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Wenn Texte wie Blumen gesammelt werden

21.11.2002 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

1. Tagung der Nachwuchsgruppe "Spätantike und byzantinische Literatur" der Universität Jena

Jena (21.11.02) "Sammeln, Neuordnen, Neues Schaffen" ist eine Vorgehensweise, die typisch für die Spätantike (ca. 200-600 n. Chr.) und die byzantinische Zeit (ca. 600-1453 n. Chr.) ist: Aus der riesigen Menge von Texten, die zuvor die antike Literatur hinterlassen hatte, wurden Texte ausgewählt, in Auszügen zusammengefasst und so reorganisiert, dass aus ihnen ein neuer Text entsteht. Das Ergebnis nennt man ein Florilegium, auf Deutsch: eine "Sammlung von Blumen". Wie damals die Blumen gepflückt und neu gebunden wurden, ist Thema der Tagung "Sammeln, Neuordnen, Neues schaffen - Methoden der Überlieferung von Texten in der Spätantike und in Byzanz" der Nachwuchsgruppe "Spätantike und byzantinische Literatur" der Universität Jena. Der erste Kongress der Jungwissenschaftler, der heute (21.11.) um 18 Uhr in der Aula startet und bis Sonnabend (23.11.) dauert, versammelt rund 50 Teilnehmer an der Friedrich-Schiller-Universität.

Das Florilegium hatte in Byzanz eine größere Bedeutung als in jeder anderen Epoche der Literaturgeschichte. Berühmte Beispiele sind die Sammlung des Johannes Stobaios und die Disticha Catonis. Eine ähnliche Sammlertätigkeit fand aber auch in den umliegenden Kulturen, besonders im arabischen Raum statt. Die Beziehungen zwischen diesen beiden Kulturen sind ein Kernthema der Tagung.

Der Text, den die Sammler erstellten, besitzt "zwei Seelen": Die eine will das aus der Tradition, was nicht verloren gehen darf, für die Zukunft archivieren. Die zweite präsentiert eine eigene Weltsicht. Durch Auswahl und Neukomposition entsteht ein eigenständiger und zusammenhängender Text. Ein solches Werk war immer "im Fluss": "Bei jeder Abschrift wurden Teile des vorhandenen Materials weggelassen oder Neues hinzugefügt, und verschiedene Formen eines Textes existierten nebeneinander", erläutert Mitorganisator Dr. Matthias Perkams von den Jenaer Altertumswissenschaftlern.

Ein typisches Beispiel für die Methodik präsentiert Bettina Lienhard, die aus Wien nach Jena gekommen ist, um am Graduiertenkolleg "Leitbilder der Spätantike" teilzunehmen. Sie behandelt die byzantinische Barlaam-Legende. Diese zeigt, dass die byzantinische Gelehrsamkeit nicht nur vom antiken Griechenland, sondern auch aus der orientalischen Nachbarkultur lernte. Das Werk ist die Übersetzung und Umarbeitung eines arabischen Originals, dessen Kernstück eine Sammlung von Parabeln darstellte. Der byzantinische Autor bearbeitete seine arabische Vorlage, doch blieb der orientalische Charakter der Sammlung dabei erhalten.

An der Jenaer Tagung nehmen vor allem Wissenschaftler aus Deutschland und Italien, aber auch aus Österreich und Schweden teil. Die meisten von ihnen sind jung, denn während des Treffens sollen gerade Nachwuchsforscher ihre Ideen präsentieren können. Kritisch begleitet werden diese Jungwissenschaftler von zwei erfahrenen "Meistern" der Byzantinistik und Arabistik, den Berlinern Prof. Dr. Gotthard Strohmaier und Prof. Dr. Paul Speck.

Die Jenaer Nachwuchsgruppe "Spätantike und byzantinische Literatur" befasst sich mit dem Thema: Die Überlieferung des Wissens von der Antike in die Spätantike und nach Byzanz anhand ihrer typischen Textformen. Die Gruppe, die von Dr. Rosa Maria Piccione geleitet wird, besteht derzeit aus vier jungen Wissenschaftlern der Fachgebiete Klassische Philologie, Philosophie und Alte Geschichte. Eingerichtet wurde die Nachwuchsgruppe im Rahmen des Hochschul- und Wissenschaftsplans des Landes Thüringen. Sie hat sich vor einem Jahr formiert und ist auf weitere vier Jahre angelegt. Die Finanzierung erfolgt aus Drittmitteln, die das Land zu diesem Zweck zur Verfügung stellt.

Kontakt:

Nachwuchsgruppe "Spätantike und byzantinische Literatur"
Fürstengraben 28, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944318 oder 944315
E-Mail: rm.piccione@gmx.de oder matthias.perkams@uni-jena.de
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