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Jugendliche Straftäter: Knast oder soziales Training?

18.11.2004 - (idw) Freie Universität Berlin

Bundesjugendministerium fördert Wirksamkeitsstudie an der Freien Universität Berlin

Mit 14 Jahren beginnt in Deutschland die Strafmündigkeit. Erst dann können Minderjährige vor einen Jugendrichter geführt und verurteilt werden. Ist ein junger Mensch mehrmals straffällig geworden, steht der Richter vor der Entscheidung, ihn entweder ins Gefängnis zu schicken oder ihm eine pädagogische Maßnahme zur Verhaltensänderung zu "verschreiben". Wie erfolgreich sind solche Rehabilitationsmaßnahmen? Der Sozialpädagoge Prof. Dr. Jürgen Körner von der Freien Universität Berlin hat im Auftrag des Bundesjugendministeriums (BMFSFJ) erstmals unterschiedliche Trainingsmethoden auf ihre Wirksamkeit hin untersucht und evaluiert. Das BMFSFJ hat die Studie mit 300.000 Euro gefördert. Jürgen Körner hat mit seinem Team in Berlin drei verschiedene Trainingsmethoden analysiert: Betreuung durch die Bewährungshilfe, soziale Trainingskurse und das von ihm entwickelte "Denkzeit-Training". Dafür haben die Sozialpädagogen zwischen 1999 und 2004 insgesamt 192 Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren begleitet. "180 von ihnen sind Jungen, zwölf Mädchen - aber der Anteil der straffällig werdenden Mädchen steigt an", sagt Körner. Von den Jugendlichen haben 55 an der betreuten Bewährungshilfe, 76 an sozialen Trainingskursen und 61 am Denkzeit-Training teilgenommen. "Unser Ziel ist es nicht festzustellen, dass die eine Methode grundsätzlich besser wäre als die andere, sondern wir wollen zeigen, für welche Jugendliche welches Training am geeignetsten ist", meint Jürgen Körner und orientiert sich dabei an der Rückfallhäufigkeit der Straftäter.

Das Denkzeit-Training ist eine in Deutschland neuartige Methode. Das Programm zielt auf die Förderung bestimmter kognitiver Kompetenzen, die von delinquenten Jugendlichen in ihrer sozialen Umwelt oft nicht genügend entwickelt werden konnten: die Fähigkeit zur Empathie, zur Perspektivenübernahme, zur Analyse sozialer Konflikte, zur Abschätzung von Handlungsfolgen und zur Affektkontrolle. Die Jugendlichen sollen lernen, in komplexen und emotional belastenden Situationen einen kurzen Augenblick innezuhalten - daher "Denkzeit" -, ihre Affekte wahrzunehmen und moralisch begründete Entscheidungen zu treffen. Die Denkzeit-Methode lehnt sich an eine vom Brandon-Centre in London konzipierte Methode, die in England erfolgreich evaluiert worden ist. Die Sozialpädagogen der Freien Universität Berlin haben das Modell in Deutschland eingeführt und weiterentwickelt. "Hierbei handelt es sich nicht um eine Kuschelpädagogik, die nur auf Verständnis zielt, sondern die Jugendlichen sollen Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen", sagt Jürgen Körner. "Es geht primär nicht um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, sondern um die Bewältigung der Zukunft." Seine Kollegin Rebecca Friedmann von der Denkzeit-Gesellschaft ergänzt: "Nicht die ganze Familie der Jugendlichen soll verändert werden. Wir wollen vielmehr erreichen, dass die Betroffenen lernen, mit ihrer Familiensituation zurechtzukommen."

Etwa neunzig Prozent der delinquenten Jugendlichen stammen aus hoch belasteten Familien. Ihre Eltern sind häufig arbeitslos, die meisten besitzen nicht einmal einen Hauptschulabschluss, und oft haben die Mädchen und Jungen ungünstige Erfahrungen mit wechselnden Bezugspersonen machen müssen. Aufgrund der mangelnden Förderung hatten die Jugendlichen in ihrer Kindheit kaum Gelegenheit, sozialkognitive Kompetenzen zu entwickeln, die sie vor kriminellen Handlungen schützen. Gewaltbereite Jugendliche neigen dazu, anderen Menschen in unklaren Situationen feindselige Absichten zu unterstellen und aggressiv zu reagieren. "Für Lehrer ist es zum Teil unmöglich, sich mit den Jugendlichen auseinanderzusetzen, weil sie dafür nicht ausgebildet und deshalb mit dem großen Anteil schwieriger Persönlichkeiten in ihren Klassen überfordert sind", sagt Körner. Seit dem Jahr 2000 haben die Sozialpädagogen der Freien Universität sechzig Berliner Pädagogen in der Denkzeit-Methode weitergebildet.

Die ausgebildeten Trainer arbeiten jeweils nur mit einem Jugendlichen. In vierzig Sitzungen wird ein ausgearbeitetes und als Manual vorliegendes Programm durchgearbeitet, das sich aus vier Modulen zusammensetzt: Zuerst lernen die Jugendlichen, Probleme zu lösen. Im zweiten Modul üben sie, Affekte zu managen; im dritten Modul moralisch zu denken und zu handeln. In den 18 Sitzungen des vierten Moduls wird das Gelernte anhand alltäglicher Konflikte der Jugendlichen durchgearbeitet. "Dabei ist es besonders wichtig, dass der Denkzeit-Trainer mit "seinem" Jugendlichen eine sehr verlässliche, anerkennende, aber auch fordernde Beziehung eingeht", erklärt Rebecca Friedmann.

Bei den sozialen Trainingskursen kümmern sich dahingegen zwei Pädagogen um etwa acht Jugendliche, die sich, je nach Anbieter, sechs bis neun Monate lang ein- bis zweimal wöchentlich treffen. Dazu kommen häufig gemeinsame Wochenendfahrten oder "Survivaltrainings". In der Bewährungshilfe, einer Dienststelle der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, werden Jugendliche betreut, die zu einer Haftstrafe mit Bewährung verurteilt worden waren oder die vorzeitig - eben "auf Bewährung" - aus der Haft entlassen worden waren. Diese Betreuung besteht in regelmäßige Gesprächen mit den Jugendlichen.

"Alle drei untersuchten Methoden sind erfolgreich, mit einem kleinen, aber statistisch signifikanten Vorsprung der Denkzeit-Methode", sagt Jürgen Körner. "Vor der betreuten Bewährungshilfe war ein Jugendlicher im Schnitt 3,6 Mal im Jahr straffällig, danach 1,3 Mal. Bei den sozialen Trainingskursen ist das Verhältnis der Straftaten vorher/nachher 4,6 zu 1,3; bei der Denkzeit-Methode 3,9 zu 0,6." Welche Methode für welchen Jugendlichen tatsächlich die geeignete ist, können die Sozialpädagogen erst in knapp einem Jahr definitiv sagen. "Wir nehmen aber an, dass das Denkzeit-Konzept vor allem bei jüngeren, also den 14- bis 16-jährigen schwer belasteten Jugendlichen erfolgreich wirkt. In diesem Alter träumen sie noch von einem besseren Leben, von einer eigenen Familie und einem Auto. Da sehen die jungen Menschen noch die Chance, die sie haben, ihr Leben in den Griff zu bekommen - und zwar mithilfe der Trainer", sagt Rebecca Friedmann. "Denn", so Jürgen Körner, "sie profitieren sehr von der ihnen angebotenen verlässlichen Beziehung, und so können ihre moralischen Urteile positiv beeinflusst werden."

Die Berliner Jugend- und Familienstiftung förderte die konzeptionelle Entwicklung des Denkzeit-Trainings im Jahr 2002 mit weiteren 23.000 Euro. Um das Modell in Berlin zu etablieren, hat die Stiftung Deutsche Jugendmarke e.V., der die Erlöse aus dem Verkauf der jährlich herausgegebenen Sonderpostwertzeichen "Für die Jugend" zugute kommen und die damit Projekte der Jugendhilfe fördert, 90.000 Euro zur Verfügung gestellt. Der Trainingsdurchgang mit einem Jugendlichen dauert neun Monate und kostet etwa 3.300 Euro, "eine im Vergleich zu anderen Maßnahmen der Jugendarbeit relativ geringe Summe", sagt Jürgen Körner.


Von Ilka Seer

Weitere Informationen erteilen Ihnen gern:
- Prof. Dr. Jürgen Körner, Arbeitsbereich Sozialpädagogik der Freien Universität Berlin, Tel.: 030 / 838-56323, E-Mail: koerner@zedat.fu-berlin.de
- Rebecca Friedmann, Denkzeit-Gesellschaft e.V., c/o Freie Universität Berlin, Tel.: 030 / 838-55807, E-Mail: friedmann@denkzeit.com

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