuert, die Ampelphasen markieren die jeweils maximal zu verbuchenden Zeitguthaben oder -schulden. Der grüne Bereich kann vom Beschäftigten weitgehend (d.h. unter Berücksichtigung betrieblicher Belange) selbst gesteuert werden, es sind also bei Freizeitentnahmen oder eingefahrenen Minusstunden keine weiteren Absprachen zu treffen. Kommen die definierten Kontengrenzen in den gelben Bereich, sind in Absprache mit dem Vorgesetzten geeignete Maßnahmen zu treffen, um einen weiteren Guthabenauf- bzw. -abbau zu vermeiden. Steht die Ampel auf rot, dürfen keine weiteren Plus- oder Minusstunden aufgebaut werden, ein sofortiger Abbau ist nach Rücksprache mit dem Vorgesetzten einzuleiten. Eine rote Ampel stoppt die unkontrollierte "Weiterfahrt" und zeigt an, dass Arbeitsanfall und verfügbare Personalressourcen in einem Missverhältnis stehen. Hier ist betriebsspezifisch zu klären, ob eine veränderte Arbeitsorganisation oder gar Neueinstellungen Abhilfe schaffen können.

Häufig wissen die Beschäftigten selbst am Besten darüber Bescheid, in welchen Bereichen und aufgrund welcher Anlässe Störungen in den Arbeitsabläufen entstehen, die letztlich zum Über- oder Unterschreiten von Zeitkontengrenzen führen. Die in Ampelkontensystemen vorgesehenen Gespräche mit dem Vorgesetzten und der betrieblichen Interessenvertretung (sofern vorhanden) zum Abbau der an die definierten Grenzen geratenen Zeitkonten sollten daher genutzt werden, die Ursachen für das Überschreiten der Grenzen zu ermitteln und geeignete Wege zu suchen, wie in Zukunft Arbeitsüberlastung (überlaufende Zeitkonten) oder Unterauslastung (zu hohe Zeitschulden) vermieden werden können.

Ob ein neues Arbeitszeitmodell im Betrieb erfolgreich eingeführt wird oder aber scheitert, hängt entscheidend von der Partizipation der Mitarbeiter und des Betriebsrates bei Entwicklung und Umsetzung des Konzeptes ab. Verkürzte - z.B. auf die reine Information der Belegschaft beschränkte - Einführungsprozesse von Arbeitszeitkontenregelungen führen eher dazu, dass die unzureichend beteiligten Beschäftigten den Verdacht hegen, die Hauptintention einer Zeitkontenregelung liege vor allem in der Einsparung von Überstundenzuschlägen. Dieser Eindruck verschärft sich, wenn Freizeitausgleiche wiederholt nicht zu einem gewünschten Zeitpunkt realisiert werden können, sondern ausschließlich an die betrieblichen Belange angepasst werden.

Statt nach Wegen für eine verbesserte Arbeitsorganisation, reibungslosere Betriebsabläufe, Verbesserung der Vertretungsmöglichkeiten durch Qualifizierungsmaßnahmen zu suchen, finden sich in der betrieblichen Praxis bisweilen wenig kreative Lösungen: Freizeitausgleiche werden angeordnet und entsprechen dann meist nicht den gewünschten freien Tagen, oder aber zu hohe Guthabenbestände werden ausgezahlt - was sowohl der Intention flexibler Arbeitszeitsysteme als auch dem betrieblichen Wunsch nach Kosteneinsparung widerspricht. "Wo Flexibilität drauf steht, ist mitunter Verlängerung der Arbeitszeiten drin", was letztlich den längerfristigen Erfolg der neuen Arbeitszeitregelung untergräbt.

"Gerade dann, wenn im Betrieb nicht nur die Zeitkonten, sondern dann meist auch die Arbeitsanforderungen "überlaufen", kommt eine vorausschauende Arbeitseinsatzplanung immer wieder zu kurz", stellt die IAT-Arbeitszeit-Expertin fest. Und gerade dann fehlt die Zeit für Aushandlungsprozesse, wenn sie am nötigsten gebraucht würde, um ähnliche Situationen in Zukunft zu vermeiden.

"Flexible Arbeitszeitregelungen funktionieren nur dann, wenn Zeit- und Organisationsfragen gleichermaßen und in ihrer Abhängigkeit voneinander Gegenstand kontinuierlicher betrieblicher Auseinandersetzungen werden. Überlaufende Zeitkonten (gleich ob im Minus- oder Plusbereich) sind letztlich Symptome, die nicht allein durch das Zeitmanagement verursacht werden, sondern das Ergebnis der unzureichenden Gesamtorganisation der Leistungsprozesse sind," so Gabi Schilling.

Das IAT begleitet das vom MWA und aus dem Europäischen Sozialfonds geförderte Angebot zur Arbeitszeitberatung für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), das Betrieben "Starthilfe" für den Umstieg auf moderne, flexible Arbeitszeitstrukturen gibt. Seit 1999 haben rund 500 kleine und mittlere Unternehmen in NRW dieses Förderangebot genutzt.

Für weitere Fragen steht Ihnen zur Verfügung:

Gabi Schilling, Durchwahl: 0209/1707-339, E-Mail: schilling@iatge.de

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Claudia Braczko
Institut Arbeit und Technik
Pressereferentin
Munscheidstraße 14
45886 Gelsenkirchen

http://iat-info.iatge.de
Tel: 0209/1707-176
Fax: 0209/1707-110
e-mail: braczko@iatge.de
oder: info@iatge.de
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