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Hormonbehandlung: Abwägung im Einzelfall

16.09.2004 - (idw) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

Der Streit um Nutzen und Risiken einer Hormontherapie für Frauen in und nach den Wechseljahren ist in Deutschland zunächst beigelegt. Experten der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und des Berufsverbandes der Frauenärzte formulierten unlängst Konsensusempfehlungen für den Einsatz der Hormonbehandlung. Gleichwohl ist das Thema Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen auf dem 55. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Hamburg.

Die Hormonbehandlung im Klimakterium, früher vielfach als eine Art Jungbrunnen für die Frau in und nach den Wechseljahren propagiert, geriet im Jahr 2002 ins Kreuzfeuer der Kritik. Das Versprechen, eine Hormontherapie könne das Risiko von Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz reduzieren, entpuppte sich angesichts der Ergebnisse neuer wissenschaftlicher Studien als haltlos. Darüber hinaus gab es sogar Hinweise auf leicht erhöhte gesundheitliche Risiken. Allerdings sind die Studienergebnisse nicht eindeutig, mitunter sogar widersprüchlich - und damit Auslöser heftiger Debatten.
Die Konsensus-Empfehlungen der Expertengruppe "ergeben sich daher aus der Einschätzung des derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstandes" und sollen aktualisiert werden, wenn neue Erkenntnisse dies erforderlich machen.

Sinnvoll gegen Wechseljahresbeschwerden.

Unumstritten ist der Nutzen einer Hormonbehandlung mit Östrogenen und Gestagenen zur Bekämpfung von Hitzewallungen und Schweißausbrüchen, den lästigen Begleiterscheinungen des einsetzenden Klimakteriums.

Darum lautet die Empfehlung der Experten:
- Die Hormonbehandlung ist die wirksamste medikamentöse Behandlungsform von klimakteriumsbedingten Symptomen wie Hitzewallungen und Schweißausbrüchen. Die Therapie soll aber nur bei entsprechenden Beschwerden eingesetzt und die Östrogendosis so niedrig wie möglich gewählt werden.
- Bei Frauen mit intakter Gebärmutter muss die systemische Östrogenbehandlung mit einer ausreichend langen Gabe von Gestagenen (mindestens zehn Tage pro Monat) in ausreichender Dosierung kombiniert werden.
- Frauen, deren Gebärmutter operativ entfernt worden ist, sollten nur eine alleinige Östrogenbehandlung erhalten.
- Derzeit besteht keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage für die Bevorzugung bestimmter für die Hormontherapie zugelassener Östrogene oder Gestagene bzw. ihrer unterschiedlicher Darreichungsformen.

Die Rückbildung der weiblichen Geschlechtsorgane und daraus resultierende Symptome - Schmerzen beim Geschlechtsakt, Trockenheit der Scheide und Juckreiz - können durch eine Hormontherapie gemindert werden.

Darum konstatieren die Experten:
- Die Gabe von Östrogenen ist geeignet zur Behandlung und zur Prophylaxe von Rückbildungserscheinungen der Geschlechtsorgane und des Harntraktes.
Schutz vor Osteoporose muss gegen Risiken aufgewogen werden. Bestätigt wurde in mehreren Studien die vorbeugende Wirkung von Östrogenen auf den Knochenmasseverlust. In einigen Untersuchungen beobachteten die Experten bei Frauen, die Hormone nahmen, weniger Schenkelhals- und Wirbelkörperbrüche.

Fazit der Experten:
- Die Hormontherapie ist zur Prävention der Osteoporose und osteoporosebedingter Knochenbrüche geeignet. Dazu wäre allerdings eine Langzeitanwendung erforderlich, die mit möglichen Risiken verbunden ist.

Kein Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfall.

Zu den möglichen Risiken einer langfristigen Hormonbehandlung gehören beispielsweise Einflüsse auf das Herz-Kreislauf-System. Als gesichert gilt, dass die Hormonbehandlung von älteren Frauen mit einer bereits manifesten Herz-Kreislauf-Erkrankung nichts nutzt, sondern wahrscheinlich eher schadet. Der früher postulierte schützende Effekt einer Hormontherapie gegen Herzerkrankungen war auch in Studien mit gesunden Frauen nicht nachweisbar, in einer Studie war das Risiko der Frauen für Herz-Kreislauferkrankungen sogar leicht erhöht. Ähnlich Ergebnisse lieferten die Untersuchungen auch über das Schlaganfallrisiko.
Die Hormonbehandlung erhöht auch das relative Risiko der Bildung von Blutgerinnseln (thromboembolische Erkrankungen). Kommt eine genetische Vorbelastung hinzu, wächst dieses Risiko um ein Vielfaches.

Darum stellen die Experten fest:
- Die Hormontherapie ist nicht zur Verhütung und Behandlung (Primär- bzw. Sekundärprävention) der koronaren Herzkrankheit und des Schlaganfalls geeignet.

Brustkrebs-Risiko nach mehrjähriger Hormontherapie leicht erhöht.

Der Einfluss einer Hormonbehandlung auf Entstehung und Schweregrad bestimmer Krebserkrankungen ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Als gesichert gilt: Die kombiniert kontinuierliche Gabe von Östrogenen und Gestagenen beeinflusst nicht das Risiko für Gebärmutterkrebs. Widersprüchlich sind hingegen die bislang vorliegenden Erkenntnisse über das Risiko von Dickdarm- und Eierstockkrebs.

Mehrere Studien zeigen, dass das Risiko von Brustkrebs bei Anwendung einer kombinierten Hormonbehandlung höher ist als bei einer alleinigen Östrogentherapie. Dieses Risiko ist abhängig von der Dauer der Einnahme der Hormone: Es steigt mit den Jahren geringfügig an. Es ist weitgehend unabhängig von der Art des angewendeten Östrogens, von Form und Schema der Anwendung. Auch der Typ der angewandten Gestagene hat keinen Einfluss auf das Risiko.

Da die Nutzen-Risiko-Bewertung der Hormontherapie abhängig von den Beschwerden einer Frau, ihrem Alter und anderen Erkrankungen individuell getroffen werden muss und sich darüber hinaus auch im Laufe der Zeit ändert, betonen die Experten, die Bedeutung einer Abwägung im Einzelfall:

- Eine Nutzen-Risiko-Abwägung und Entscheidung zur Therapie muss gemeinsam mit der Rat suchenden Frau erfolgen. Diese muss regelmäßig überprüft werden.
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