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Das zähe Leben der Lingua Tertii Imperii

14.01.2005 - (idw) Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

An der Universität Düsseldorf entsteht ein Wörterbuch zur sprachlichen "Vergangenheitsbewältigung" nach 1945. Auschwitz-Lüge, Gestapo-Methoden, Mischehe, Endlösung, Ulbrichts KZ, gaskammervoll, Sippenhaft, Volksgerichtshof-Ton: Die deutsche Sprache der Gegenwart ist noch voller Bezüge zum "Dritten Reich". Düsseldorfer Germanisten untersuchen, wie es dazu kam. Ziel des DFG-Projektes: ein Wörterbuch der deutschen "Vergangenheitsbewältigung".

Hans-Magnus Enzensberger kritisierte einmal, dass Arbeiter in den Frankfurter Vorortzügen den Ausdruck "bis zur Vergasung" ganz naiv im Sinne von "bis zum Umkippen" benutzten. Heinrich Böll beklagte, dass es in der Öffentlichkeit keinen Aufschrei gäbe, wenn jemand das Wort "ausmerzen" benutzt. Victor Klemperer, Autor posthum 1995 veröffentlichter Tagebücher, in denen er sein Alltagsleben als rassisch verfolgter Philologe während des Dritten Reiches und dessen Sprache ("Lingua Tertii Imperii") schildert, war konsequent: Man sollte belastete Wörter vergraben wie schmutziges Geschirr und nach einiger Zeit wieder hervorholen. Für Wörter, die menschenverachtende Konzepte transportieren, müsse es jedenfalls eine Epoche der Sensibilität geben. Schon der Publizist Hans Habe hatte unmittelbar nach dem Krieg als US-Presseoffizier die Position vertreten, dass die Sprache "mit schuldig" sei. Also müsse man auch sie konsequenterweise entnazifizieren.

Aber ist das jemals geschehen? Bis heute führen Schlüsselwörter, Begriffe, Bezeichnungen aus der Zeit des Dritten Reiches ein seltsames Eigenleben. Hat sich ihre Bedeutung geändert, sind sie instrumentalisiert worden? Von wem?
Am Lehrstuhl für deutsche Philologie und Linguistik geht eine Wissenschaftlergruppe diesen Fragen nach. Im Rahmen eines DFG-Projektes über zwei Jahre erstellen Dr. Thorsten Eitz, Katrin Berentzen und Reinhild Frenking ein Wörterbuch der deutschen "Vergangenheitsbewältigung", in dem sich so genannte "belastete" bzw. NS-spezifische Vokabeln und deren Verwendung und Thematisierung, aber auch die öffentliche Diskussion über sie von 1945 bis in die Gegenwart, in Artikelform zum Nachschlagen finden.
Geleitet wird die Arbeit an dem Lexikon von em. Prof. Dr. Georg Stötzel, der
bereits 2002 ein von der Kritik viel beachtetes und gelobtes "Zeitgeschichtliches Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache" herausgab.

Stötzel: "Wir versuchen, eine Tradition von Wortuntersuchungen aufzubauen, die es bisher nur zum Nazi-Wortschatz gab. In gewisser Weise schließen wir an das Handbuch von 1998 zum Vokabular des Nationalsozialismus von Cornelia Schmitz-Berning an, die übrigens lange Jahre Lehrbeauftragte bei uns war. Seltsamerweise gibt es aber bis heute keine systematische Aufarbeitung des Nazi-Vokabulars über 1945 hinaus."

Anhand von öffentlich als Nazi-Wortschatz deklariertem bzw. instrumentalisiertem Vokabular wollen die Düsseldorfer Germanisten nun "Wortkarrieren" und deren historische Zusammenhänge untersuchen, um zu zeigen, wie nach 1945 sprachlich Bezug auf die NS-Zeit genommen wird. Und Denkmodelle der NS-Ideologie reproduziert werden. Bewusst oder unbewusst. Das Wort "Großraum" etwa findet immer noch Verwendung in Verkehrs- oder Wettermeldungen. Ursprünglich wurde es im II. Weltkrieg für Rundfunkdurchsagen über feindliche Bombenangriffe und Kampfhandlungen ("Abwehrschlacht im Großraum?") benutzt.

Grundlagen der Recherche sind Texte in Zeitungen, Zeitschriften, Politmagazinen, Fachliteratur, Gerichts- und Bundestagsprotokolle.
Zunächst wird eine Art Lexikon von ca. 150 Wörtern der Gegenwartssprache erarbeitet, die Bezug zum Dritten Reich haben. Dann wird ihre Wortgeschichte verfolgt.

Beispiele: Abendland, Anschluss, artfremd, Auslese, Ausmerzung, Befreiung (vs. Niederlage), Behinderte, durchrasst (vs. multikulturell), Endlösung, Elite (vs. Auslese), Gestapo-Methoden, Gleichschaltung, Goebbels der Sowjetzone, Holocaust, Invasion (vs. Landung der Alliierten), Konzentrationslager, Machtergreifung/ -übernahme/ -übergabe, Mischehe, Selektion, Kristallnacht, Wehrmacht/Bundeswehr usw.

Ziel ist zum einen eine empirisch-verlässliche Untersuchung. Stötzel: "Dann wollen wir natürlich auch die These vom 'Weiterwirken des gedanklichen Gifts der Vokabeln' prüfen. Es muss sichtbar werden, wer wann in welchem Zusammenhang welche Vokabel verwendet hat. Drittes Projektziel ist es dann, eine Geschichte der Nazi-Vergleiche mithilfe der Vokabelliste zu konzipieren."

Bisherige Studien jedenfalls zeigten, dass die Geschichte der Vergleiche schon sehr früh beginnt. Da ist bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit in West-Zeitungen von der "Machtergreifung der SED" die Rede, von der "roten Diktatur", von der DDR als "Ulbrichts KZ". Die Düsseldorfer Germanisten wollen hier erst einmal erfassen: Ab wann tauchen welche Vergleiche auf? Mit welchen Intentionen werden sie aufgestellt? Wer will wen diffamieren?
Stötzel: "Und schließlich wird es interessant sein herauszufinden, ob es Konkurrenz-Vergleiche, also konkurrierende Bildspenderbereiche gibt, etwa 'ökologischer Holocaust' versus 'ökologisches Hiroshima'."

Wortgeschichte als Zeitgeschichte. Besonders zu Jahrestagen sind die Quellen ergiebig. Dann ist die Öffentlichkeit über die Medien meist hoch sensibilisiert, die Emotionen schlagen hoch. Wie berichten die Zeitungen zum Beispiel mit den Jahren über den 6. Juni 1944? "Eine große öffentliche Diskussion begann hier aber eigentlich erst 1994", so Stötzel. War es nun "die Invasion" (aus Sicht von Nazi-Deutschland), die "Landung" (aus Sicht der Franzosen), "D-Day" (aus Sicht der Amerikaner)? Und der 8. Mai 1945? "Tag der Scham", "Befreiung" oder "Niederlage"? Noch Willy Brandt hütete sich als Bundeskanzler, von "Befreiung" zu sprechen. Stötzel: "Die 60er Jahre, das war noch eine Phase der Verdrängung. Die Deutschen fühlten sich als Opfer." Richard von Weizsäcker benutzte dann 1985 das Wort ganz bewusst und an zentraler Stelle.


Studierende sind im Rahmen von Seminaren, wie schon bei den anderen Buch-Projekten zur Sprachgeschichte, in großem Stil bei den Recherchen miteinbezogen. Wer eine Arbeit zu einem Wort schreibt, die zur Grundlage eines Lexikon-Artikels wird, der taucht dann auch namentlich als Autor auf. Nicht die schlechteste Motivation.

Keine Frage: Wörter prägen das Bewusstsein. Und können Wirklichkeit schaffen. Deshalb arbeiten Stötzel und sein Team nicht nur an einem Handbuch zur sprachlichen Vergangenheitsbewältigung. Sie wollen mehr sein: "kommunikative Aufklärer".

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