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Erfolgreiche Nieren-Lebendspende bei einem Kind trotz Blutgruppen-Unverträglichkeit

25.10.2004 - (idw) Medizinische Hochschule Hannover

Aber: Neues Verfahren wird nicht das Problem des Organmangels lösen

Was Freiburger Transplantationschirurgen im Mai dieses Jahres bei einem erwachsenen Patienten schafften, gelang nun einem interdisziplinären Team der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) bei einem Kind: Am 24. September 2004 erhielt die achtjährige Nele aus Hehlen (Westfalen-Lippe) eine Niere ihres Vaters, obwohl beide unter-schiedliche und nicht verträgliche Blutgruppen haben. Professor Dr. Jürgen Klempnauer, Direktor der MHH-Abteilung Viszeral- und Transplantationschirurgie, und Professorin Dr. Gisela Offner, MHH-Abteilung Kinderheilkunde, Pädiatrische Nieren- und Stoffwechselerkrankungen, meisterten mit ihren Teams diesen Eingriff. Dem Mädchen und ihrem Vater geht es gut, Nele kann in den nächsten Tagen wieder nach Hause.

Die kleine Patientin leidet an einer angeborenen Stoffwechsel-Störung, die auch die Niere angriff. Seit einem Jahr musste sie an die Dialyse, die ihr besondere Probleme bereitete. "Die Kinder liegen dabei drei bis vier Stunden auf dem Bett, während das Blut gereinigt wird, und das drei Mal in der Woche", sagt Professorin Offner. Einziger Ausweg: eine Nierentransplantation. Obwohl Nele in der Warteliste für ein Spenderorgan, vermittelt von der europäischen Zentrale Eurotransplant im niederländischen Leiden, aufgenommen war, fand sich kein passender Spender.

Eine weitere Möglichkeit ist dann die Nieren-Lebendspende. Sie ist gesetzlich erlaubt, wenn Spender und Empfänger eine tiefe Bindung haben, wie bei Ehepartnern, engen Freunden oder Eltern und ihren Kindern. "Eine Lebendspende-Kommission, in unserem Fall die der Ärztekammer Niedersachsen, prüft in jedem Einzelfall, ob tatsächlich eine enge Bindung vorliegt", sagt Professorin Offner. Diese lag bei Nele und ihrem Vater Martin Bauer vor. Jedoch gab es ein weiteres Hindernis: Die Blutgruppen der beiden passten nicht zusammen: Martin Bauer hat AB, Nele die Blutgruppe B und damit automatisch Antikörper gegen das Merkmal A (Anti-A). Bis vor kurzem gab es für dieses Problem keine Lösung, denn die Blutgruppen-Merkmale befinden sich nicht nur auf den Blutkörperchen, die man gründlich aus dem Spenderorgan waschen könnte. Auch Nierenzellen besitzen diese Blutgruppen-Merkmale. "Eine nicht beherrschbare Abstoßungsreaktion wäre die Folge gewesen", sagt Professorin Offner.

Ein neues Verfahren löst nun dieses Problem: Mithilfe einer speziellen Blutreinigung (Immunadsorption) können die Antikörper aus dem Empfängerblut herausgefiltert werden, die Abstoßungsreaktion wird damit zum Zeitpunkt der Transplantation umgangen. Schwedische Forscher des Universitätsklinikums in Stockholm hatten dieses Verfahren in Kooperation mit einem Medizingeräte-Unternehmen im Jahr 2001 erstmals eingesetzt. Mittlerweile sind dort zwölf Patienten trotz Blutgruppen-Unverträglichkeit erfolgreich mit einem Spenderorgan versorgt worden, darunter ein Kind. In Japan sind mit einem ähnlichen Verfahren, aber mit wesentlich stärkerer Unterdrückung des Immunsystems, bislang 32 solcher Patienten erfolgreich behandelt worden. Erst im Mai 2004 stellten die Stockholmer Forscher die Methode auf dem amerikanischen Transplantationskongress in Boston vor. In Freiburg gelang es im gleichen Monat erstmals in Deutschland, damit einen erwachsenen Patienten zu behandeln.

Für Nele begannen Anfang September die Vorbereitungen auf die Operation: In den ersten zwei Wochen vor der Nierenverpflanzung erhielt sie sechs Mal die spezielle Blutreinigung, in der Woche danach noch drei Mal. Als die Antikörper kaum noch nachweisbar waren, war am
24. September 2004 der Zeitpunkt für die Operation gekommen - eine große logistische Leistung. "Wir müssen dann nicht nur das richtige OP- und Anästhesie-Team bereit haben, sondern auch der Operationssaal darf nicht durch andere dringende Eingriffe belegt sein", sagt Professor Klempnauer. Intensivplatz und Pflegepersonal müssen bereitstehen. Hinzu kommt der Mitarbeiter aus der Transfusionsmedizin, der schnell die Antikörper messen muss, und der Pathologe, der anhand einer Gewebeprobe feststellt, ob eine mögliche Abstoßungsreaktion eine intensivere Behandlung erforderlich macht. Für alle Beteiligten stellt die Diagnostik von Abstoßungen bei diesem Verfahren wissenschaftliches Neuland dar.

Nele überstand die Operation gut. Obwohl die MHH Deutschlands führendes Transplantationszentrum ist, ist eine Nierenverpflanzung für Professor Klempnauer und sein Team kein Routineeingriff: "Es ist sehr wichtig, dass sowohl bei der Entnahme des Spenderorgans beim Spender als auch während des Einpflanzens beim Empfänger alles glatt geht." Zwar ist das Operationsrisiko bei einer Nierenspende geringer als etwa bei einer Teil-Leberspende - langfristig hat der Spender aber nur noch eine Niere, die nach Möglichkeit auch später nicht ausfallen darf.

Für Nele hoffen die Ärztinnen und Ärzte nun, dass das Organ möglichst lange arbeitet - vor allem mit Hilfe von Medikamenten, die eine Abstoßungsreaktion unterdrücken (Immunsuppressiva). "Durchschnittlich hält ein verpflanztes Organ bei einem Kind 20 Jahre. Danach ist meist eine weitere Transplantation notwendig", sagt Professorin Offner. Derzeit arbeiten MHH-Wissenschaftler daran, die späte Abstoßung des Organs genauer zu erforschen und wenn möglich ganz zu verhindern.

Eines steht für die MHH-Experten allerdings fest: "Die Nieren-Lebendspende bei einer Blutgruppen-Unverträglichkeit ist kein Verfahren, das wir nun in großem Umfang einsetzen können - auch, weil es zu teuer ist", sagt Professorin Offner. Und Professor Klempnauer ergänzt: "Auf absehbare Zeit sind wir auf eine große Organspende-Bereitschaft in der Bevölkerung angewiesen, um den Patienten auf der Warteliste möglichst gut helfen zu können." Der Appell: Möglichst viele Menschen sollten sich für einen Organspendeausweis entscheiden.

Nierentransplantationen bei Kindern in Zahlen

In Deutschland warten rund 20.000 Patienten auf eine Spenderniere, davon sind 100 Kinder.

Ein Fünftel aller Nierentransplantationen bei Kindern in Deutschland werden in der MHH vorgenommen. Die Hochschule zählt damit zu den europaweit führenden Zentren.

Die erste Nierenverpflanzung bei einem Kind fand in der MHH 1970 statt, damals operierte der international renommierte Transplantationschirurg und Gründer der gleichnamigen MHH-Abteilung Professor Dr. Rudolf Pichlmayr.

Bislang sind in Hannover 540 Nierentransplantationen bei 448 Kindern durchgeführt worden, bei einigen also mehrfach. Pro Jahr sind es rund 20.

Die erste Nieren-Lebendspende bei einem Kind fand in der MHH 1976 statt. Heute sind die Hälfte aller Nierenverpflanzungen bei Kindern Lebendspenden.

Weitere Informationen geben gern Professor Dr. Jürgen Klempnauer, Telefon: (0511) 532-6534, E-Mail: klempnauer.juergen@mh-hannover.de, und Professorin Dr. Gisela Offner, Telefon: (0511) 532-3283, E-Mail: offner.gisela@mh-hannover.de.

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