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Das Schicksal der Jainas

23.12.2004 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermöglicht die Untersuchung des Jainismus - Arbeitsgruppe am Südasien-Institut der Universität Heidelberg beschäftigt sich mit der kleinen aber faszinierenden Religionsgemeinschaft Die Jainas bilden neben Hindus und Buddhisten eine der ältesten Religionsgemeinschaften Indiens. In über 2 500 Jahren erlebte die relativ kleine Bevölkerungsgruppe zahlreiche Höhen und Tiefen, wobei es vor allem im südindischen Bundesstaat Karnataka zu einer regelrechten politischen und kulturellen Blüte kam. Zwischen dem 5. und dem frühen 12. Jahrhundert stellten die Jainas hier zahlreiche Herrscher und Minister und übten somit großen Einfluss auf die gesamte Gesellschaft aus. Doch plötzlich gab es einen Bruch, kam es zu Massakern und Vertreibungen. Hinduistische Geschichtsbücher gingen sogar so weit, von einem völligen Untergang des Jainismus zu berichten, ohne jedoch über die genauen Hintergründe der Geschehnisse zu berichten. Bis heute sind diese unerforscht - doch das könnte sich demnächst ändern.

Denn am renommierten Südasien-Institut der Universität Heidelberg (SAI) wird im Januar ein interdisziplinäres Projekt mit entsprechenden Forschungen beginnen. Möglich wurde dies, nachdem das SAI Dr. Julia Hegewald dafür gewinnen konnte, die zweite Phase ihres Emmy-Noether-Programms 'Der Jainismus in Karnataka (Südindien). Entwicklung und Wandel von Architektur, Geschichte und Religion, insbesondere nach dem Machtverlust im frühen 12. Jahrhundert' in der Neckarstadt in Angriff zu nehmen.

"Für Heidelberg entschied ich mich ganz bewusst wegen der Möglichkeiten, die das SAI bietet. Und das liegt nicht nur an der Vielfalt der Fächer, die am Institut vorhanden sind, sondern auch an der guten Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Abteilungen. Das hat mich ganz besonders fasziniert", legt Frau Hegewald ihre Beweggründe dar. "Hier ist - kurz gesagt - die Vernetzung besser als an anderen Universitäten." Aus diesem Grund fiel denn ihre Entscheidung zu Gunsten der Ruperto Carola - obwohl die direkte Konkurrenz - die Berliner FU - immerhin ein eigenes Fach Kulturgeschichte bieten kann.

Natürlich freut man sich in Heidelberg über solche Erfolge. Immerhin wurde damit die Bedeutung vernetzter Lehre aufs Neue unterstrichen - und zugleich eine namhafte Wissenschaftlerin nach Deutschland zurückgeholt, die ihr gesamtes Studium in England absolviert hat. So studierte Frau Hegewald an der School of Oriental and African Studies in London südasiatische Kunstgeschichte und Sprachen und promovierte anschließend über Wasserarchitektur in Südasien. Seit sechs Jahren ist sie zudem Research Fellow in Indian Architecture am University College in Oxford. "Kunst- und Baugeschichte haben mich schon immer interessiert. Ganz besonders beeindruckend fand ich jedoch den Umgang der südasiatischen Kulturen mit dem Wasser, dem auch eine religiöse Bedeutung zukommt, die in Brunnen oder Wasseranlagen schon immer ihren Ausdruck fand", erklärt die gebürtige Aachenerin. "Als ich jedoch während meiner Promotion rund 14 Monate in Indien unterwegs war, fielen mir immer mehr auch die alten Tempel der Jainas auf - und das machte mich neugierig. Nur fand sich leider in den verschiedenen Publikationen kaum etwas über diese Anlagen."

Diese Tatsache war der Grund für intensive Feldforschungen, mit denen in den vergangenen vier Jahren versucht wurde, möglichst viele indische Jaina-Tempel zu erfassen und zu dokumentieren. Eine umfangreiche Arbeit, galt es doch, rund 500 Orte zu untersuchen. Doch inzwischen ist diese Aufgabe nahezu beendet, so dass die Basis für eine Habilitation, die Frau Hegewald in den kommenden Jahren in Heidelberg in Angriff nehmen möchte, gelegt ist. "Während dieser Untersuchungen in Indien fiel mir jedoch auch auf, das die Jaina-Tempel im Süden des Landes ganz besonders zahlreich sind - hier also diese besondere Kultur einst sehr intensiv geblüht haben muss. Vor allem im südindischen Bundesstaat Karnataka kann man noch heute den deutlichen Einfluss spüren, den die doch eigentlich sehr kleine Religionsgemeinschaft in Bereichen der Religion, der Baukunst oder der Philosophie bis ins frühe 12. Jahrhundert hatte."

Der plötzliche Bruch, dieser abrupte Verlust an Macht und Einfluss der Jainas gibt noch immer Rätsel auf, die nun jedoch erstmals im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes geklärt werden sollen, das den Wandel der politischen Verhältnisse und seine Folgen für Religion, Kunst und Baukunst der Jainas im Zusammenhang betrachten wird. Geschichtlich werden die Gründe für diese Entmachtung und deren genaue Abläufe, religionswissenschaftlich die Auswirkungen auf Glaube, Philosophie und Ritual und architekturgeschichtlich die veränderte Bautätigkeit, wie die Umwandlung von Jaina-Heiligtümern in Hindutempel analysiert und im Zusammenwirken der drei beteiligten Disziplinen interpretiert. Durch die verschiedenen sich ergänzenden Blickwinkel wird diese für die Kultur Südindiens so wichtige Umbruchszeit umfassend dargestellt und die anhaltende Bedeutung der Jaina-Gemeinschaft in Karnataka herausgearbeitet. "Damit wollen wir uns einen echten 'weißen Fleck' in der Geschichte Indiens vornehmen", freut sich Frau Hegewald schon jetzt auf das Vorhaben, das finanziell ermöglicht wird durch die DFG, die neben umfangreichen Sachmitteln eine BAT Ia-Stelle und zwei halbe Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter sowie Mittel für drei studentische Hilfskräfte zur Verfügung stellt. "Alles in allem werden wir also zu sechst sein, wobei sicherlich nicht nur die beiden Doktoranden viel Zeit mit Feldforschungen in Indien zubringen werden. Daneben wollen wir unsere Ergebnisse auch mit der einen oder anderen kleinen Konferenz in Indien vorstellen, um so auch vor Ort einen Teil der Landesgeschichte aus der Vergessenheit zurückzuholen."

Gleichwohl ist das Projekt in gewisser Weise heikel. Denn zwar zählt die Religion des Jainismus heute nur rund dreieinviertel Millionen Menschen, was etwas weniger als einem halben Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Indes ist in der Gesellschaft oft ein gewisser Neid vorhanden, zählen zu den Jainas doch überdurchschnittlich viele reiche Händler und Geschäftsleute, so dass man von einer kleinen, nicht sehr geliebten Gemeinschaft sprechen muss. "In gewisser Weise kann man die Situation durchaus mit der der europäischen Juden im Mittelalter vergleichen, die auf der einen Seite ein enormes wirtschaftliches Potential inne hatten - auf der anderen Seite aber genau deshalb neidisch beäugt wurden", erklärt Frau Hegewald die momentane Lage der kleinen aber mächtigen Religionsgemeinschaft.

So warten durchaus anspruchsvolle Vorhaben auf Julia Hegewald, die sich der Bedeutung des Emmy-Noether-Programms vollauf bewusst ist. "Von der DFG in dieser Weise unterstützt zu werden, ist natürlich eine große Ehre. Vor allem aber freue ich mich auf das freie Arbeiten - und auf die Möglichkeit, eigenverantwortlich eine eigene Forschungsgruppe innerhalb des Heidelberger SAI aufbauen zu können", gibt die junge Wissenschaftlerin unumwunden zu. Eine der Grundlehren des Jainismus, der eine disziplinierte Lebensführung als Weg zur Erleuchtung betrachtet und sich auf der Tradition der Ahimsa - der Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen - gründet, wird ihr dabei sicherlich hilfreich sein. "Ich denke, dass wir viel von den Jainas lernen können, die in der Gewaltlosigkeit und der Besinnung auf den inneren Frieden den Sinn des Lebens sehen. Denn vielleicht täte uns das allen gelegentlich recht gut - nicht nur in der Weihnachtszeit...".
Heiko P. Wacker

(Bildmaterial zu dem Artikel ist in der Pressestelle der Universität Heidelberg erhältlich.)

Weitere Informationen zum Emmy Noether-Programm und zur Nachwuchsförderung in der DFG unter:
http://www.dfg.de/wissenschaftliche_karriere/emmy_noether/

Rückfragen bitte an:
Dr. Julia A. B. Hegewald
Südasien-Institut der Universität Heidelberg
Abt. Klassische Indologie
Tel. 06221 548962
julia.hegewald@urz.uni-heidelberg.de

Allgemeine Rückfragen von Journalisten auch an:
Irene Thewalt
Pressestelle der Universität Heidelberg
presse@rektorat.uni-heidelberg.de

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