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RUBIN 1/2005: Die Jugend literarisch auf Linie bringen - sprachliche Strategien des Völkermords

14.02.2005 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Verschwiegen oder beschönigt wurde nichts in den zahlreichen Jugendbüchern über die Ermordung der rund 80.000 Herero und Nama durch die Deutschen Schutztruppen zwischen 1904 und 1908 im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika. In den Büchern, die teils sogar als Schullektüre zum Einsatz kamen, wurde die Vernichtungsstrategie in ihrer ganzen Grausamkeit geschildert und dabei als notwendig, natürlich und sogar gottgewollt dargestellt. Die sprachlichen Strategien zur Legitimierung des Völkermords hat Medardus Brehl (Institut für Diaspora- und Genozidforschung der RUB) untersucht. Über seine Ergebnisse berichtet er in RUBIN 1/2005, dem Wissenschaftsmagazin der Ruhr-Universität. Bochum, 14.02.2005
Nr. 50

Die Jugend literarisch auf Linie bringen
Die Ermordung der Herero im Diskurs des Deutschen Kaiserreichs
RUBIN 1/2005: Sprachliche Strategien des Völkermords

Verschwiegen oder beschönigt wurde nichts in den zahlreichen Jugendbüchern über die Ermordung der rund 80.000 Herero und Nama durch die Deutschen Schutztruppen zwischen 1904 und 1908 im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika. In den Büchern, die teils sogar als Schullektüre zum Einsatz kamen, wurde die Vernichtungsstrategie in ihrer ganzen Grausamkeit geschildert und dabei als notwendig, natürlich und sogar gottgewollt dargestellt. Die sprachlichen Strategien zur Legitimierung des Völkermords hat Medardus Brehl (Institut für Diaspora- und Genozidforschung der RUB) untersucht. Über seine Ergebnisse berichtet er in RUBIN 1/2005, dem Wissenschaftsmagazin der Ruhr-Universität.

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Konsens über die Vernichtung

Die Auseinandersetzung zwischen der deutschen Kolonialherrschaft und den Herero im heutigen Namibia gipfelte 1908 in der blutigen Schlacht am Waterberg. In deren Anschluss trieben die deutschen Soldaten die Herero in die wasserarme Omaheke-Steppe und riegelten die Wasserläufe ab. 80 Prozent der Herero kamen ums Leben. Wie konnte es dazu kommen? "Ein solcher Völkermord ist nicht durch den Willen und die Macht einer kleinen fanatischen Gruppe möglich, sondern nur dann, wenn die Vernichtungspolitik die Zustimmung breiter Bevölkerungsschichten findet und die Ausschließung der Opfergruppe aus den allgemein verbindlichen Normen und Werten von diesen Bevölkerungsschichten geteilt wird", erklärt Brehl. Wie diese Konsens im deutschen Kaiserreich erreicht wurde, hat er anhand von Jugendbüchern über die Vernichtung der Herero untersucht.

Hochmoderne Argumentationsmuster

An Beispielen populärer Bücher deckt er die sprachlichen Strategien zur Legitimierung des Völkermords auf: Stets ist es der Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß, Fremd und Eigen, der die Ausschließung der Herero aus dem Normen und Werten ermöglicht. Diese Oppositionen sind nicht neu; sie lassen sich über kultur-evolutionistische, sozialdarwinistische und geschichtsphilosophische Theorien des 19. Jahrhunderts bis in die Philosophie der deutschen Aufklärung zurückverfolgen. Die Ermordung der Herero erscheint als einem Naturgesetz folgend: Erst wenn die "unzivilisierten" Schwarzen vernichtet sind, können die "tüchtigeren" Weißen das Beste für das Land bewirken. In einem Jugendbuch, das auch in Schweden und den USA als Schulausgabe mehrere Auflagen erreichte, heißt es: "Diese Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient, ... weil sie keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben haben ... Gott hat uns hier siegen lassen, weil wir die Edleren und Vorwärtsstrebenden sind ... Den Tüchtigeren, den Frischeren gehört die Welt. Das ist Gottes Gerechtigkeit." Mit diesem Aspekt der Zukunftsorientierung und generationenübergreifenden Wirkung zeigen die Texte hochmoderne Argumentationsmuster: "Sie weisen auf die großen Genozide der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts voraus", so Brehl, "auf den jungtürkischen Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich und den Holocaust."

Themen in RUBIN 1/2005

In RUBIN 1/2005 finden Sie außerdem folgende Themen: Geisteswissenschaften: Integrative Medienerziehung fördert Lesekompetenz: Viva, MTV - und Bücher lesen; Schüler sicher machen in Bus und Bahn: Ohne Gewalt stark; Medizin: Versorgungsforschung bringt es an den Tag: Unerkannt und unterversorgt; IBEKOM: das erste wissenschaftliche Callcenter: "Wie geht es denn heute?"; Ingenieurwissenschaften: Kompakte Strahlungsquellen erschließen Marktpotenzial: Terahertz-Strahlung entgeht nichts; Naturwissenschaften: Ras-Protein verändert Nervenzellen: Wie das Gehirn auf Zuwachs schaltet; Exotische Elementarteilchen vorausgesagt und entdeckt: Mit Pentaquarks die Welt erklären. RUBIN ist für 2,50 Euro in der Pressestelle der RUB erhältlich (0234/32-22830, rubin@presse.rub.de) und steht im Internet unter: http://www.rub.de/rubin.


Weitere Informationen

Medardus Brehl, M.A., Institut für Diaspora- und Genozidforschung, Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-29704, Fax: 0234/32-14770, E-Mail: medardus.brehl@rub.de
Weitere Informationen: http://www.rub.de/rubin
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