Blind für die Bedeutung der Prävention

24.10.2005 - (idw) Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Leere Kassen, zunehmende chronische Erkrankungen, Ärztemangel, Brain drain - das Gesundheitsszenario in Deutschland ist bekannt. Bekannt ist auch, dass Deutschland nach den USA zweitwichtigste Anbieter-Nation auf dem globalen Medizintechnik-Markt ist, dass nicht etwa genetische Prädisposition oder andere Faktoren, sondern der Lebensstil der größte Verursacher von Krankheiten ist und dass Risiken erkannt werden können, lange bevor Symptome überhaupt spürbar werden. Nicht bekannt ist, wann die notwendigen Schritte der Politik für ein übergreifendes Netzwerk gemacht werden, die individuelle Interessen von Lobbyisten ablösen und ein funktionierendes System zum Wohl der Gemeinschaft aufbauen.

Ein kollabierendes Gesundheitssystem steht revolutionären Diagnostik- und Behandlungsmethoden gegenüber. Wie groß das Potenzial ist, zeigte "High Tech in Medicine", ein neuer Medizintechnik-Kongress, der am 19. und 20. Oktober im Haus der Technik in Essen stattfand. In medizinischen Spitzenzentren wie dem Mülheimer Radiologie Institut (MRI) können u.a. Herzinfarktrisiken mit bildgebenden Verfahren acht bis zehn Jahre vor einem möglichen Ereignis erkannt werden. Die räumliche Auflösung des 64-Zeilen Computertomographen von 0,4 mm erlaubt die genaue Berechnung des Koronarkalks und erstmals auch die Identifizierung weicher Fettablagerungen. Im fortgeschrittenen Stadium einer koronaren Herzerkrankung werden im Herzzentrum Essen Herzklappen minimal invasiv eingesetzt und Gefäßstenosen mit Stents aus Magnesium therapiert, die sich nach wenigen Wochen selbst auflösen.
Über morphologische Ansätze hinaus gewinnt die molekulare Bildgebung einen immer größeren Stellenwert. An der Klinik für Nuklearmedizin der Universität Münster werden biochemische Prozesse von Mäusen mit Radiopharmaka auf zellulärer Ebene sichtbar gemacht. Stoffwechselvorgänge, Rezeptoren oder neuronale Transportvorgänge im Organismus können dargestellt werden und liefern wichtige Informationen u.a. über die Beurteilung und den Verlauf koronarer Herzkrankheiten.

In der Schlaganfallprophylaxe bietet das Klinikum Duisburg unter der Leitung von Prof. Friedhelm Brassel mit neurointerventionellen Verfahren eine schonende Alternative zu operativen Eingriffen - insbesondere bei Gefäßerkrankungen, die neurochirurgisch nur schwer erreichbar sind. Gefäßreiche Hirntumore, Gefäßkurzschlüsse zwischen Hirnarterien und -venen, Gefäßaussackungen sowie Gefäßstenosen werden minimal invasiv behandelt. Voraussetzung für diese Methoden sind auch hier modernste bildgebende Verfahren wie die angiographische CT. Die Entwicklung zahlreicher Geräte geht zurück auf Prof. Dr. Willi Kalender von der Universität Erlangen, der dafür bereits für den Nobelpreis vorgeschlagen wurde.

"Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ist es eine Schande, dass hierzulande noch immer 39.000 Menschen jedes Jahr an Dickdarmkrebs sterben, obwohl wir Polypen schon ab einer Größe von 2 mm erkennen. 90 Prozent aller Patienten könnten gerettet werden", resümiert Kongresspräsident Prof. Rainer Seibel vom Mülheimer Radiologie Institut. Gleiches gilt für den Brustkrebs, der Domäne von Prof. Werner Alois Kaiser, Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Jenaer Uni-Klinikum. Die Magnetresonanz-(MR)-Mammographie ist derzeit die einzige Diagnose-Methode, mit der bereits 3mm-große Mammakarzinome nachgewiesen werden können. Gleichzeitig können Tumore bei sinnvoller Auswahl der diagnostischen Modalitäten mit einer 99-prozentigen Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen und zahlreiche unnötige Brustoperationen und -amputationen verhindert werden.
Das Gesundheitssystem gibt jedes Jahr 2.700 Euro für kurative Maßnahmen aus, aber nur 2,70 Euro für Prävention, weil zu kurz gedacht wird. Wie es besser funktioniert, zeigt Japan. Hier gehören Full-Body-Checks mit CT, MRT und Ultraschall zu Routineuntersuchungen für die breite Bevölkerung. Die Folge: 25.000 Menschen in Japan sind über 100 Jahre alt, die Pro-Kopf-Belastung für Gesundheitsausgaben mit etwa 1.400 Euro ist aber nur halb so hoch wie in Deutschland.

Damit nicht nur der Mensch, sondern auch das Gesundheitssystem in Deutschland überlebt, muss Prävention zur obersten Priorität werden. Auf administrativer Ebene führt kein Weg an der Digitalisierung der Krankenhäuser, der Vernetzung von Kliniken und niedergelassenen Ärzten und dem weiteren Ausbau von Kompetenzzentren vorbei. Notwendig ist aber auch der intensive Austausch von Klinikern und Politikern - nicht nur auf Kongressen wie "High Tech in Medicine".
Vorreiter für ein interdisziplinäres Netzwerk ist acatech. Der Konvent der Technikwissenschaften vereint 250 Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft, um aktuelle Fragestellungen interdisziplinär zu beantworten und auf politischer Ebene zu verankern.

Ansprechpartnerin:
Silke Wiedemann
Mülheimer Radiologie Institut
Schulstraße 10
45468 Mülheim an der Ruhr
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