... und wer passt auf die Kinder der Dienstmädchen auf?

23.05.2006 - (idw) Forschungsverbund Berichterstattung zur sozio-ökonomischen Entwicklung in Deutschland: Arbeit und Lebensweisen - soeb.de

Haushalte in der sozioökonomischen Berichterstattung

In Deutschland sind Kinderbetreuung, Altenpflege und Hausarbeit weitgehend Privatsache - anders als in vielen anderen Ländern, die stärker auf einen Mix aus privaten und öffentlichen Leistungen bauen. Dieser "deutsche Sonderweg" beeinträchtigt die Erwerbschancen von Frauen und erhöht das Armutsrisiko von Familien. Es liegt nahe, solche "haushaltsbezogenen Dienstleistungen" auszulagern - entweder durch verstärkte öffentliche Angebote oder indem man auf den Markt setzt. Die zweite Lösung aber bedeutet mehr soziale Spaltung - denn woher sollten "Dienstmädchen" dann ihrerseits das Geld für Kinderbetreuung nehmen? Fragen dieser Art wurden bei einem aktuellen Werkstattgespräch über "Arbeit und Lebensweise im Spiegel der Haushaltsökonomie" diskutiert. Das fünfte Werkstattgespräch des Forschungsverbundes Sozioökonomische Berichterstattung (soeb.de) in Göttingen am 16./17. Mai 2006 konzentrierte sich auf Daten und Befunde zu Haushalten und Familien. Denn dort werden unterschiedliche Lebenslagen bewältigt, dort zeigt sich soziale Ungleichheit, etwa an Einkommen, Konsumchancen, Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben - und nur dort kann man die Auswirkungen von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen auf die Menschen beobachten. Aber Haushalte gestalten Gesellschaft auch: Hier werden zentrale gesellschaftliche Leistungen erbracht, von der Kinderbetreuung bis zur Altenpflege, hier müssen die Menschen täglich Erwerbsarbeit und "Leben" ausbalancieren, hier wird Beschäftigung generiert (Putzfrauen, Babysitting usw.), oft in einem statistisch schwer einsehbaren "Graubereich".

Um Haushalte als sozioökonomische Akteure besser beobachten zu können, sind qualitative und fallbezogene Untersuchungen unerlässlich - so ein Ergebnis des Werkstattgesprächs. Dafür spricht schon die zunehmende Differenzierung von Haushalten im gesellschaftlichen Umbruch - Aussagen über das "Durchschnittseinkommen" oder den "durchschnittlichen Konsum" sagen immer weniger über die Wirklichkeit aus. So sind zum Beispiel regionale Vergleiche, insbesondere Vergleiche von Stadt und Land (etwa was Kinderbetreuung angeht), dringend erforderlich.

Beiträge des Deutschen Instituts für Jugendforschung und des Deutschen Zentrums für Altersfragen zeigten soziale Spaltungstendenzen sowohl bei den Lebenschancen der Kinder als auch bei der Betreuung von alten Menschen. Dabei ist zu beachten, dass gerade Ältere auch erhebliche Leistungen erbringen. Besonders bei der Kinderbetreuung sind Familien in Deutschland oft auf die Unterstützung der Großeltern angewiesen; internationale Vergleiche zeigen, dass diese Aufgaben in Deutschland in ungewöhnlich hohem Maß privat organisiert werden müssen.

Lebhaft diskutiert wurde über die Möglichkeiten, die durch Auslagerung von "haushaltsbezogenen Dienstleistungen" entstehen. An die "Außenvergabe" von Haus-, Pflege- und Sorgearbeit wird in der öffentliche Diskussion z.T. die Hoffnung geknüpft, gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, nämlich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern und zugleich neue Jobs zu schaffen. Die Diskussion mit Expert/inn/en zeigte freilich, dass die Ergebnisse stark davon abhängen dürften, wie das geschieht: Müssen die Familien solche Dienstleistungen auf dem Markt "einkaufen", so ist die Folge eine starke Polarisierung. Nur gut verdienende Haushalte können sich so etwas leisten, und die entstehenden Arbeitsverhältnisse sind relativ schlecht bezahlt. Die Alternative wären öffentlich finanzierte Dienstleistungen, die solche Spaltungen vermeiden.

Ein bemerkenswertes Ergebnis aus der bisherigen sozioökonomischen Berichterstattung: Das größte Armutsrisiko haben Familien, in denen wenigstens ein Partner nicht oder nur geringfügig erwerbstätig ist. Dazu gehören auch Ein-Ernährer-Familien, die somit deutlich "armutsgefährdeter" leben als solche, bei denen beide Partner mehr als nur geringfügig arbeiten.

Die Werkstattgespräche sind Teil der Arbeiten am zweiten Bericht zur sozioökonomischen Berichterstattung Deutschland, der für Spätsommer 2008 vorgesehen ist. Ein erster Bericht ist im Jahre 2005 in Buchform erschienen. Der Forschungsverbund, an dem das SOFI Göttingen, das ISF München, das INIFES Stadtbergen und das Thünen-Institut Bollewick beteiligt sind, wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und vom Projektträger in der GSF betreut.

Wegen Rückfragen und weiterer Informationen wenden Sie sich bitte jederzeit an den Pressesprecher des Forschungsverbundes, Frank Seiß, ISF München, Tel. 089/272921-78, frank.seiss@isf-muenchen.de
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