"Hallo, und herzlich willkommen"

07.08.2006 - (idw) Private Universität Witten/Herdecke gGmbH

"Forschungsoffensive", Teil 3: Eine musiktherapeutische Studie in Kooperation mit der Universität Witten/Herdecke zeigt, wie Begrüßungslieder Kindern mit Autismus den Start in den Tag erleichtern Jeder kennt es aus eigener Erfahrung: Wenn man morgens freundlich empfangen wird, gelingt der Start in den Tag umso besser. Das gilt nicht nur für Erwachsene, sondern auch und gerade für Kinder. Besonders aber Kindern mit Autismus fällt es schwer, sich auf eine neue Umgebung und immer neue Situationen einzustellen. Selbst wenn es der tägliche Gang in den Kindergarten ist. Ein Begrüßungslied kann hier beachtliche Wirkungen haben. Die Musiktherapeutin Dr. Petra Kern, die an der Universität Witten/Herdecke promoviert hat, zeigt in einer Studie, wie "Morning Greeting Songs" den Beginn des Kindergartentages und seinen weiteren Verlauf für alle Beteiligten positiv beeinflussen.

Die Studie von Petra Kern entstand als Teil ihrer Promotion am Wittener Lehrstuhl für Qualitative Forschung in der Medizin unter Betreuung von Prof. Dr. David Aldridge. Kooperationspartner war die University of North Carolina at Chapel Hill. In Chapel Hill arbeitet die Musiktherapeutin am Frank Porter Graham Child Development Institute, einer interdisziplinären Einrichtung besonders zur Frühförderung von Kindern. Auch die konkreten Forschungsarbeiten wurden in den USA durchgeführt. Dort sind integrative Kindergärten, in denen behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam betreut werden, die Regel.

Im Rahmen ihrer Untersuchung erforschte Petra Kern in enger Zusammenarbeit mit Eltern und Erzieherinnen die Wirksamkeit individuell komponierter Lieder bei zwei dreijährigen Kindern mit Autismus. Phillip und Ben weigerten sich, den Gruppenraum zu betreten, liefen weg oder schrieen bei der morgendlichen Ankunft in der Kindertagesstätte. Beide Kinder hatten große Mühe, die Begrüßungsgesten und Worte der anderen Kinder und der Erzieherinnen zu verstehen und mit ihnen in positiven Kontakt zu treten. "Nach zehn Monaten waren Eltern und Erzieherinnen ziemlich frustriert. Einige Kinder hatten sogar Angst vor Phillip oder einfach kein Interesse mehr, mit Ben zu spielen", erinnert sich Kern.

In dem Kindergarten war eine so genannte "Morning Greeting Routine" - ein fester Ablauf zum Beginn des Tages - für alle Kinder üblich. Die Kinder begrüßten die Erzieherin und die anderen Kinder, verabschiedeten sich von den Eltern und gingen zu ihren bevorzugten Spielsachen. Die neuen Begrüßungslieder, geschrieben und komponiert von Petra Kern, orientierten sich an diesem Ablauf. Die Erzieherinnen sangen die Lieder, um Phillip oder Ben willkommen zu heißen und durch den Begrüßungsablauf zu geleiten. Petra Kern: "Phillip und Ben lernten über ihr individuelles Lied, die anderen Kinder und Erzieherinnen per Namen oder Austausch eines Bildsymbols zu begrüßen, in positive soziale Interaktion zu treten und sich sinnvoll zu beschäftigen, nachdem die Eltern sich von ihnen verabschiedet hatten."

Die problematischen Verhaltensweisen traten nach kurzer Zeit kaum oder gar nicht mehr auf. Die Mutter eines Kindes aus Phillips Gruppe berichtete, vor der Studie habe ihr Kind sich von Phillips unangemessenem Verhalten zur Begrüßungszeit eingeschüchtert gefühlt. Sobald das Lied eingeführt war, hatte ihr Kind es morgens eilig, rechtzeitig zur Kindertagesstätte zu kommen, um an Phillips Begrüßung teilnehmen zu können. Auch Bens Verhalten wurde von den Kindern positiv kommentiert; es hieß zum Beispiel: "Er weint nicht mehr!" oder "Das hat er gut gemacht!"

Die Ergebnisse zeigen auch die Effektivität eines musiktherapeutischen Ansatzes, bei dem verschiedene betreuende und pädagogische Berufsgruppen zusammenarbeiten. Musiktherapeutische Interventionen lassen sich in normalen Gruppenaktivitäten und routinemäßigen Tagesabläufen mit Unterstützung von qualifizierten Musiktherapeuten erfolgreich einbauen und entsprechen damit den derzeitigen amerikanischen "Best Practice"-Richtlinien in der Frühförderung. Die Studie wurde zur Publikation in dem renommierten amerikanischen "Journal of Autism and Devlopmental Disorders", angenommen und wird demnächst im wissenschaftlichen Fachverlag Springer erscheinen. (Kern, P., Wolery, M., & Aldridge, D.: Use of songs to promote independence in morning greeting routines for young children with autism)

Das Morning Greeting-Projekt gehört zu einer Reihe von experimentellen Fallstudien, in denen Petra Kern die therapeutische Wirksamkeit von Liedern untersuchte. Ihre Studie zu interaktiven, musikalischen Spielplätzen für Kinder mit Autismus stieß in den USA auf großes Interesse und wurde inzwischen in Schulen in Michigan und New York in die Praxis umgesetzt.

Weitere Informationen:
Dr. Petra Kern, z. Zt. Santa Barbara, California
Tel. +1 805 899 1257, PetraKern@prodigy.net