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Die Räume der Geografie Friedrich Ratzels

16.11.2004 - (idw) Universität Leipzig

Aus Anlass des 100. Todestages von Friedrich Ratzel findet eine internationale Tagung zum Thema ''Die Räume der Geografie Friedrich Ratzels'' statt, die sich unter wissenschaftshistorischen Gesichtspunkten mit Leben und Werk des Leipziger Geographen beschäftigen wird. Zeit: 18. November 2004 bis 20. November 2004
Ort: Leibniz-Institut für Länderkunde
Schongauerstr. 9

Vorgesehen sind Referate, die sich mit dem Einfluss zeitgenössischer politischer Strömungen auf das Werk Friedrich Ratzels beschäftigen, Ratzels Konzeption der Regionalen Geographie beleuchten, seine Wirkungen auf andere Wissenschaften analysieren, sein anthropogeographisches und politisch-geographisches Denken und dessen Wirkungen untersuchen sowie der Rezeptionsgeschichte nachgehen und die Bedeutung von Ratzels Ansätzen für die heutige Geographie interpretieren.

Das Phänomen Ratzel

In diesem Jahr jährt sich der 100. Todestag des Leipziger Geographen Friedrich Ratzel (1844-1904). Ratzels wissenschaftliches Werk mit über 1200 Veröffentlichungen bietet ein mehr als facettenreiches und komplexes Opus, das auch heute noch mannigfaltige und inspirierende Impulse zur wissenschaftlichen Beschäftigung bietet. Angesichts dieser Komplexität verwundert es, dass der Name Ratzel schnell und übereilig reduziert wird auf eine einseitige Sicht zu seinen Gesetzen des räumlichen Wachstums der Staaten und seinen Lebensraum-Begriff. Beide werden heute nach wie vor in Zusammenhang mit politisch-geographischen Konzepten genannt, die Eroberung, Krieg und ethnische Säuberungen als (natur)notwendiges politisches Instrument expandierender Staaten ansehen. Nachfolgende Skizze möchte nicht versuchen, hier eine Klärung herbeizuführen, aber sie will zu einer intensiven und kritischen Lektüre des Leipziger Geographen einladen, der zu seiner Zeit nicht nur zu Anerkennung der Geographie als viel zur Festigung Leipzigs als bedeutenden Forschungsstandort in der deutschen wie internationalen Wissenschaftslandschaft beigetragen hat.

Der Werdegang Ratzels

Friedrich Ratzel wird am 30.08.1844 als Kind einer badischen Hofbeamtenfamilie in Karlsruhe geboren. Seine Promotion erfolgt 1868 in der Zoologie unter dem Eindruck der entwicklungsgeschichtlichen Gedanken von Charles Darwin und Ernst Haeckel. Ab 1868 unternimmt er ausgedehnte Reisen nach Südfrankreich und Italien, als Reisekorrespondent für die Kölnsche Zeitung tritt er Reisen nach Südosteuropa, Italien und den USA (1873-1875) an. Für Ratzel werden als Ergebnis dieser Reisen Fragen des wechselseitigen Verhältnisses von Mensch und dem vom Menschen bewohnten Boden immer zentraler. Nach Abschluss seiner USA-Reise 1875 wird er Privatdozent an der Technischen Hochschule München, habilitiert sich 1876 und wird noch im gleichen Jahr zum außerordentlichen Professor für Geographie berufen. 1886 nimmt Ratzel einen Ruf auf den Lehrstuhl für Geographie in Leipzig an und verlagert seinen Lebensschwerpunkt aus München dorthin (seine letzte Wohnung befindet sich in der heutigen Grassistr. 10). In der universitär frisch etablierten Geographie erfassen seine wissenschaftlichen, aber immer von einem assoziativ-journalistischen Stil durchzogenen Arbeiten nahezu alle Aspekte des menschlichen Lebens unter einer räumlichen, und somit geographischen, Perspektive. Den Leipziger Lehrstuhl hat er bis zu seinem Tod am 09.08.1904 inne.

Aspekte des wissenschaftliche Werk Ratzels

In seiner Leipziger Zeit veröffentlicht er sein wohl bekanntestes Werk, die Politische Geographie (1897), den zweiten Teil seiner Anthropogeographie (1891), den einflussreichen Aufsatz zu den Gesetzen des räumlichen Wachstums der Staaten (1896), aber auch - kurz vor seinem Tod - die Naturschilderungen (1904), in denen Ratzel eine gänzlich ungewöhnliche Seite seines wissenschaftlichen Werkes aufschlägt und sich mit Fragen der Ästhetik der Natur und ihrer Darstellung auseinandersetzt und sich wesentlich von Jean Paul und Adalbert Stifter inspirieren ließ. Beide Arbeiten markieren die Pole, zwischen denen Ratzels seine Publikationen plaziert. In der bereits erwähnten Politischen Geographie tritt Ratzel vor allem für die Anerkennung der Geographie als wissenschaftliche Disziplin ein, deren Relevanz gerade für politische Entscheidungen unentbehrlich sei: "Nicht bloß die geographischen Entdeckungen sind für die Staatenbildung wichtig, sondern auch ihre wissenschaftliche Vertiefung durch Messung, Zählung, Erforschung und kartographische Darstellung" (Ratzel 1897, 202). Schließlich bedürfe es der Wissenschaft Geographie, um Erklärungen zum Verhältnis Mensch/Volk/Staat und Erdoberfläche abgeben zu können. Geographie in einem ganz allgemeinen Sinne ist für Ratzel die "Zusammenfassung der Erdoberfläche und des ihr angehörigen Lebens als eines durch die mannigfaltigsten Wechselbeziehungen verbundenen Ganzen" (Ratzel 1882, S. 17). So sicher sich Ratzel über die beziehungswissenschaftliche Ausrichtung der Geographie war, so offen blieben seine Stellungnahmen, wie die Qualität der Beziehung zwischen der Erdoberfläche und des ihr angehörigen Lebens zu verstehen sei. Dies führte in der Folge dazu, dass man Ratzel schnell als Anhänger des Geodeterminismus abtat. Unter Geodeterminismus ist ein Ansatz zu verstehen, der menschlicher Handlungen und die politische und soziale Ordnung des Menschen als Wirkungen komplexer geographischer Ursachen (wie Klima, Relief, Boden) zu erklären versucht, abtat. Politik wird dann zu einem mechanischen Vollzug ohne oder mit nur minimalen Entscheidungsdispositionen seitens des sozialen Gefüges. Jüngere, eingehendere Analysen des Ratzelschen Opus heben jedoch hervor, dass Ratzels Position wesentlich differenzierter und komplexer war und auf die Gestaltungsspielräume des Menschen nicht verzichten wollte (sog. possibilistische Position) (vgl. Farinelli 2000, Schultz 2000). Ratzels gesamtes wissenschaftliches Werk muss somit unter dem Blick des Spannungsfeld von Freiheit und Notwendigkeit im Verhältnis Mensch-geographische Umwelt gelesen werden.

Die neue Aktualität Ratzels

Und genau dies ist der Punkt, an dem sich die Aktualität Ratzels auch 100 Jahre nach seinem Tod deutlich zeigt. Zu denken ist dabei u.a. an neu entfachte Diskussionen des Einflusses geographischer Faktoren auf Arbeitskulturen oder an die trotz aller Metaphorik vom Verschwindens des Raumes keineswegs verstummte Problematik, geopolitische Forderungen territorialer Eroberung aus dem Gefüge historisch-geographischer oder physisch-geographischer Gegebenheiten abzuleiten und zu legitimieren. Zu denken wäre aber auch, fernab dieser geopolitischen Fragestellungen, an das Thema des ästhetischen Umgangs mit der Natur. Hier lohnt ein zweiter Blick, inwieweit einzelne Facetten aktueller gesellschaftspolitischer Diskussionen eine unter gänzlich anderen gesellschaftlichen Bedingungen und Zeichen stehende Erörterung in den Werken des Leipziger Geographen gefunden haben.



weitere Informationen:
Dr. Ute Wardenga
Telefon: 0341 255 6510
E-Mail: u_wardenga@ifl-leipzig.de
Weitere Informationen: http://www.ifl-leipzig.com/index.php?id=88&tx_mininews_pi1[showUid]=48&cHash=2da8c905ee
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