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CAPNETZ startet in der Region Hannover

14.01.2005 - (idw) Medizinische Hochschule Hannover

Forschungsprojekt soll wichtige Daten über die Lungenentzündung liefern Sie ist die häufigste infektiöse Todesursache in Deutschland, trotzdem wissen Ärztinnen und Ärzte nur wenig über sie - die Lungenentzündung (Pneumonie) ist eine unterschätzte Gefahr. "Nach unseren Schätzungen erkranken bundesweit jedes Jahr 800.000 Patientinnen und Patienten an einer Pneumonie, rund 75.000 Menschen sterben daran", sagt Professor Dr. Tobias Welte, Direktor der Abteilung Pneumologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). "Uns fehlen wichtige epidemiologische Daten - weder wussten wir bislang, wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich an Lungenentzündungen erkranken, noch haben wir genaue Angaben, welche Erreger wie häufig die Krankheit verursachen und wie die Behandlung stationär und ambulant erfolgt."

Hier hilft CAPNETZ, das Kompetenznetz für ambulant erworbene Pneumonien. Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, untersucht das Wissenschaftler-Netzwerk seit 2001 die bisherige Versorgung und forscht nach optimierten Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten. CAPNETZ startet nun auch in der Region Hannover mit der MHH als lokalem klinischen Zentrum. "Wir haben vor kurzem mehr als 200 Lungenfacharzt-, Internisten- und Allgemeinarztpraxen in der Region Hannover angeschrieben und um ihre Mitarbeit gebeten", sagt Professor Welte.

Was passiert im CAPNETZ?

In einem ersten Schritt erhalten die beteiligten Praxen Informationsmaterial für die klinischen, laborchemischen und Röntgenzeichen einer Pneumonie. Sobald bei einem Patient der Verdacht auf eine Lungenentzündung vorliegt, melden die Ärzte dies dem klinischen Zentrum MHH. Eine Studienschwester aus der Hochschule fährt sofort in die Praxis, klärt den Patienten über die Studie auf und nimmt verschiedene Proben: Blut, Urin, Rachenspülung und Auswurf. Der Vorteil für die Niedergelassenen: CAPNETZ übernimmt die Finanzierung dieser Untersuchungen. "Die Ergebnisse werden dann anonymisiert in einer umfangreichen zentralen Datenbank in Ulm erfasst. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz hat diese Erhebung genehmigt", sagt Professor Welte. "So erhalten wir wichtige Informationen über das Erregerspektrum, zum Verlauf der Erkrankung und zur Resistenzsituation."

Neben den epidemiologischen Daten kann CAPNETZ klinische Studien zu wichtigen Fragen in Diagnostik und Therapie durchführen. "Wir möchten dabei weitgehend industrieunabhängig vorgehen", sagt Professor Welte. Zusätzlich haben die beteiligten Ärzte in den Praxen die Möglichkeit, über eine Internet-Plattform schnell Expertenrat einzuholen oder durch Weiterbildungen spezielle Kenntnisse im Umgang mit Pneumoniepatienten zu erhalten. Ein entsprechendes Zertifikat der jeweiligen Ärztekammer weist dann die Mediziner als besonders qualifiziert aus im Umgang mit Infektionskrankheiten, insbesondere in der Antibiotika-Therapie.

Warum reichen Daten aus Großbritannien und den USA nicht aus?

"Zwar liegen uns mittlerweile umfangreiche Daten zur Lungenentzündung aus Großbritannien, den USA und Südeuropa vor, aber sie sind nicht mit der Situation in Deutschland vergleichbar", sagt Professor Welte. Sowohl das Erregerspektrum als auch die Resistenzsituation gegenüber den wichtigsten Antibiotika unterscheide sich generell. Grund hierfür sind neben klimatischen Besonderheiten vor allem unterschiedliche Antibiotika-Strategien in den unterschiedlichen Ländern.

Erste Ergebnisse

Weil CAPNETZ bereits seit drei Jahren arbeitet, liegen mittlerweile erste Ergebnisse vor:

1. In Deutschland erfolgt die Therapie einer Lungenentzündung nur in weniger als 20 Prozent der Fälle nach internationalen Richtlinien. "Wir werden deshalb in der nächsten Woche bei einer Konsensus-Konferenz in Berlin erstmals Richtlinien für Deutschland festlegen, die alle infektiologisch tätigen Fachgesellschaften mittragen. So geben wir den behandelnden Ärzten eine klare Unterstützung an die Hand", sagt Professor Welte.

2. Haben Patienten eine Pneumonie, versterben laut CAPNETZ-Statistik aufgrund der Erkrankung rund acht Prozent. In nächsten halben Jahr nach der Infektion beträgt die Sterblichkeit noch einmal fünf Prozent - ein Zeichen dafür, dass häufig Patienten an einer Lungenentzündung erkranken, die bereits andere schwere Grundleiden haben.

3. Häufig stellten Ärzte im Auswurf von Pneumonie-Patienten auch Pilze fest. "CAPNETZ fand heraus, dass diese Pilze offensichtlich nicht krank machen, sondern zu den normalen Besiedlern der Atemwege gehören. Deshalb ist künftig die Pilzdiagnostik bei Pneumoniepatienten im ambulanten Bereich nicht mehr notwendig", sagt Professor Welte.

4. CAPNETZ konnte auch das Erregerspektrum eingrenzen: Häufigste Ursache sind Pneumokokken (35 bis 50 Prozent), gefolgt von Haemophilus (zirka 20 Prozent, überwiegend bei Rauchern) und Mykoplasmen (12 bis 13 Prozent). Viren (meist Influenza) spielen mit 11 bis 13 Prozent ebenfalls eine wichtige Rolle. Staphylokokken sind bei älteren Menschen die Ursache einer Lungenentzündung. Legionellen kommen in vier bis fünf Prozent der Fälle vor.

"Weil Pneumokokken nahezu die Hälfte aller Fälle ausmachen und gleichzeitig eine gut verträgliche Impfung dagegen vorliegt, sollten wir diese Impfung in Deutschland ausbauen", sagt Professor Welte. In den USA gingen die Pneumokokkenfälle deutlich zurück, seit die Impfung für größere Patientengruppen verpflichtend ist.

Weitere Informationen gibt gern Professor Dr. Tobias Welte, Direktor der MHH-Abteilung Pneumologie, Telefon: (0511) 532-3530, E-Mail: welte.tobias@mh-hannover.de

Informationen zu CAPNETZ

Das Kompetenznetz ambulant erworbene Pneumonien (CAPNETZ) wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt. Die Leitung haben Professor Dr. Norbert Suttorp (Charité Universitätsmedizin Berlin), Professor Dr. Tobias Welte (MHH) und Professor Dr. Reinhard Marre (Universität Ulm). Seit drei Jahren bilden lokale Netzwerke in Berlin, Lübeck, Essen, Köln/Bonn, Würzburg, Magdeburg, im Sauerland, im Großraum Bremen und künftig in der Region Hannover das Herz des von CAPNETZ. Jedes Netz umfasst 80 bis 150 ambulante Praxen, von denen ca. 70 Prozent Allgemeinärzte sind, und jeweils ein lokales klinisches Zentrum, in dem die Arbeit koordiniert und die Daten erfasst werden. Das Ziel: genaue Erkenntnisse zu gewinnen zu Erregersituation, Resistenzlage, Risikofaktoren, Therapiestrategien und Erreger-Wirt-Interaktionen. Die Initiatoren hoffen damit ein Netz zu schaffen, dass mit Ende der Förderung durch das Bundesministerium im Jahr 2006 weiter bestehen kann.

Weitere Informationen: http://www.capnetz.de
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