Fibromyalgie: Vorher wissen, welche Therapie wirkt: Förderpreis für Schmerzforschung an Mannheimer Forscher

25.10.2007 - (idw) Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS)

Wenn der Ehepartner sehr mitleidet, viele Arztbesuche und starke körperliche Probleme an der Tagesordnung sind, profitieren Fibromyalgie-Patienten besonders gut von einer operanten Verhaltenstherapie. Ist der Ehepartner eher zurückhaltend und leidet der Patient an gefühlsmäßigen Verstimmungen, hilft eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung besser. Diese Vorhersagen lassen sich aufgrund einer Studie treffen, die Forscher um PD Dr. Kati Thieme (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim) in Berlin und Seattle durchführten. Für ihre Studie wurden die Wissenschaftler beim Deutschen Schmerzkongress in Berlin mit dem mit 3.500 Euro dotierten zweiten Preis der Kategorie Klinische Forschung des Förderpreises für Schmerzforschung 2007 ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich vergeben von der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. Stifterin ist die Grünenthal GmbH (Aachen). Alles tut weh

Fibromyalgiepatienten tut alles weh. Sie leiden an dauernden Schmerzen im ganzen Körper, die die alltäglichen Aktivitäten einschränken. Typisch sind außerdem mehrere über den Körper verteilte schmerzhafte Druckpunkte. Multidisziplinäre Therapien mit psychologischem Anteil sind Erfolg versprechend - aber nicht jeder Patient spricht auf jede Therapieform an. Um herauszufinden, welche Therapie sich für wen am besten eignet, teilten die Forscher 125 verheiratete Fibromyalgie-Patientinnen zufällig drei Gruppen zu, die sich jeweils in Fünfergruppen 15mal zu zweistündigen Sitzungen mit Psychologen trafen, begleitet durch ambulante rheumatologische Behandlung.

Verhalten oder Gedanken verändern

Die erste Gruppe erhielt eine operant-verhaltenstherapeutische Behandlung (OVT). Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die Patientinnen sich gezielt Verhaltensweisen abgewöhnen, die mit dem Schmerz in Verbindung stehen. Mittels Videoaufzeichnungen und Feedback aus der Therapiegruppe wird Schmerzverhalten aufgedeckt und sanktioniert, während "gesundes" Verhalten belohnt wird. Dazu gehört, dass die Patientinnen ihre Schmerzmitteldosen senken und körperlich aktiver werden. Die Probandinnen der zweiten Gruppe erhielten eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung (KVT), die darauf zielt, Gedanken rund um den Schmerz abzubauen, effektivere Problemlösungsstrategien zu entwickeln und Entspannung zu finden. Auch sie sollten sich mehr bewegen und weniger Medikamente einnehmen. Außerdem bekamen sie wöchentlich Hausaufgaben zu erledigen. Die dritte Gruppe diente der Kontrolle und sollte während der Sitzungen frei über ihre Probleme diskutieren.

Die eine Hälfte profitiert

Ein Jahr nach dem Ende der Therapie berichteten von der OVT-Gruppe 53,5% der Patientinnen über eine Schmerzverminderung von mindestens 50%. Parallel dazu konnten 58,1% die durch die Schmerzen hervorgerufenen Beeinträchtigungen um mehr als 50% abbauen. In der KVT-Gruppe hatten 45,2% der Patienten weniger Schmerzen und 38,1% gelang es, die schmerzbedingte Beeinträchtigung abzubauen. In der Kontrollgruppe hatte sich die Schmerzintensität nur bei 5% verringert und nur 7% berichteten über weniger Beeinträchtigungen.

Was Responder von Non-Respondern unterscheidet

Die Therapien halfen also jeweils etwa der Hälfte der Patientinnen. - "Was unterscheidet diese sog. Responder von den anderen?", fragten sich die Forscher. Es zeigte sich, dass von der OVT besonders diejenigen profitiert hatten, die vor der Therapie besonders ausgeprägtes Schmerzverhalten und physische Beeinträchtigungen gezeigt hatten, deren Partner sehr mitlitten, die oft zum Arzt gegangen waren und ihre Krankheit katastrophisiert hatten. Auf die KVT-Behandlung sprachen besonders diejenigen an, die geringeres Schmerzverhalten, dafür aber verstärkte Verstimmungen und weniger aktive Krankheitsverarbeitung vor der Therapie aufwiesen und deren Partner ihnen weniger Ablenkung und Zuwendung schenkten.

Charakteristik vor der Therapie ermitteln

"Diese Ergebnisse zeigen, dass die Charakteristik von Patienten entscheidenden Einfluss darauf hat, auf welche Therapieform sie ansprechen", so Dr. Thieme. "Diese diagnostischen Informationen sollten vor der Therapie erhoben werden, um die effektivste Behandlung für den Patienten auswählen zu können."

Ansprechpartner

PD Dr. Kati Thieme, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Quadrat J5, 68159 Mannheim, Tel. 0621/1703-6339, E-Mail: kati.thieme@zi-mannheim.de