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Charité ehrt Professor Dr. Samuel Mitja Rapoport (90)

25.11.2002 - (idw) Medizinische Fakultät Charité der Humboldt-Universität zu Berlin

Aus Anlass des 90. Geburtstages von Professor Dr. Samuel Mitja Rapoport ehrt die Charité, die Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, den Jubilar und ehemaligen Direktor des "Instituts für Physiologische und Biologische Chemie" am 2. Dezember 2002 mit einem wissenschaftlichen Symposium:
Ort: Institut für Fleischhygiene der FU Berlin (ehemaliger "Trichinentempel") Luisenstraße 56 in 10117 Berlin, von 8.30 Uhr bis 14.00Uhr

Dazu Professor Dr. Cornelius Frömmel vom "Institut für Biochemie" und Prodekan für Forschung der Charité:
"Professor Rapoport ist einer der bedeutendsten, wenn nicht der bedeutendste Biochemiker Berlins nach dem 2. Weltkrieg. Darüber hinaus war er ein politisch engagierter Wissenschaftler, der, aufgewachsen in Odessa und Wien, vor der deutschen mörderischen braunen Pest nach Amerika fliehen musste. Nach 1952 widmete er sich dem Aufbau der Biochemie und der medizinischen Lehre an der Berliner Charité. Von den einen wurde er als Wissenschaftler gefeiert, von anderen aber als politisch Engagierter gefürchtet oder gehasst.
Jüdischer Abstammung wurde Rapoport am 27. 11. 1912 in Woloczysk an der russisch-österreichischen Grenze geboren. Seine Jugend- und Studienzeit (Chemie und Medizin) verbrachte er in Wien. 1938 folgte er einem Ruf als Kinderarzt und Wissenschaftler nach Amerika. (Während sein gleichaltriger Freund Jura Soyfer bis zuletzt hoffte, den gleichen Weg zu gehen, aber der Schriftsteller Soyfer wurde auf einen anderen geschickt: Im KZ Buchenwald bei Weimar ging er seinem Tod im Februar 1939 entgegen.) Rapoport forschte in Amerika auf den Gebieten des Wasser- und Elektrolythaushaltes sowie an der roten Blutzelle und deren Stoffwechsel. Ein Stoffwechselweg trägt seinen Namen (gemeinsam mit Jane Luebering). Ausgehend von seinen Untersuchungen schlug er ein neues Medium zur Konservierung von Blut vor, welches die Lagerfrist für Blut von einer auf drei Wochen verlängert. Diese Verbesserung hat tausenden Verwundeten des 2. Weltkrieges das Leben gerettet. Für diese Leistung wurde er vom Präsidenten der USA, Harry S. Truman, mit dem Certificate of Merit geehrt.
Seine wissenschaftliche Arbeit war in vielen Gebieten durch Weitsicht (z. B. durch den frühzeitigen Aufbau der Molekularbiologie am Institut), durch Interdisziplinarität (z. B. wurde die Theorie zur Kontrolle von Stoffwechselwegen in Zusammenarbeit mit einem theoretischen Physiker und einem Chemiker entwickelt) und bekennendem Mut geprägt: So postulierte er in den fünfziger Jahren, dass Eiweißabbau energieabhängig sei, was noch bis in die Mitte der 80er Jahre bestritten wurde, heute aber zum Lehrbuchwissen gehört. Seine Liebe zur Philosophie (und moderne Molekularbiologie bedarf der Philosophie wie kaum ein anderes naturwissenschaftliches Fach der Neuzeit) war virulent. Kaum eines der Institutsmitglieder verschloss sich der Liebe zum Denken.
Seine kommunistische Grundüberzeugung hat die Übersiedlung nach Wien nach 1950 ebenso verhindert wie sie ihm Unannehmlichkeiten (Ladung vor einen McCarthy Ausschuss) in Amerika verschaffte, die eine Rückkehr aus Europa nach einer Dienstreise als nicht geraten erscheinen ließ. In dieser Situation erreichte ihn der Ruf als Leiter des Instituts für Biochemie an die Humboldt-Universität zu Berlin. Wie kein anderer hat er Lehre und Forschung in der Biochemie in der gesamten Medizin der DDR bis 1980 und darüber hinaus beeinflusst. Getreu seinem Selbstverständnis, dass ein sozialistischer Staat die Probleme der modernen Welt lösen wird, wenn jeder einzelne sich seiner ihm zugedachten Aufgabe mit höchstem Engagement zuwendet, hat er sich um (internationale) Selbstständigkeit der Biochemie der DDR bemüht. Diese Konsequenz hat ihm viele Feinde in der (west)deutschen Biochemie gemacht, die bei allem politischen Ärger immer aber seine wissenschaftliche Integrität anerkannten. Eine Reihe seiner Schüler (die erste Generation ist schon im Ruhestand) ist heute noch als Hochschullehrer tätig. Das Institut für Biochemie war, so wurde es wahrgenommen, ein 'rotes' Institut, ohne dass alle Mitglieder sich der damit charakterisierten politischen Haltung anschließen mussten. Es war unter Rapoport ein diskussionsfreudiges Institut; abgesehen von der herausragenden Stellung seines Direktors hatte es eher flache Hierarchien. Die DDR war Rapoports Heimat geworden. Er hatte gehofft, dass sie, ihre Gesellschaft, ein Modell der Zukunft sein könnte. Vielleicht hat er mehr gewusst, denn komplexe Systeme waren sein Metier; der Niedergang hat ihn wahrscheinlich nicht überrascht, aber eben geschmerzt.
Er ist ein Zeuge fast eines Jahrhunderts deutscher Geschichte. Beschenkt mit einem langen Leben, hat er den Abstieg deutscher Kultur zu deutschem Ungeist miterleben müssen, hat beitragen können, diesen zu überwinden, hat die 'Segnungen' des kalten Krieges genießen dürfen, hat Aufstieg und Fall des realen Sozialismus mitansehen müssen, hat Gerechtes und Ungerechtes bei der Bewertung von Wissenschaft und Bildung der DDR nach der Wiedervereinigung Deutschlands gesehen. Aber nie als passiver Betrachter. Er weiß: Ehrlichkeit und Wahrheitssuche gegenüber sich selbst, gegenüber anderen, gilt nicht nur in der Wissenschaft als Garant der Weiterentwicklung. Auch in der Politik bleibt einem nicht anderes übrig, nie und niemals schweigen, es gibt kein Höheres, was uns der Wahrheit abschwören ließe. Hätte man es nur immer getan." (21.November 02)

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