Die besten Lieder meines Lebens

01.09.2006 - (idw) Private Universität Witten/Herdecke gGmbH

"Forschungsoffensive", Teil 10: Der Wittener Professor David Aldridge untersucht in seinem internationalen Forschungsprojekt "My Top Ten" die Erinnerungen an Songs und Musikstücke Schade, dass diese Pressemitteilung nicht mit Musik beginnen kann. Zum Beispiel mit "In My Life" von den Beatles. "There are places I'll remember all my life", heißt es in diesem Song. "An manche Plätze erinnere ich mich mein ganzes Leben." Doch nicht nur Orte bleiben für immer im Gedächtnis, auch Lieder und Musikstücke sind oft ein ganzes Leben lang präsent. Welche Stücke auch nach Jahrzehnten noch im Ohr klingen, und welche Erinnerungen damit verbunden sind, will das internationale Forschungsprojekt "My Top Ten" untersuchen. Initiiert wurde es von Prof. Dr. David Aldridge, Lehrstuhlinhaber für Qualitative Forschung in der Medizin an der Universität Witten/Herdecke und Co-Direktor des musiktherapeutischen Nordoff-Robbins Zentrums Witten.

Bei seinem Projekt kooperiert Prof. Aldridge mit dem Institut für Musiktherapie der Universität Witten/Herdecke und mit Universitäten im finnischen Jyväskylä, in Barcelona und in Bradford. An der University of Bradford lehrt Aldridge, der selbst gebürtiger Engländer ist, als ständiger Gastprofessor für kreative Kunsttherapien. "Erinnerung gilt als wichtiger Faktor bei verschiedenen Therapien, und das My Top Ten-Projekt untersucht schwerpunktmäßig musikalische Erinnerungen", so Aldridge. Bei der internationalen Studie werden Menschen im Alter ab 60 Jahren nach den wichtigsten Liedern oder Musikstücken in ihrem Leben gefragt. Die Ergebnisse sollen auch in die musiktherapeutische Praxis einfließen - zum Beispiel in Form von kommentierten Musiksammlungen, die sich für die therapeutische Arbeit mit älteren Menschen, meist Demenzerkrankten, eignen.

Die Datenerhebung geschieht bewusst im Dialog der Generationen. Junge sprechen mit Älteren über deren musikalische Erinnerungen. Mit der Verbreitung des Musikfernsehens entsteht immer mehr ein globaler Mainstream. Landes- oder regionaltypische Musik droht dagegen in Vergessenheit zu geraten. Im Rahmen der Top Ten-Studie können junge Menschen auch etwas über ihre eigene Kultur erfahren, indem sie sich für die Musikerfahrungen vorausgehender Altersgruppen interessieren.

Bisher haben sich schon Oberstufenschüler in England auf die musikalische Spurensuche begeben. In Japan befragen Studierende einer Musikhochschule ihre Großelterngeneration. Und an der Universität Witten/Herdecke hat jetzt eine Musiktherapeutin ihre Diplomarbeit zur Fragestellung des Top Ten-Projekts geschrieben. Für die Wittener Studie wurden Bewohner von Altenheimen der Umgebung interviewt. Die Ergebnisse erscheinen zum Teil verblüffend. Wie auch in anderen Forschungen belegt, verbinden viele der heutigen Senioren Musik vor allem mit einem Gemeinschaftserlebnis. Es wurde zusammen gesungen und musiziert, zu Weihnachten, bei Hochzeiten, Geburtstagen oder anderen Festen im Freundes- und Familienkreis. Die Frage nach konkreten Lieblingsliedern blieb jedoch weitgehend unbeantwortet.

Die Befragten nannten Gattungen von Musik, meist Volkslieder, ohne sich auf Favoriten festlegen zu wollen. "Wahrscheinlich ist es doch eine relativ junge Entwicklung, in Kategorien wie Lieblingssongs zu denken", meint David Aldridge. "Die jetzt über 70- oder 80-Jährigen sind nicht mit Hitlisten, Charts oder Verkaufsrankings aufgewachsen." In der Tat zeigen die laufenden Studien, die David Aldridge von Witten aus koordiniert, dass eher die jüngeren Senioren explizite Lieblingslieder haben. Aber auch hier werden neben einzelnen Songs besonders Musikstile und Interpreten herausgehoben. In Japan zum Beispiel mögen die Erwachsenen fortgeschrittenen Alters neben der traditionellen Musik vor allem die Beatles.

Das Forschungsprojekt My Top Ten, das im Dialog der Generationen musikalische Biographien erfasst, steht gerade erst am Anfang. Die Ergebnisse der stetig wachsenden Anzahl von Studien und Befragungen sollen wissenschaftlich aufbereitet und dann im Internet dokumentiert werden. Eine entsprechende Website wird voraussichtlich im November freigeschaltet. Ob es "In My Life" von den Beatles in die Top Ten-Liste schafft, wird sich zeigen. Dass jedoch manche Orte gerade deshalb ein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben, weil die Musik Erinnerungen weckt, scheint schon jetzt festzustehen. David Aldridge zum Beispiel denkt immer wieder gerne, wenn auch mit einem Hauch schlechtem Gewissen, an dieses Café in Nuneaton in Mittelengland, wenn er "Only the Lonely" von Roy Orbison hört. "Ich war 14 Jahre alt. Das Lied lief in der Jukebox. Mein Freund John und ich saßen in dem Café, in dem wir das Geld ausgaben, das wir eigentlich für das Mittagessen in der Schule bekommen hatten."

Weitere Informationen:
Prof. Dr. David Aldridge, 02302/926-774, davida@uni-wh.de;
oder: 02302/282470, davida@musictherapyworld.net

Ein Foto zu dieser Pressemitteilung in 300 dpi können Sie herunterladen unter:
www.uni-wh.de/presse > Foto aktuelle Pressebilder