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Kinder brauchen Flügel. "Papilio" beugt Sucht- und Gewaltverhalten schon im Kindergarten vor

25.04.2005 - (idw) Freie Universität Berlin

Lena kratzt Marcel, weil er nicht mit ihr spielen will, während Thomas auf Rudi einprügelt, weil der ihn nicht schaukeln lassen möchte. Jedes fünfte Kind im Kindergarten ist aggressiv oder verhaltensauffällig. Gewalt, das ist bewiesen, entsteht bereits in der frühen Kindheit. Genau wie die Sucht wird sie aber erst später sichtbar - dann, wenn es bereits zu spät ist, sie zu bekämpfen. Früh also sollte begonnen werden, die Neigung zu Gewalt und die Entwicklung von Suchtverhalten zu unterbinden, am besten schon im Kindergarten. Genau hier setzt das Projekt "PAPILIO" an, das das beta Institut in Augsburg in Kooperation mit der Freien Universität Berlin sowie den Universitäten Bremen und Augsburg entwickelt hat: ein pädagogisch-entwicklungspsychologisches Programm, in dem Erzieherinnen geschult werden, damit sie sozial-emotionale Kompetenzen und die Verhaltensentwicklung von Kleinkindern fördern können. Mit Unterstützung der Erzieherinnen sollen die Kinder die Fähigkeit entwickeln, mit ihren eigenen Bedürfnissen und Problemen umzugehen. Gleichzeitig werden die Eltern über die PAPILIO-Maßnahmen informiert und in Themen zur Sucht- und Gewaltprävention sensibilisiert. PAPILIO, der lateinische Name für Schmetterling, versinnbildlicht das, was das Sucht- und Gewaltpräventionsprogramm erreichen möchte: "Dass Kinder fröhlich und unbeschwert den Tag entdecken und neugierig all die Kompetenzen lernen, die es ihnen ermöglichen, sich zu einer selbstbewussten Persönlichkeit zu entfalten", erklärt der Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin (FU). Er ist an der Entwicklung und Etablierung des Programms beteiligt, das bei Kindern, Eltern und Erzieherinnen gleichzeitig ansetzt.

Erzieherinnen sind für Kinder wichtige Bezugspersonen. Sie kennen die Situation vor Ort, die individuellen Besonderheiten, und sie haben den Kontakt zu den Eltern. PAPILIO startet deshalb mit einer Fortbildung für Erzieherinnen. Dabei werden zunächst die neuesten Erkenntnisse zu Sucht, Gewalt und Vorbeugung vermittelt. Dann lernen die Erzieherinnen, wie sie die PAPILIO-Maßnahmen im Kindergarten einführen und die Eltern einbeziehen können. Ein wichtiger Bestandteil der Fortbildung ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Erziehungsverhalten in der direkten Interaktion mit dem Kind und der Gruppe. Auch die Eltern werden mit den PAPILIO-Maßnahmen vertraut gemacht. So können sie, genau wie die Erzieherinnen, gezielt auf die Kinder eingehen.

Im Kindergarten lernen die Kinder mit "Paula und die Kistenkobolde" vier wesentliche Gefühle kennen: Trauer, Zorn, Angst und Freude - personifiziert in Heulibold, Zornibold, Bibberbold und Freudibold. Sie lernen, über ihre eigenen Gefühle zu sprechen und auf die Gefühlslage anderer Kinder einzugehen. Beim "Spielzeug-macht-Ferien-Tag" lernen die Kinder, sich mit sich selbst und den anderen Kindern zu beschäftigen. "An diesen Tagen sollen die Kinder ohne Spielzeug kreativ spielen", sagt der FU-Psychologe. Dann gibt es noch das "Meins-deinsdeins-unser-Spiel". Dabei lernen die Kinder in der Gruppe spielerisch den Umgang mit sozialen Regeln. "Die Gruppe, die gewinnt, darf sich am Ende etwas wünschen, was aber allen Kindern zugute kommt - zum Beispiel eine bestimmte Geschichte vorgelesen zu bekommen oder gemeinsam einen Obstsalat zuzubereiten."

Im Kindergartenjahr 2003/2004 wurde das Modellprojekt in 50 Kindergartengruppen im Raum Augsburg durchgeführt und wissenschaftlich begleitet. Mit knapp 700 teilnehmenden Kindern ist das eine der größten Kindergartenstudien Deutschlands. Die Wissenschaftler haben die Kleinkinder in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe wurde mit den PAPILIO-Maßnahmen betreut, die andere Gruppe diente zunächst als Kontrollgruppe und hat zu einem späteren Zeitpunkt die Möglichkeit, PAPILIO zu durchlaufen. "Durch den Vergleich wollten wir herausfinden, ob und inwiefern sich das Verhalten der Kinder und ihre Kompetenzen verändern", erläutert Scheithauer das Vorgehen. Seit Ende des Studienjahres ist auch in der zweiten Gruppe PAPILIO eingeführt worden.

"Wir haben festgestellt, dass die Kinder durch PAPILIO längst nicht mehr so verhaltensauffällig sind wie vorher. Sie sind weniger aggressiv und auch das soziale Verhalten hat sich verbessert. Die Kinder sind durch die Maßnahmen gewillt zu teilen oder sie trösten ihre Spielgefährten, wenn sie traurig sind", fasst Herbert Scheithauer die ersten Befunde zusammen.

Bislang sind die Fragebögen von zwei Messzeitpunkten ausgewertet worden: Die erste Runde wurde unmittelbar vor Projektbeginn durchgeführt, die zweite acht Monate danach. Schon jetzt sind eindeutige Unterschiede zwischen den beiden Gruppen festzustellen. "Zwar haben alle Kinder ihr Sozialverhalten verbessert, aber bei der PAPILIO-Gruppe war die Steigerung viel deutlicher zu erkennen", meint Scheithauer. "Das war bei den Verhaltensauffälligkeiten genauso, zum Beispiel bei aggressivem Verhalten, Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsstörungen, die stärker in den PAPILIO-Gruppen zurückgingen." Dabei sei zu betonen, dass sich PAPILIO nicht explizit an verhaltensauffällige Kinder richte, sondern ein Programm für alle sei: "Schließlich wollen wir, dass jedes Kind seine Persönlichkeit entfalten und sich selbstbewusst entwickeln kann." Mit den endgültigen Ergebnissen rechnet Scheithauer bis zum Sommer 2005.

Nach der erfolgreichen Umsetzung in Augsburg und der positiven Evaluation wird PAPILIO bereits in anderen Bundesländern umgesetzt. "Das beta Institut schließt augenblicklich die Entwicklung einer standardisierten Trainerausbildung ab, die zukünftig bundesweit und darüber hinaus angeboten werden soll. Somit können auch Trainer aus Berlin qualifiziert werden, um dann interessierte Erzieherinnen im PAPILIO-Programm auszubilden und die Umsetzung vor Ort zu begleiten", sagt Heidrun Mayer, die das Gesamtprojekt am beta Institut leitet.

PAPILIO ist eine Corporate-Citizenship-Initiative, das heißt, es wurde mit Hilfe sozial verantwortlicher Unternehmen entwickelt und wissenschaftlich evaluiert. Die betapharm Arzneimittel GmbH Augsburg und die BMW Group sind Partner des Projekts, weitere Gelder kommen vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz. Eigens für PAPILIO hat die Augsburger Puppenkiste als Kooperationspartner ein Hörspiel und ein Marionettenstück zu "Paula und die Kistenkobolde" entwickelt.


Von Ilka Seer

Mehr im Internet unter:
http://www.papilio.de
http://www.papilio.de/aktuell_pressefotos.php

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Herbert Scheithauer, Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 838-56546, Mobil: 0171 / 707 22 70, E-Mail: hscheit@zedat.fu-berlin.de

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