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Frischer Wind für die Forschung

06.04.2005 - (idw) VolkswagenStiftung

Rund 1,3 Millionen Euro für drei weitere Gruppen im Tandem-Programm zur Förderung der fachübergreifenden Zusammenarbeit von Postdoktoranden Das Tandemprogramm zur Förderung der fachübergreifenden Zusammenarbeit von Postdoktoranden ist in der Forschungsförderlandschaft einmalig. Mit dieser Initiative verfolgt die VolkswagenStiftung die Kombination zweier Ziele: Es geht darum, herausragende Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler im Anschluss an die Promotion zu fördern - und dabei zugleich die jungen Forscher aufzufordern, im Zuge einer neuen, interdisziplinär ausgerichteten Aufgabe die selbstständige fachübergreifende Zusammenarbeit zu erproben und Fachgrenzen inhaltlich wie methodisch zu überschreiten.
Gefördert wird ein Team von zwei, gegebenenfalls auch drei Nachwuchsforschern - angesprochen sind alle Fachrichtungen -, die sich auf diese Weise auch frühzeitig für Leitungsaufgaben in der Wissenschaft qualifizieren können, etwa für die Übernahme einer Juniorprofessur. Jetzt hat die VolkswagenStiftung insgesamt 1,28 Millionen Euro für drei weitere Tandems bewilligt, die sich als die besten unter rund 40 eingereichten Vorschlägen durchsetzen konnten:

1. 380.000 Euro für das Vorhaben "Krankenpflege und religiöse Gemeinschaft. Das Beispiel des Diakonissen-Mutterhauses der Henriettenstiftung in Hannover seit 1944" von Dr. des. Susanne Kreutzer und Rajah Scheepers vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Hannover;

2. 470.000 Euro für das Vorhaben "Spätquartärer Landschafts- und Nutzungswandel im semiariden Nordosten Marokkos - eine geoarchäologische Rekonstruktion" von Dr. Jörg Linstädter vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln und Dr. Christoph Zielhofer vom Lehrstuhl für Quartärforschung und Geoökologie der Universität Köln;

3. 428.000 Euro für das Vorhaben "Schrift, Ritual und kulturelles Gedächtnis - Das Alte China und Mesoamerika im Vergleich" von Dr. Xiaobing Wang-Riese vom Department für Asienstudien der Universität München und Dr. Daniel Grana-Behrens vom Institut für Altamerikanistik und Ethnologie der Universität Bonn.
Nähere Informationen zu den bewilligten Projekten

zu 1: Im mikrohistorischen Blick auf ein Diakonissen-Mutterhaus verbindet das an der Universität Hannover verankerte Vorhaben auf originelle Weise religions-, medizin- und geschlechtergeschichtliche Fragestellungen. Ziel der beiden jungen Wissenschaftlerinnen ist eine Analyse der Erosion und Modernisierung des sozialen Protestantismus in der Nachkriegszeit und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am Beispiel des Diakonissen-Mutterhauses der Henriettenstiftung in Hannover - heute eines der größten Krankenhäuser der niedersächsischen Landeshauptstadt - wollen sie den Wandel evangelischer Glaubensorientierungen und die Umgestaltung der Krankenpflege von einem christlich motivierten "Liebesdienst" zu einem modernen Frauenberuf verfolgen - und zwar vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der Veränderungsprozesse in Kirche, Krankenhauswesen und den kirchlichen Sozialsystemen. Hierzu eignet sich das Modell eines Diakonissen-Mutterhauses, das sowohl Lebens-, Dienst- als auch Glaubensgemeinschaft evangelischer Frauen war und gleichsam religiöse wie praktisch-pflegerische Ausübung verband, hervorragend. Um den Wandel und nicht zuletzt auch das Verschwinden der Mutterhausdiakonie in seiner gesellschafts- und mentalitätsgeschichtlichen Bedeutung zu verstehen, führen die Forscherinnen - eine Theologin und eine Historikerin - Interviews mit den Schwestern und ziehen schriftliche Quellen heran, vor allem den sehr gut erhaltenen Aktenbestand im Archiv der Stiftung.

Die geplante Studie gliedert sich in die folgenden drei Themenschwerpunkte: Zum einen geht es um das religiöse und pflegerische Selbstverständnis der Schwestern; des Weiteren um die Geschichte der Lebens-, Dienst- und Glaubensgemeinschaft als Alltags-, Erfahrungs- und Realgeschichte. Im Zentrum dieses zweiten Teils steht dabei die Frage, wie sich die religiöse und pflegerische Praxis im Zuge von Modernisierungs- und Rationalisierungsprozessen veränderte und wie die Schwestern den Niedergang ihres Arbeits- und Lebenskonzeptes erlebten. Drittens untersuchen die Wissenschaftlerinnen die Mutterhausdiakonie im kirchen- und gesellschaftsgeschichtlichen Kontext. Dabei nehmen sie auch die allgemeine Verwissenschaftlichung und Professionalisierung der Krankenversorgung einschließlich der zunehmenden Verankerung eines naturwissenschaftlich-technischen Medizinverständnisses in den Blick.

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Kontakt

Universität Hannover
Institut für Soziologie und Sozialpsychologie

Dr. Susanne Kreutzer
Telefon: 0 30/62 90 47 75
E-Mail: Susanne.Kreutzer@laohu.de

Rajah Scheepers
Telefon: 0 30/4 44 62 64
E-Mail: rajah.scheepers@gmx.de
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zu 2: Untersuchungsgebiet der beiden Wissenschaftler der Universität Köln ist der semiaride, also "halbtrockene" Nordosten Marokkos. Bei diesem Projekt auf der Schnittstelle von Geologie und Archäologie geht es darum, neues Licht in das Dunkel prähistorischer Mensch-Umwelt-Beziehungen zu bringen. Das Zeitfenster der Vergangenheit umfasst die Mittelsteinzeit (ca. 8000 bis 6000 v. Chr.) und die Jungsteinzeit (ca. 6000 bis 3000 v. Chr.). Die Veränderungen in den menschlichen Verhaltensmustern und die Anpassungsprozesse an neue Umweltbedingungen versuchen die Forscher zu rekonstruieren anhand von Funden in den alluvialen Sedimentationsräumen der Unteren Moulouya, einem Flussdelta im Nordosten Marokkos.

Die bis zu 30 Meter mächtigen, canyonartig eingeschnittenen Moulouya-Sedimente sind hervorragend aufgeschlossen und bieten viele sedimentologische und chronometrische Befunde. Die Hochflutsedimente dokumentieren Variationen der Flussdynamik und liefern unmittelbar Umweltdaten zur spätquartären Landschaftsentwicklung. Über Jahrhunderte verdeckte steinzeitliche Freilandstationen innerhalb des Moulouya-Sedimentkomplexes sind infolge der Einschneidung des Flusses an vielen Positionen sichtbar und lassen sich gut erforschen. Konkret wollen die Kölner Wissenschaftler die raum-zeitlichen Muster der Siedlungs- und Wirtschaftsweise an der Unteren Moulouya über detaillierte archäologische Aufnahmen zur materiellen Kultur und zur (Jagd-) Fauna rekonstruieren. Sie vermuten, dass Hauptverursacher des spätquartären Landschaftswandels das Klima gewesen ist; durch den Menschen verursachte Veränderungen der Landschaft seien dagegen frühestens am Ende der Jungsteinzeit mit dem Übergang zur produzierenden Wirtschaftsweise zu erwarten. Insgesamt geht es ihnen darum, für die Abläufe wechselseitiger Mensch-Umwelt-Beziehungen ein Prozessverständnis zu erlangen.

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Kontakt

Universität Köln
Institut für Ur- und Frühgeschichte
Dr. Jörg Linstädter
Telefon: 02 21/4 70 - 3178
E-Mail: joerg.linstaedter@uni-koeln.de

Dr. Christoph Zielhofer
Telefon: 0 84 21/32 88
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zu 3: Das Alte China und Mesoamerika - ein durch historische und kulturelle Gemeinsamkeiten definiertes Gebiet Mittelamerikas - gelten als zwei wichtige Kulturräume mit langer Schrifttradition. Eine Untersuchung ihrer Kulturgeschichte hinsichtlich der Form und Wirkung des kulturellen Gedächtnisses fehlt jedoch für beide Regionen. Einer gängigen Theorie zufolge verfügen komplexe Gesellschaften über ein kulturelles Gedächtnis, das ihnen eine symbolisch vermittelte Gemeinsamkeit verleiht, indem sowohl mündlich als auch schriftlich überlieferte Traditionen die kollektive Erinnerung prägen. In Anlehnung daran will das Bonn-Münchner Forscherteam nun Schrift und Ritual als komplementäre Formen des kollektiven Gedächtnisses im Alten China und Mesoamerika untersuchen und als neuen Interpretationsansatz in die Kulturforschung beider Regionen integrieren. Im Besonderen geht es ihnen darum zu präzisieren, welche Formen der Gesellschaft und welche Prozesse der Identitätsbildung es gibt, wie sich Schrift und Ritual als Träger des kulturellen Gedächtnisses bei der Herausbildung von kollektiver Identität zueinander verhalten und welchen Stellenwert das kulturelle Gedächtnis für eine Kultur besitzt.

Das Forschungsvorhaben verfolgt ein empirisches und ein theoretisches Ziel. Es sollen zum einen die kulturhistorisch unterschiedlichen Entwicklungen im Alten China und Mesoamerika aus der Erinnerungskultur im Hinblick auf die Wechselwirkung von Schrift und Ritual erklärt werden. Geographisch voneinander weit entfernt und mit keinem nachgewiesenen Kulturkontakt in der Geschichte, bilden das Alte China und Mesoamerika zweifelsohne ideale Untersuchungseinheiten für solch einen interkulturellen Vergleich. Zum anderen geht es um die Überprüfung der Theorie des kulturellen Gedächtnisses als Kulturerklärung und in Verbindung mit anderen Kulturtheorien um deren Weiterentwicklung zu einer kulturanthropologisch operationalisierbaren Theorie.

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Kontakt

Universität München
Department für Asienstudien
Dr. Xiaobing Wang-Riese
Telefon: 02 28/9 35 92 60
E-Mail: mariaxb@sina.com

Universität Bonn
Institut für Altamerikanistik und Ethnologie
Dr. Daniel Grana-Behrens
Telefon: 02 28/6 14 47 50
E-Mail: danielgranabehrens@web.de
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Der Text der Presseinformation steht im Internet zur Verfügung unter
http://www.volkswagenstiftung.de/presse-news/presse05/06042005.pdf

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Kontakt VolkswagenStiftung
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Christian Jung
Telefon: 05 11/83 81 - 380
E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de


Kontakt Förderinitiative der VolkswagenStiftung
Fachgebiete der Abteilung für Geistes- und Gesellschaftswissenschaften
Dr. Marcus Beiner
Telefon: 05 11/83 81 - 289
E-Mail: beiner@volkswagenstiftung.de

Fachgebiete der Abteilung für Natur- und Ingenieurwissenschaften, Medizin
Dr. Ulrike Bischler
Telefon: 05 11/83 81 - 350
E-Mail: bischler@volkswagenstiftung.de
Weitere Informationen: http://www.volkswagenstiftung.de/presse-news/presse05/06042005.pdf
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