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Bach-Messe in St. Reinoldi: Das Kreuz in der Mitte

19.11.2002 - (idw) Universität Dortmund

Der Kammerchor der Universität Dortmund hat am Samstag (16.11.2002) mit einer tief bewegenden Interpretation Bachs Hohe Messe in h-Moll dargeboten.

Es war, als hätte das Kreuz aus der Höhe des Säulenbogens mit einem Mal seinen Platz in der Mitte von St. Reinoldi zu Dortmund eingenommen. Mit den Klängen des "Crucifixus" war das Zentralstück der h-moll-Messe erreicht: Leises Leid, nach innen gewendet zwar, aber um nichts weniger bitter.

Der Kammerchor der Universität Dortmund erschloss von hier aus das Werk, dem den scheinbaren Zufälligkeiten seiner Entstehung zum Trotz wunderbare Stimmigkeit, bezwingende Schönheit und eine kosmische Ausdrucksweite eignet, und das damit selbst engen kirchlichen Gewissheiten ferner Stehenden das Herz für seine Wahrheiten öffnet. (Johann Sebastian Bach hat die Messe zwei Jahre vor seinem Tod weniger neu erfunden, als im Wissen des Alters - dem eigentlichen Wortsinn nach - neu komponiert.)

Solche Wahrheiten tragen bei Bach oft sehr menschliche Züge. Sie zeigen sich etwa in der charakteristischen, individualisierenden Art, in der er wechselnde Soloinstrumente zum Tutti treten lässt. Hervorzuheben sind der Flötistin Bettina Geiger bestrickende Arabesken, der Liebesoboen (Hans-Heinrich und Ulrike Kriegel) schmeichelnder Gesang und der Trompeten (Jörg Segtrop, Klaus Hanusa und Uwe Gasse) Glanz im Gloria.

Musik mit menschlichen Zügen

Sie offenbaren sich auch in der Feinsinnigkeit, einen lebenswarmen Bass (Matthias Zangerle) sein wiegend-pastorales Credo wohltuend undogmatisch der "unam sanctam" ins Stammbuch schreiben zu lassen. Im zarten Hauch des "Benedictus", den Andreas Post (Tenor) - geschult am ätherischen Evangelisten-Ton - mit allem Bedacht und dennoch freigiebig verströmen konnte. Im springlebendigen Fluss des "Laudamus", das der virtuosen und angenehm timbrierten Sopranistin Michaela Krämer leicht über die Lippen kam. Und nicht zuletzt im großen, warmen Atem, mit dem die Altistin Truike van der Poel, das einer Hochzeitsmusik entlehnte "Agnus dei" bis an die Schwelle des "Dona nobis pacem" trug.

In ganz besonderer Weise ist bei Bach der Chor Organ des Lebendigen. Wie dieser in Sündentiefe mit visionärer Kraft die Auferstehung vorausweiß, das war in der Interpretation des Kammerchores ein tief bewegender Moment.

Im "Incarnatus" ließ er die Klage dessen mitklingen, der erfahren hat, was es unter den allfälligen Bedrückungen heißt "Mensch zu werden". Und im "Resurrexit" brach er der Hoffnung Bahn und mit ihr dem Jubel. Ja: Jubel, nicht weil es nur für den Glaubenden einen guten Grund dazu gibt, sondern weil das Herz jubeln will, weil das Leben den Tod als das Ende nicht glauben kann.

Mitreißende Dynamik

Und hier wurde das sonst eher bedächtige Dirigat Willi Gundlachs stürmisch. Er forderte und bekam von seinem Chor mitreißende Dynamik und zündenden Impuls. Kraft ohne Bombast, Begeisterung ohne Nachlässigkeit im Detail, Hingabe ohne Selbstaufgabe, erwiesen sich als Axiome seiner Chorführung. Getreulich und eigenverantwortlich zugleich traten seine knapp 50 Sängerinnen und Sänger für ihn und im Bewusstsein der hohen Aufgabe in die Schranken.

Willi Gundlach ist kein Dirigent der diktatorischen Sorte, kein selbstverliebter Pult-Akrobat. Bei aller Zielklarheit und Entschiedenheit lädt er stets ein zum künstlerischen Dialog, wissend, dass ein großes Werk unter Aufbietung der Kräfte aller am besten gelingt, und als Bachianer von hohen Graden uns bedeutend, dass das Kreuz in der Mitte steht, aber am Ende nicht.

Reinhard Fehling
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