Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenMontag, 1. September 2014 

Psychische Erkrankungen bei Frauen

18.11.2002 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Seelische Erkrankungen, wie etwa Depressionen oder Essstörungen, treten bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern. Neben Unterschieden in Häufigkeit und Ausprägung haben Forschungsergebnisse der letzten Jahre auch wichtige Erkenntnisse über geschlechtsspezifische Ursachen und Therapiemöglichkeiten psychischer Erkrankungen geliefert. In die Behandlung betroffener Frauen fließt dieses Wissen allerdings bislang erst selten ein. Mit Chancen und Grenzen geschlechtsspezifischer Therapien, aber auch mit kritischen Ereignissen im Leben von Frauen, die sich nachhaltig auf die psychische Gesundheit auswirken können, beschäftigt sich der 5. Kongress "Psychische Erkrankungen bei Frauen", der vom 21.bis 23.November 2002 an der Universität Münster stattfindet.

Die Organisation und wissenschaftliche Leitung dieses Kongresses der Gesellschaft für die Psychische Gesundheit von Frauen liegt bei Dr. Anette Kersting und Prof. Dr. Volker Arolt von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Münster (UKM). Die in der Aula des münsterschen Schlosses stattfindende Tagung richtet sich nicht nur an alle psychotherapeutisch tätigen Ärzte und Psychologen, sondern gleichermaßen an interessierte Sozialarbeiter, Hebammen, Gynäkologen und Kinderärzte. Zur Sprache kommt neben dem aktuellen Stand geschlechtsspezifischer Psycho- und Pharmakotherapien eine weite Palette unterschiedlichster Themen - von kulturspezifischen Weiblichkeitskonzepten bis hin zu geschlechtsspezifischen Aspekten von Altern und Sexualität.

Die Behandlung und Erforschung geschlechtsspezifischer psychischer Erkrankungen bildet seit Jahren einen besonderen Schwerpunkt in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UKM. Die Arbeit von Klinikdirektor Prof. Arolt konzentriert sich dabei insbesondere auf die Therapie depressiver Störungen, die ebenso wie Angsterkrankungen und posttraumatische Belastungsstörungen bei Frauen deutlich häufiger auftreten als bei Männern. Das Risiko, im Laufe des Lebens depressiven Störungen zu erleiden, ist bei Frauen statistisch 2,4 mal so hoch wie bei Männern. Dazu zählen unter anderem auch so genannte post partale, das heißt nach der Geburt eines Kindes auftretende Depressionen. Die Klinik bietet spezielle Behandlungsplätze für betroffene Mütter an, wobei Mütter zusammen mit ihren
Säuglingen stationär aufgenommen werden können. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Behandlung der Essstörungen Magersucht und Bulimie.

Darüber hinaus verfügt die Klinik über ein besonderes ambulantes Behandlungsangebot für trauernde Eltern nach dem Verlust ihres Kindes während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt. Nach Worten von Oberärztin Dr. Kersting, die diese Ambulanz leitet, ist der Tod eines ungeborenen oder neugeborenen Kindes für die Eltern ein äußerst belastendes und traumatisierendes Erlebnis. Die Trauer über den Verlust kann unterschiedliche Formen annehmen und auch mit vielfältigen, unterschiedlichen psychischen und physischen Beschwerden einhergehen. So leiden viele Frauen unter quälenden Fragen, Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen. Sie fühlen sich in dieser Situation von ihrem sozialen Umfeld oft nicht ausreichend verstanden und unterstützt und leiden unter der Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung aufgrund ihrer Trauer. Diese Frauen können Begleitung und Unterstützung in der Trauerambulanz erhalten. Im Rahmen eigener Untersuchungen konnte Dr. Kersting nachweisen, dass intensive Trauer auch noch Jahre nach dem Verlust bei den betroffenen Frauen vorhanden war.

Dass sich Frauen und Männer hinsichtlich ihres Gesundheitsbewusstseins, ihres Gesundheitsverhaltens, ihres Krankheitsspektrums und ihrer Krankheitsbewältigung unterscheiden, wird auch durch den Gesundheitsbericht des Landes Nordrhein-Westfalen untermauert. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch unterschiedliche soziale Rahmenbedingungen. So wird beispielsweise das hohe Auftreten von Essstörungen bei Frauen auch in Zusammenhang mit den herrschenden weiblichen Schönheitsidealen gebracht. Auffällig sind auch geschlechtsspezifische Unterschiede beim Thema Suizid. So liegen die Suizidraten der Männer deutlich höher als die der Frauen, während bei Suizidversuchen ein umgekehrtes Verhältnis besteht. Dies kann nach Ansicht vor Experten nur vor dem Hintergrund weiblicher und männlicher Charakteristika verstanden werden. Suizidversuche werden mit Schwäche, Hilflosigkeit und Abhängigkeit assoziiert, sie werden teilweise als Formen des Hilferufs und des Appells an andere interpretiert. Suizide hingegen gelten als geplant und rational. Sie werden mit Entscheidungskraft, Stärke und autonomem Handeln assoziiert, Merkmalen, die mehr dem Männlichkeitsstereotyp entsprechen.

Während Männer Gesundheit vor allem als Abwesenheit von Krankheit definieren, verfolgen Frauen eher ein ganzheitliches Konzept von Gesundheit, wobei das eigene Körpererleben und Wohlbefinden im Zusammenhang mit der gesamten Lebenssituation betrachtet wird. Die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Gesundheitskonzepte haben Folgen im Gesundheitswesen: Während Ärzte bei der Diagnose von Männern ihr Augenmerk eher auf die körperliche Gesundheit richten, wird bei Frauen häufiger auf mögliche psychiatrische oder psychosomatische Faktoren geachtet. Dies wirkt sich auch auf die Behandlung aus: Die Verschreibung von Beruhigungs- und Schlafmitteln, Antidepressiva und Neuroleptika ist heute bei weiblichen Patienten doppelt so hoch wie bei Männern.

Eröffnet wird der Kongress in Münster am Donnerstag, 21. November, mit einer öffentlichen Veranstaltung in der Aula des münsterschen Schlosses. Dieses von 16 bis 18.15 Uhr stattfindende Eröffnungssymposium richtet sich auch an interessierte Laien. Der Eintritt ist frei. Die Staatssekretärin im Düsseldorfer Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit, Cornelia Prüfer-Storcks, wird über die Gesundheitspolitik in NRW sprechen und dabei besonders auf die Gesundheit von Frauen eingehen. Darüber hinaus geht es bei dieser Veranstaltung um Besonderheiten psychotherapeutischer Behandlungen von Frauen sowie um eine Betrachtung der Frau in der Medizingeschichte.

uniprotokolle > Nachrichten > Psychische Erkrankungen bei Frauen

ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/9280/">Psychische Erkrankungen bei Frauen </a>