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Integration hörgeschädigter Schüler an allgemeinen Schulen - Forschungspräsentation Gehörlosen- und Schwerhörigenpädago

19.11.2004 - (idw) Ludwig-Maximilians-Universität München

Sollen hörgeschädigte mit hörenden Kindern gemeinsam in die Schule gehen? Wie empfinden Lehrer, Mitschüler und die betroffenen Kinder die Situation? Warum kommen einige Hörgeschädigte an allgemeinen Schulen nicht zurecht? Die Mitarbeiterinnen des Lehrstuhls für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München unter der Leitung von Professor Annette Leonhardt haben jetzt ein mehrjähriges Forschungsprojekt abgeschlossen, das sich mit der Situation von hörgeschädigten Kindern an allgemeinen Schulen befasst. Die Forscherinnen haben im Rahmen ihrer Studie Empfehlungen erarbeitet, um hörgeschädigten Schülern den erfolgreichen Besuch einer allgemeinen Schule zu erleichtern. Die Ergebnisse dieser auch vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus geförderten Untersuchung werden ausführlich vorgestellt bei einer:

Forschungspräsentation
am Freitag, 26. November 2004, von 14-18 Uhr,
Leopoldstraße 13, Raum 3232

Die Studie hat ergeben, dass ein Großteil der Lehrkräfte, die Hörgeschädigte in ihren Klassen unterrichten, die Situation der integrierten Kinder positiv beurteilt. Dabei spielt es für die Lehrerinnen und Lehrer eine große Rolle, dass sie vorab über die Situation informiert werden und eine Fortbildung erhalten. Auch bei den Mitschülern stellt etwa die Hälfte der Befragten die Beziehung zum hörgeschädigten Mitschüler als positiv oder sehr positiv dar. Allerdings wird die Integration der Hörgeschädigten mit zunehmendem Alter schwieriger. "In der Pubertät werden die Gespräche auf dem Pausenhof wichtiger, da können die Hörgeschädigten dann nicht mehr mitreden", erläutert Annette Leonhardt.

Trotz dieser weitgehend positiven Befunde, die für eine Integration in allgemeine Schulen sprechen, wechseln einige hörgeschädigte Schüler nach einer gewissen Zeit von den Schulen an ein Förderzentrum für Hörgeschädigte. Ihre Beweggründe haben Professor Leonhardt und ihre Mitarbeiterinnen in einem zweiten Projektabschnitt untersucht.

Hauptmotiv der Schüler für einen Wechsel von einer allgemeinen Schule zu einem Förderzentrum war das schlechte Sprachverstehen. Eine falsche Sitzordnung oder Lehrer, die beim Erklären zur Tafel sprechen, machten es den Hörgeschädigten unmöglich, dem Unterricht zu folgen. Eltern und Kinder empfanden vor allem die Hausaufgabensituation als belastend, weil die Aufgaben von den Kindern in der Schule nicht oder nur teilweise verstanden wurden. Ein weiteres Thema ist das Bullying - indirekte, verbale oder sogar körperliche Attacken der Mitschüler. Bei den betroffenen Schülern kam es zu psychosomatischen Auffälligkeiten, das Verhältnis zu Mitschülern und Lehrern verschlechterte sich im Laufe der Zeit erheblich.

Die Lehrer der allgemeinen Schulen machten persönliche Merkmale der hörgeschädigten Schüler wie Faulheit oder mangelnde Intelligenz für das Scheitern verantwortlich. Allerdings verbesserten sich nach dem Wechsel an ein Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt Hören die Leistungen der Schüler und die Symptome verschwanden. "Fast alle Eltern und Kinder haben zu uns gesagt: 'Hätten wir nur früher die Schule gewechselt'", so Professor Leonhardt. Die Lehrer an den Förderzentren machen daher nicht persönliche, sondern strukturelle Faktoren für das Scheitern an der allgemeinen Schule verantwortlich. Für sie sind zu große Klassen oder die mangelnde spezifische Ausbildung der Lehrer an Regelschulen die Ursachen für einen Schulwechsel.

In ihren Empfehlungen raten die Forscherinnen vom Lehrstuhl für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik, alle hörgeschädigten Schüler durch den Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) begleiten zu lassen. Der MSD sollte auch die Lehrer an Regelschulen aufklären und sensibilisieren. Vor allem bei den Hausaufgaben sollten betroffene Familien Unterstützung erhalten. Zudem sollte der Schulwechsel an ein Förderzentrum nicht letzter Ausweg sein, sondern stattfinden, bevor psychosomatische Auffälligkeiten auftreten.


Ansprechpartnerin:

Prof. Dr. Annette Leonhardt
Lehrstuhl für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik
Leopoldstr. 13, 80802 München
Tel.: 089/2180-5117
E-Mail: leonh@spedu.uni-muenchen.de

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