Palästinenser sollen die materielle Hinterlassenschaft ihres Landes kennen

06.10.2005 - (idw) Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Mainzer Archäologe will Sachkenntnis und Verständnis für die Kulturgüter unter den Palästinensern fördern (Mainz, 6. Oktober 2005) Unter dem Thema "Palästinenser lernen zusammen mit Deutschen ihr Land und damit ihre Geschichte besser kennen" findet in der Woche vom 16. bis 22. Oktober 2005 in der Abrahams Herberge in Beit Jala nahe Bethlehem ein Pilotprojekt des Fördervereins dieser Begegnungsstätte statt. Die fachliche Leitung hat der Inhaber des Lehrstuhls für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Zwickel. Während dieser Woche werden zehn Palästinenser aus Beit Jala zusammen mit fünf Deutschen in die Grundfragen der Archäologie eingeführt und erhalten anschließend in mehreren Exkursionen die Gelegenheit, dieses erworbene Wissen an konkreten Orten in ihrer Region anzuwenden.

"Es ist notwendig, dass auch unter den Palästinensern die Sachkenntnis und das Verständnis für das kulturelle Erbe stärker verbreitet werden", meint Prof. Zwickel. "Wenn sich der Friedensprozess fortsetzt, haben palästinensische Raubgräber wieder unbeschränkten Zugang zu den Antikenhändlern in Jerusalem. Und dann besteht die Gefahr, dass viele wichtige antike Stätten durch Raubgrabungen völlig zerstört werden." In der Schulungswoche soll daher ein Verständnis für die Geschichte des Landes und für die Besonderheit der hier verborgenen archäologischen Güter geschaffen werden.

Wohl kein Land ist inzwischen archäologisch so intensiv erforscht wie das Gebiet Israels. In den besetzten Gebieten in der Westbank und im Gazastreifen gab es dagegen in den letzten Jahrzehnten kaum intensivere Grabungstätigkeiten. Durch die neuerliche Intifada fanden auch einige wenige Projekte, die zwischenzeitlich begonnen wurden, schnell wieder ein Ende. So konnte auch eine Grabung in Bir Zeit in der Westbank, die das Institut von Prof. Zwickel im Jahr 2000 durchgeführt hat, nicht fortgesetzt werden. Ein Großteil der Antiquitäten, die in den Antikenläden Jerusalems und Bethlehems an Touristen verkauft werden, stammt aus Raubgrabungen in der Westbank. Dadurch verdienen sich die Bewohner oft ein bescheidenes Zubrot, zerstören aber auch alle archäologisch verwertbaren Fundsituationen. Es ist daher das Ziel von Prof. Zwickel, durch Schulung ein Verständnis für die kulturelle Bedeutung des Landes unter den Palästinensern zu schaffen und damit Raubgrabungen in der Zukunft wennschon nicht zu verhindern, dann aber zu verringern.

Die Abrahams Herberge, die zur evangelischen Kirchengemeinde in Beit Jala bei Bethlehem gehört, ist ein Gästehaus, das der Versöhnung zwischen Palästinensern und Israelis, zwischen Juden, Christen und Moslems dienen soll. Da zurzeit Begegnungen zwischen Palästinensern und Israelis in diesem Haus aus sicherheitspolitischen Gründen unmöglich sind, ist das Haus bemüht, den Palästinensern selbst Hilfestellungen für ihr eigenes Leben zu geben. Das schließt ein Wissen um die eigene Geschichte und die des eigenen Landes ein. Der Vorsitzende des Fördervereins, Pfarrer Peter Keller, hat die Gesamtleitung dieses Projektes zusammen mit dem Ortspfarrer, Herrn Jadallah Shihade, übernommen, der in Deutschland studiert hat und seinen Landsleuten in diesen Tagen auch als Übersetzer dienen kann. Das Pilotprojekt wird von dem deutschen Förderverein der Abrahams Herberge finanziert.

Kontakt und Informationen:
Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Zwickel,
Seminar für Altes Testament und Biblische Archäologie
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel. 06131 39-20753
E-Mail: zwickel@uni-mainz.de