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Ping-Pong zwischen Labor und Klinik

15.09.2004 - (idw) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

(Hamburg) Die Gynäkologen wollen Laborforschung und Klinik zum Nutzen der Patientinnen besser miteinander verzahnen. Ziel ist die individuell angepasste Therapie, die den Frauen überflüssige Therapien erspart, ohne notwendige Therapien zu unterlassen. Auf dem 55. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Hamburg diskutieren Experten, welche Schritte dazu erforderlich sind, und liefern Beispiele für erfolgreiche Ansätze.

In der deutschen Wissenschaftsszene macht ein neuer Begriff die Runde: Translationale Forschung. In den USA, wo der Begriff kreiert wurde, definieren die Nationalen Gesundheitsinstitute damit jenen Prozess, bei dem - einerseits - Ideen, Erkenntnisse und Entdeckungen der Grundlagenforschung umgesetzt werden in neue Strategien zur Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten. Andererseits gehört dazu auch die Rückkoppelung von der Klinik ins Labor, "also die Generierung grundlagenwissenschaftlicher Fragestellungen aus der klinischen Beobachtung heraus", erklärt Professor Peter Dall von der Frauenklinik der Universität Düsseldorf und Sprecher der neu geschaffenen Kommission "Translationale Forschung" der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Kommunikations-Plattform.

Die neue Kommission versteht sich als Kommunikations-Plattform. Dall: "In Zeiten extrem reduzierter finanzieller und personeller Ressourcen, in denen ein Arzt weniger als zwei Stunden seiner Regelarbeitszeit pro Woche der Forschung widmen kann, wie eine Umfrage unserer Kommission belegt, ist die Bündelung der Kräfte und die interdisziplinäre Kooperation entscheidend wichtig."
Dall und seine Kolleginnen und Kollegen haben sich hohe Ziele gesteckt: "Es geht darum, Patientinnen individuell zu behandeln, aber nicht beliebig. Wir wollen den Frauen überflüssige Therapie ersparen, ohne eine notwendige Therapie zu unterlassen." Die Voraussetzung dafür: die Ärzte müssen mehr wissen über die Patientin und die Biologie ihres Tumors.

Dieses Wissen generieren Forscher beispielsweise durch molekularbiologische Untersuchungen der Tumoren. Bestimmte Gene, die nur in Tumoren aktiv sind, bestimmte Oberflächenstrukturen, die nur von Krebszellen gebildet werden, sind dafür Beispiele. "Bis diese Erkenntnisse in neue Diagnoseverfahren "übersetzt" sind, vergehen im Schnitt jedoch zehn Jahre", weiß Dall. Bis zur Umsetzung in neue Therapien - was allerdings nur bei einem geringen Bruchteil der neuen Ansätze überhaupt gelingt - vergehen mehr als 15 Jahre.
Erfolgsgeschichte aus dem Labor.

Ein Beispiel für den Erfolg der translationalen Forschung sind tumorbiologische Prognosefaktoren. Generell sagen Prognosefaktoren etwas über das Risiko einer Patientin aus, einen Krankheitsrückfall zu bekommen oder an der Krankheit zu sterben. Klassische Faktoren, mit denen die Ärzte seit vielen Jahren arbeiten, sind Größe und Reifegrad des Tumors, Vorhandensein von Hormonrezeptoren, Nachweis von Tumorzellen in den Achsel-Lymphnoten. Werden diese klassischen Faktoren zu Grunde gelegt, müssen allerdings 90 Prozent der Frauen mit einem Brustkrebs im frühen Stadium, bei denen also die Lymphknoten keinen Tumorbefall zeigen, nach einer Operation mit Chemotherapeutika behandelt werden. Denn mit den konventionellen Prognosefaktoren gelingt es nicht, jene Hochrisikopatientinnen - etwa 30 Prozent der Betroffenen - zu identifizieren, denen eine adjuvante Therapie wirklich nutzt.

Neue Prognosefaktoren.

Neue Prognosefaktoren können Ärzten und Patientinnen in näherer Zukunft die Therapieentscheidung erleichtern. Zu ihnen gehören beispielsweise so genannte Mikrometastasen, einzelne Tumorzellen, die im Knochenmark auf Tauchstation gegangen sind. So berichten mehrere Forschergruppen auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, dass der Nachweis dieser Tumorzellen Rückschlüsse erlaubt, ob die Patientinnen ein erhöhtes Risiko für Fernmetastasen und eine reduzierte Überlebenszeit haben. Allerdings müssen diese Erkenntnisse noch in vorausschauenden (prospektiven) Studien bestätigt werden.

Von der Prognose zur Prädiktion.

Andere Prognosefaktoren sind bereits eine Stufe weiter: Die Ärzte prüfen, ob sie auch als prädiktive Faktoren geeignet sind. Diese Faktoren liefern nicht nur Hinweise, ob eine Patientin ein bestimmtes Risiko trägt, sondern - positiv - ob sie auf eine Therapie ansprechen und daher von dieser wahrscheinlich profitieren wird. Zu diesen Faktoren gehören beispielsweise die tumorbiologischen Faktoren uPA und PAI-1. Sie können durch eine Laboruntersuchung des herausoperierten Tumorgewebes bestimmt werden. Sind diese Werte niedrig, ist das Risiko der betroffenen Frau gering, dass die Krankheit wiederkommt. Dies ist bei der Hälfte der Patientinnen im Frühstadium der Krankheit der Fall. Ihnen kann inzwischen darum eine adjuvante Chemotherapie erspart werden.
Inzwischen belegen erste Studien, geführt von den Frauenkliniken der Technischen Universität München und der Frauenklinik der Universität Hamburg, die auf dem diesjährigen Gynäkologen-Kongress präsentiert werden, dass Patientinnen mit hohen uPA/PAI-1-Werten - unabhängig vom Lymphknotenstatus - darüber hinaus von einer adjuvanten Chemotherapie profitieren. Darum ist eine europaweite Studie angelaufen, bei der die Forscher diesen Zusammenhang an einer größeren Zahl von Patientinnen überprüfen.

Die Gen-Profiler.

Große Hoffnung setzen Wissenschaftler auf Gen-Chips: Mit ihrer Hilfe wollen sie individuelle genetische Profile von Tumoren erstellen. Im Labor lässt sich die Erbsubstanz von Tumoren gleichzeitig auf die Aktivität von verschiedenen Genen testen. So hoffen die Forscher Gene zu identifizieren, die für eine Krebserkrankung besonders bedeutsam sind. Aber noch liefern die Testsysteme keine zuverlässig reproduzierbaren Ergebnisse. Auf dem Gynäkologen-Kongress präsentieren mehrere Forschergruppen Forschungsergebnisse mit solchen Strategien. Allerdings stecken diese noch in den Kinderschuhen: Die Wissenschaftler versuchen beispielsweise herauszufinden, welche Gene mit der Tumorprogression assoziiert sind. Ebenso prüfen sie, ob in einer Art Rasterfahndung das vollständige Erbgut einer Zelle nach bestimmten Gen-Modifikationen ("Methylierung") abgesucht werden kann, die Hinweise auf die Aktivität einzelner Gene liefern. "Solche Tests sind erst dann in der klinischen Routine sinnvoll einsetzbar", warnt Dall, "wenn sie den gleichen strengen Anforderungen genügen wie die Testung anderer Prognose- und Prädiktivfaktoren." Multinationale Studien mit Studienzentren an den Universitätsfrauenkliniken in Frankfurt und Düsseldorf befinden sich auf diesem Gebiet in der Planung.

Therapie-Trend Gentherapie.

Neben verschiedenen Ansätzen von Immuntherapien, die auf dem Gynäkologen-Kongress präsentiert werden, verfolgen die Wissenschaftler auch weiterhin gentherapeutische Strategien. Zusammen mit seinen Kollegen vom Gentherapie-Zentrum der Universität von Alabama entwickelt das Gynäkologen-Team um Dall neue virale Genfähren, Adenoviren der dritten Generation. Diese speziell konstruierten Viren sollen sich gezielt nur in Tumorzellen vermehren und diese dabei abtöten. Möglich ist dies, indem die Forscher den Viren einen genetischen "Schalter" (Promotor) einbauen, der nahezu ausschließlich in Tumorzellen aktiviert wird. Wie die Forscher auf dem Kongress in Hamburg berichten, haben sie inzwischen derartige Promotoren identizifiert, die - nach Einbau in die Viren - dafür sorgen, dass diese sowohl im Reagenzglas als auch im Experiment mit Mäusen Eierstockkrebszellen durch ihre Vermehrung zerstören. Ebenso haben die Forscher dafür gesorgt, dass die Viren Tumorzellen sehr effizient infizieren, in dem sie "leichtere" Zugangswege in die Tumorzelle nutzen können. Zur Zeit planen die Forscher eine Phase-I-Studie bei Patientinnen mit Eierstockskrebs.

Pressestelle: ProScience Communications -

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