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Arbeit statt Almosen? Studie zur Arbeitspflicht von Obdachlosen

06.09.2004 - (idw) Freie Universität Berlin

Arbeit statt Almosen?

Arbeitspflicht von Obdachlosen ist ein untaugliches Mittel für deren Resozialisierung

Nicht die Frage "Wer ist bedürftiger?", sondern die Frage "Wer tut etwas für sein Geld?" bestimmt unsere Almosenvergabe. Diese Orientierung, die finanzielle Unterstützung von einer Arbeitsleistung abhängig zu machen, ist nicht nur in unseren persönlichen Vorstellungen zu finden. Sie ist auch institutionell verankert, nämlich im Bundessozialhilfegesetz und in Hartz IV. Eine Studie der Soziologin Dr. Liane Schenk von der Freien Universität Berlin (FU) hat nun ergeben, dass diese Form der Fürsorge, die lediglich der Überprüfung der Arbeitsbereitschaft dient und auf Zwang beruht, überholt ist. Sie ist kein geeignetes Mittel mehr zur Durchsetzung aktuell geforderter Arbeitseigenschaften wie Eigeninitiative, Team- und Kommunikationsfähigkeit.

Für ihre Untersuchung befragte Liane Schenk 760 Obdachlose oder von Obdachlosigkeit bedrohte Berliner Bürgerinnen und Bürger. Das zentrale Ergebnis der Studie ist, dass der Arbeitsplatzverlust wesentlicher Auslöser für die Obdachlosigkeit ist und dass mit zunehmender Dauer der Erwerbslosigkeit eine schlechte gesundheitliche, körperliche und geistige Verfassung einhergeht. Beschäftigungs- und Qualifizierungsangebote sind daher die am besten geeigneten Mittel, um dieser Personengruppe zu einem eigenständigen Leben zu verhelfen. So wünschen sich 61 Prozent der Befragten eine feste Arbeitsstelle. Je jünger aber die Befragten sind, desto größer ist der Anteil derer ohne Berufsausbildung. "Nicht mangelnde Arbeitstugenden führen zur Obdachlosigkeit", sagt Schenk, "sondern diese Tugenden gehen im Laufe der Arbeits- und Obdachlosigkeit verloren!"

Eine institutionelle Verbindung von Armenfürsorge und Arbeitspflicht findet sich erstmals in den Arbeitshäusern, die im 16. Jahrhundert aufkamen und damals dazu dienten, Arbeitskräfte zu rekrutieren und zu disziplinieren. Die Ursprünge der Obdachlosenhilfe liegen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Arbeiterkolonien und Wanderarbeiterstätten entstanden und den obdachlosen Armen Unterkunft und Verpflegung im Austausch gegen eine entsprechende Arbeitsleistung boten. Bis zum Jahre 1869 war das Arbeitshaus am Alexanderplatz die einzige Unterbringungsmöglichkeit für Obdachlose in Berlin. Danach gab es das Obdachlosenasyl, das vom wohlhabenden liberalen Bürgern Berlins gegründet worden war, um Obdachlosen einen menschenwürdigen Zufluchtsort zu bieten.

Die heutige Berliner Obdachlosenhilfe knüpft an dieses Hilfesystem an. Auch wenn eine nahtlose Kontinuität fehlt, so steht das heutige Angebot durchaus in der Tradition des früheren: Wärmestuben und Suppenküchen lassen sich ebenso finden wie Obdachlosenasyle. Verschwunden sind Angebote, in denen Arbeitszwang herrscht.

"Die Untersuchung der Entstehung der Arbeitspflicht hat deutlich gemacht, dass die Kombination von Arbeitsmaßnahmen mit Zwang und Erziehungsabsichten keinerlei berufliche Perspektiven eröffnet. Sie werden von den Betroffenen vielmehr als demütigend empfunden", sagt die Berliner Soziologin. Eine stark fürsorgliche Ausrichtung des Hilfesystems führe häufig zu einer Abhängigkeit und Unmündigkeit der Betroffenen, sie unterstütze und verstärke sogar Passivität.

"Für manche Menschen mag dieser Aspekt der Fürsorge zunächst der richtige sein, gleichzeitig sind aber Strukturen nötig, die an Kompetenzen der Betroffenen anknüpfen und Eigeninitiative anregen", schlussfolgert Liane Schenk.

In jüngster Zeit sind in Berlin Projekte eingerichtet worden, die den Unterbringungsaspekt mit einem Angebot zur beruflichen Integration verknüpfen. Neu sind auch Angebote der gesundheitlichen Versorgung, wie zum Beispiel ambulante Beratungsstellen, die sich insbesondere an Straßenobdachlose richten. Diese Angebote werden in den meisten Fällen von Sozialarbeitern betreut, deren Arbeitsplätze jedoch vom Sparzwang der öffentlichen Haushalte bedroht sind.

Von Volker Heenes

Studie:

Liane Alexandra Schenk, Auf dem Weg zum ewigen Wanderer? Wohnungslose und ihre Institutionen. Down-and-out without an end?, Berlin 2004

Die Studie ist im Internet einsehbar (Link siehe unten).

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Liane A. Schenk, Tel.: 030 / 4547 3447, E-Mail: schenkl@rki.de
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