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Am 26.11.1934 suspendierten die Nationalsozialisten den Bonner Theologen Karl Barth

22.11.2004 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Am 26.11.1934 suspendierte die deutsche, nationalsozialistische Staatsmacht einen ihrer erbitterten Gegner von seinem Amt: Karl Barth, einer der bedeutendsten protestantischen Theologen des 20. Jahrhunderts, weigerte sich, seine Vorlesungen an der Universität Bonn mit dem Hitlergruß zu beginnen, und wurde schließlich im Dezember 1934 wegen Eidesverweigerung entlassen. Der Fall Karl Barth erregte größtes Aufsehen weit über Bonn hinaus. "Wir können hier in Bonn nur Professoren brauchen, die ein inneres Verhältnis zum Nationalsozialismus haben, um mit dem Erbe Karl Barths und seines Kreises restlos aufräumen zu können" begründete der stellvertretende Dekan Jirku 1935 die Entlassung des engagierten Dozenten, den die Nationalsozialisten zunehmend als ernsthafte Bedrohung empfanden. Und das nicht ohne Grund: Nach seiner Berufung auf den Bonner Lehrstuhl für Systematische Theologie im Jahre 1930 wurde Karl Barth schnell eine mitbestimmende Figur an der Fakultät und ein Dorn im Auge derjenigen, die eine nationalsozialistische Bonner Universität anstrebten. Barth wandte sich scharf gegen Obrigkeitsstaat und Nationalismus und verurteilte die Theologie des 19. Jahrhunderts, die Volk und Vaterland, Nation und Kultur mit dem Evangelium verband.

Tatsächlich wurden zur Zeit des Nationalsozialismus theologische Fachschaftssitzungen in der Regel mit dem Lied "Volk ans Gewehr" begonnen. Die Kirche als Werkzeug der Nazis? Die Gleichschaltung der Universität begann im Frühjahr 1933 zunächst mit der Entlassung jüdischer und politisch links stehender Hochschullehrer. Der SPD gehörten damals nur sechs Dozenten der Bonner Uni an - vier davon waren evangelische Theologen. Nach seinem Beitritt zur SPD 1931 galt Barth bereits als Vorreiter des Kampfes gegen den "theologischen Liberalismus" und wurde zur bevorzugten Zielscheibe der nationalsozialistischen Propaganda. Am 6.12.1933 lehnte er es ab, seine Vorlesungen mit dem "deutschen Gruß" zu beginnen; da er im Ausland als einer der größten Gelehrten des Protestantismus galt, ließ man ihn jedoch unbehelligt. Noch - denn mit der Abfassung der "Barmer Theologischen Erklärung" auf der berühmten "Barmer Synode" 1934, in der Barth zusammen mit anderen die von den "Deutschen Christen" vertretene Lehre als illegitime Vereinnahmung der Kirche verurteilte, wurde er zu einem der theologischen Exponenten der Bekennenden Kirche. "Die Barmer Theologische Erklärung ist das Gründungsdokument der Bekennenden Kirche und ein fundamentales Zeugnis des geistigen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus", sagt der Universitätsarchivar und Historiker Dr. Thomas Becker, der in seinen Beständen unter anderem die Personalakte Barths aufbewahrt.

Die Nationalsozialisten schlugen mit Macht zurück: Nach einem Treffen mit Hitler übernahmen einige Bischöfe die "vorläufige Leitung" der Bekennenden Kirche und gaben der Staatsmacht die Gelegenheit, den "Störfaktor Barth" endlich zu entfernen: Als er sich am 7. November 1934 weigerte, den Eid auf Hitler ohne den Zusatz "soweit ich als evangelischer Christ verantworten kann" zu leisten, wurde Barth mit sofortiger Wirkung vom Kultusministerium in Berlin suspendiert und schließlich am 22. Juni 1935 in den Ruhestand versetzt.

Eine Welle der Empörung ging durch die Fakultät und schwappte auch ins Ausland über: In den folgenden Tagen unterschrieben 204 Studenten eine Solidaritätserklärung zu Gunsten Barths, boykottierten die Vorlesungen der "Deutschen Christen" und organisierten Ersatzveranstaltungen, auf denen führende Theologen der Bekennenden Kirche sprachen; darunter auch Karl Barth, der mittlerweile offiziell in Basel lehrte. Der Säuberungsprozess der Fakultät aber ging weiter, bis 1935 schließlich der noch verbliebene, sich widersetzende Rest entlassen oder an andere Universitäten versetzt wurde. "Der Fall Karl Barth zeigt, dass der Nationalsozialismus auch oder gerade vor der Kirche und Universität nicht halt machte", meint Dr. Becker "Barths Haltung und Engagement an der Bonner Universität sollte uns allen in Erinnerung bleiben."


Das Bild zu dieser Pressemitteilung gibt's im Internet unter http://www.uni-bonn.de >> Aktuelles >> Presseinformationen.

Kontakt:
Dr. Thomas Becker
Archiv der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-7555
E-Mail: archiv@uni-bonn.de
Weitere Informationen: http://www.uni-bonn.de/Aktuelles/Presseinformationen/2004/502.html - Bild zu dieser Pressemitteilung
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