Von Samt und Seide zur Ingenieurschmiede - 50 Jahre Fach- und Hochschulausbildung in Maschinenbau, Verfahrenstechnik und

21.05.2008 - (idw) Hochschule Niederrhein - Niederrhein University of Applied Sciences

Wer erinnert sich noch an 1958? Auf der Hannovermesse für Industrie sind Stereoschallplatten die Sensation.?Der Deutsche Artur Fischer erfindet den Dübel aus Nylon mit Einschnitt und Flügel und revolutioniert den Befestigungsmarkt. Ein Liter Normalbenzin kostet 62,5 Pfennig. Und in Krefeld nimmt die Staatliche Ingenieurschule für Maschinenwesen am 1. April den Betrieb auf. Die 72 jungen Männer, die zum ersten Jahrgang gehörten, erinnern sich noch gut an diesen Tag und auch an die folgenden Jahre. Mit den meisten der 44, die zweieinhalb Jahre später als erste Ingenieure die Lehranstalt verließen, hat der Krefelder Kunsthistoriker Dr. Werner Schmidt im Auftrag der Hochschule Niederrhein gesprochen. Einige konnte er nicht befragen, weil sie ausgewandert oder verstorben waren. Aber alle lebenden Absolventen des ersten Jahrgangs sowie die ersten sieben Ingenieurinnen sind ermittelt und werden am 6. Juni als Ehrengäste zum 50. Geburtstag ihrer Studienstätte erwartet, die heute als Fachbereich Maschinenbau/Verfahrenstechnik und Fachbereich Elektrotechnik/Informatik firmiert. Und noch ein weiteres Jubiläum wird in Anwesenheit von Nobelpreisträger Peter Grünberg und Innovationsminister Andreas Pinkwart gefeiert: der Niederrheinische Bezirksverein des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) wird 100 Jahre alt. Beide Jubilare verbindet das Engagement für eine qualitätsvolle Ausbildung des Ingenieurnachwuchses bis in die heutige Zeit hinein.

Und das bestätigen die Absolventen des ersten Jahrgangs, die nach dem Ingenieurabschluss in Krefeld noch weiterstudiert haben. Hans Hamacher etwa, heute 72, promovierte in Aachen, arbeitete in der Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt und ging dann zum Lehrstuhl für Raumfahrttechnik an der TU München, ein anderer arbeitete lange Jahre in den USA bei der NASA-Legende Wernher von Braun, ein dritter promovierte ebenfalls und wurde Professor in Bochum. Der Großteil jedoch ging in die Industrie, wo die Unternehmen im Boom der sechziger Jahre sehnsüchtig auf junge Ingenieure warteten. Damit gleicht die damalige Situation der heutigen auf frappierende Weise - im Land NRW werden 20.000 Ingenieure gesucht. Im Gegensatz zu heute konnten die Erwartungen jedoch in den Sechzigern weitgehend befriedigt werden. Am Ende jedes Semesters verließen etwa 100 junge Ingenieure mit einem erfolgreichen Abschluss die Schule. Bei Gründung der Fachhochschule Niederrhein im Jahr 1971 umfasste die Absolventenliste 1.295 Namen. Seit 1960 wurde das Studium mit einer eigenständigen Ingenieurarbeit abgeschlossen. Dieses Prüfungselement hatte der damalige Abteilungsleiter Elektrotechnik, Dr.-Ing. Rolf Merten, als erster in Deutschland in Krefeld eingeführt. Zuvor gab es nur Klausuren und mündliche Prüfungen.

Dem guten Ruf der Krefelder Absolventen entsprach das Image der Ingenieurschule. Als am 1. April 1958 mit einem Direktor, vier Dozenten, einer Sekretärin und einer Verwaltungskraft begonnen wurde, gab es einen "Lehrplan auf dem neuesten Stand der Zeit", so Werner Schmidt. Im Stundenplan finden sich Fächer wie Kultur- und Wirtschaftskunde, denn man wollte keine Fachidioten ausbilden. 38 Wochenstunden Studium ließen keine Kurzweil aufkommen, weswegen dann auch "nächtelang gefeiert wurde wie die Verrückten", wie Werner Schmidt von seinen Zeitzeugen erfuhr. Oder auch schon mal nachmittags, wenn der Bus, mit dem die Studenten von Laborübungen in Essen und Duisburg zurückkamen, kurz nach der Krefelder Stadtgrenze immer vor einem Lokal anhalten musste. Improvisation war Trumpf in den Anfangsjahren. Das schien dem Ruf nicht abträglich zu sein, denn bereits vom ersten Semester an musste ein Auswahlverfahren über die Zulassung zum Studium entscheiden. So hatten sich für die 70 Studienplätze, die zum Start der Schule im April 1958 zu vergeben waren, mehr als 200 junge Leute beworben. Ein Jahr später bewarben sich allein für die 35 Studienplätze im neu eingerichteten Fachbereich Verfahrenstechnik 219 junge Männer.

Als die Ingenieurschule 1965 endlich ein eigenes Gebäude an der Reinarzstraße erhielt, hatte sie fast 800 Studierende. Bereits 586 Ingenieure hatten bis dahin ihr Examen bestanden im "erfolgreichsten Provisorium von Nordrhein-Westfalen", wie die Landesregierung feststellte. Vorher mussten sie in den zahlreichen Behelfsschulräumen selbst noch Hand anlegen - etwa, als das Dampfkesselhaus der Webschule an der Lüderstraße aus Wellblech und Blei ein neues Dach bekam, oder Tafeln und Arbeitstische in die Klassen eingebaut werden mußten. Dabei griffen auch die Dozenten mit zu. Lässt sich die fabelhafte "Corporate Identity" schöner als in diesem Bild festhalten?

Heute blicken die Nachfolge-Fachbereiche der Ingenieurschule auf dem Campus Süd der Hochschule in eine rosige Zukunft: Die Absolventen haben keinerlei Probleme auf dem Arbeitsmarkt, die Zahl der Studienplätze ist ausgebaut worden und die Nachfrage steigt weiter an. Besonders groß ist der Zustrom zu den Bachelorstudiengängen der kooperativen Ingenieurausbildung (KIA), bei der parallel zum Studium eine Facharbeiterlehre absolviert wird. Mehr als 150 Studienanfänger pro Jahr nimmt die HN inzwischen für das duale Studium auf, was bei den Ingenieuren einem Anteil von 30 Prozent entspricht. Gerade ist ein KIA-Studiengang für Elektrotechnik mit den Schwerpunkten Automatisierungstechnik sowie Kommunikations- und Nachrichtentechnik gestartet worden. An ihm beteiligen sich drei namhafte Unternehmen aus Krefeld. Die Siemens AG etwa lässt ihren Ingenieurnachwuchs im Maschinenbau bundesweit an der Hochschule in Krefeld ausbilden - in kooperativer Studienform, die damit zugleich ein Modell für die Zukunft ist.