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Ein kreativer Mecklenburger Theologe und seine Wirkungen

19.05.2005 - (idw) Universität Rostock

3. Sellin-Watzinger-Kolloquium an der Universität Rostock

Mecklenburg kann stolz sein auf viel mehr kreative "Landeskinder" als manche(r) denken mag. Das war schon in der Vergangenheit so. Professor Ernst Sellin, Pastorensohn aus Alt-Schwerin, war einer der ideenreichsten und tatkräftigsten Theologen der 1. Hälfte des 20.Jahrhunderts.
An den vor 60 Jahren Verstorbenen erinnert seit 2003 ein jährliches wissenschaftliches Kolloquium an der Universität Rostock. Professor Hermann Michael Niemann knüpft damit als einer der Nachfolger Sellins auf dem Lehrstuhl für Altes Testament an dessen Erbe an. Sellin erkannte als erster deutschsprachiger Alttestamentler, dass die Erforschung der Bibel wesentliche Impulse durch Ausgrabungen in Palästina/Israel erhält. Tatkräftig grub er die in der Bibel erwähnten Orte Taanach, Jericho und Sichem aus. Nach Sellins Tod 1946 brach die in anderen europäischen Ländern und den USA weiter blühende Biblische Archäologie in Rostock völlig und in Deutschland weitgehend ab. 50 Jahre nach Sellins Tod begann Professor Niemann in Israel zu graben und betreibt z. Zt. in Kooperation mit Dozent Dr. G. Lehmann von der Ben-Gurion-University of the Negev in Beer-Sheva (Israel) sein viertes biblisch-archäologisches Projekt. Die von Prof. Niemann initiierten Sellin-Watzinger-Kolloquien erinnern an Sellin und seinen klassisch-archäologischen Projekt-Partner Carl Watzinger. Sie sollen auch - wie bei jeder Ausgrabung - Wissenschaftler verschiedenster Bereiche, die sonst selten gemeinsam an einem Projekt arbeiten, zu fruchtbarem Austausch zusammenführen: Geisteswissenschaftler, z.B. Theologen und Historiker, Soziologen wie auch Technik- und Naturwissenschaftler, z.B. Bodenforscher und Astrophysiker, Chemiker, Zoologen und Architekten. Die Wissenschaftervielfalt im Ausgrabungsfeld wird in den Konferenzsaal verlegt.
In diesem Jahr gab Dr. Gunnar Lehmann (Beer-Sheva, Israel) einen Zwischenbericht von einer archäologischen Oberflächenuntersuchung, die er mit Prof. Niemann in der Küstenebene Südwestisraels, dem biblischen Land der Philister, seit einigen Jahren unternimmt. Der zweite Schwerpunkt der Konferenz lag im Bereich der Fachgebiete Neues Testament und Judentumskunde. Privatdozent Dr. Jürgen Zangenberg (Theologische Fakultät Tilburg/Niederlande) fasste die Siedlung Hirbet Qumran am Toten Meer ins Auge. Dort sollen, wie die Ausgräber und viele nach ihnen vermuteten, im 1.Jh. vor bis 1.Jh. nach Chr. Angehörige der sich von der offiziellen jüdischen Religion am Jerusalemer Tempel trennenden sog. "Essener" gelebt haben, eine zurückgezogene "religiöse Siedlung". Im Jahre 68 nach Chr. wurde Qumran von den Römern zerstört. Vorher versteckten die Essener ihre heute weltberühmten Schriftrollen mit biblischen und außerbiblischen Texten in Höhlen nahe Qumran. Sie wurden ab 1947 wieder entdeckt. Dr. Zangenberg widersprach diesem Bild. Die gesamte Region zwischen Jerusalem, Jericho und Hirbet Qumran war im herodianischen Zeitalter keineswegs eine abgelegene, arme Region, geeignet für vom Jerusalemer Tempelkult abtrünnige Separatisten. Im archäologischen Befund von Qumran spricht nichts dafür, dass dies eine "religiöse Siedlung" von Essenern war. Aber wie verhalten sich dazu die nahe dieser Siedlung versteckten Schriftrollen? In ihnen gibt es keine Belege, dass ausgerechnet Qumran eine Siedlung der Essener und Produktionsort der berühmten Rollen war. Der Zusammenhang der Siedlung und der Schriftrollen bleibt vorerst unklar. Der überragenden Bedeutung der Rollen tut dies keinerlei Abbruch.


Dr. Jobst Bösenecker
Theologische Fakultät der Universität Rostock,
Lehrstuhl Altes Testament und Biblische Archäologie
jobst.boesenecker@uni-rostock.de

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