Wie Sprache Antisemitismus transportiert

06.06.2007 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Forschungsprojekt zum aktuellen Antisemitismus an der Universität Jena gestartet Jena (06.06.07) "Ihr seid keine Deutschen - geht nach Israel". Nicht immer ist es so einfach, antisemitische Tendenzen zu erkennen, wie in diesem Zitat eines - nicht anonymen - Briefes. Oft sind die Formulierungen vager, die Sätze weniger deutlich. Doch Antisemitismus wird sprachlich häufiger befördert als vielen - mal mehr, mal weniger - bewusst ist.

"Antisemitismus wird primär über Sprache transportiert", sagt Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Wie er sich zurzeit verbal zu erkennen gibt bzw. in und hinter Worten verbirgt, das untersucht die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin mit ihrem Team in einem neuen Forschungsprojekt. Das gerade gestartete Vorhaben "Konzeptualisierungs- und Verbalisierungsformen des aktuellen Antisemitismus in Deutschland" wird zunächst für zwei Jahre von der Brandeis University in den USA mit 100.000 US-Dollar gefördert. "Es ist das erste Mal, dass sich das renommierte Sarnat-Institut der Brandeis University an einem Forschungsprojekt in Deutschland beteiligt und dieses zudem finanziell fördert", freut sich Schwarz-Friesel über die damit verbundene Anerkennung.

Die Forscher von der Jenaer Universität werden textwissenschaftliche Analysen durchführen. Dabei wollen sie die kognitiven Stereotype aufzeigen, die den aktuellen Antisemitismus in Deutschland kennzeichnen. Außerdem "wollen wir die Verbalmanifestationen und argumentativen Strategien beschreiben und in ihrem historischen Kontext erklären", benennt die Germanistin die Ziele.

Es geht um die seit einigen Jahren intensiv diskutierte Frage, ob sich ein ,neuer' Antisemitismus in Deutschland entwickelt hat. Schwarz-Friesel geht davon aus, dass es "eher ein alt-neuer" ist. Relativ modern sei, dass der Antisemitismus nun oft getarnt als Antiisraelismus daherkomme. Doch sie weiß aus zahlreichen Vorstudien zu diesem Thema, dass viele Stereotype, die teilweise noch aus dem Mittelalter stammen wie der "wuchernde oder geizige Jude", weiterleben. Außerdem wird in Deutschland oft ein Vokabular aus der Zeit des Nationalsozialismus weiter genutzt.

Welche argumentative Strategien moderne Antisemiten benutzen, untersuchen die Jenaer Forscher in dem neuen Projekt, das in Kooperation mit dem Sarnat-Institut und mit Forschern von der Hebrew University of Jerusalem bearbeitet wird. Analysiert werden dafür ca. 5.000 Briefe und E-Mails aus den Jahren 2004-2007, die an den Zentralrat der Juden in Deutschland sowie die israelische Botschaft in Berlin gesandt wurden. Dabei wurde keine Vorauswahl getroffen, sondern die eingegangenen Briefe werden neutral bearbeitet - sie weisen jedoch deutliche Tendenzen auf. "Dennoch sind die wenigsten dieser Briefe anonym", sagt die Jenaer Wissenschaftlerin. Bereits eine erste Sichtung der Texte zeigte, "dass die Schreiber nicht vom Rand der Gesellschaft kommen", so Prof. Schwarz-Friesel. Die Absender sind überwiegend Deutsche, so die Forscherin, und "stammen aus der ,Mitte' Deutschlands" - weder aus sozialen noch politischen Randgruppen. Die Textanalysen, an deren Veröffentlichung bereits internationale Verlage Interesse bekundet haben, sollen aufzeigen, mit welchen Sprachformen Antisemitismus explizit und implizit ausgedrückt wird.

Vortragsreihe "Antisemitismus heute"

Zum Thema "Antisemitismus heute" findet ab dem 11. Juni auch eine Vortragsreihe an der Friedrich-Schiller-Universität in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung statt - jeweils 18.15 Uhr im Hörsaal 8 des Uni-Campus (Carl-Zeiß-Str. 3). Am 18. Juni spricht Prof. Schwarz-Friesel über ihr aktuelles Projekt. Weitere Termine: 19. Juni (Hörsaal 6) und 2. Juli (Hörsaal 8). Die Vorträge mit Diskussion sind öffentlich.

Kontakt:
Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel
Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Universität Jena
Fürstengraben 30
07743 Jena
Tel.: 03641 / 944325
E-Mail: monika.schwarz[at]uni-jena.de